Die Würde des Tieres ist unantastbar

Kurt Remele: Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine neue christliche Tierethik, Kevelaer: Butzon & Bercker 2016, 232 S., ISBN 978–3–7666–2233–4.

Kurt Remele hat ein wichtiges, ein mutiges und auch ein gutes Buch geschrieben. Bevor ich jedoch zu Remeles Buch selber komme, möchte ich folgende Überzeugung zum Ausdruck bringen: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Menschenwürde und der Menschenrechte (Menschenrechtserklärung der UNO; deutsches Grundgesetz usw.). Das 21. Jahrhundert wird nun das Jahrhundert der nächsten Runde in der moralischen Evolution sein: das Jahrhundert der ebenso unvermeidlichen wie schwierigen Diskussion um Tierwürde und der Tierrechte. Kurt Remeles Buch ist ein Baustein in dieser Diskussion über unseren Umgang mit den Tieren, der mit der von Remele eingeklagten „Würde des Tieres“ nicht vereinbar ist.
Zunächst kurz zum Inhalt. Das 1. Kapitel widmet sich den diversen Positionen innerhalb der Ethik, wobei vor allem der traditionelle „Ausschluss“ der Tiere aus dem moralischen Gesichtskreis erörtert wird, aber auch vereinzelte „Ausweitungen“ dargestellt werden. Das 2. Kapitel wendet sich dann der Bibel zu und stellt die Frage, ob sie „Gottes Lizenz zum Töten von Tieren?“ sei. Leitfaden ist hier die These der Autorin Elizabeth Costello, die Menschheit habe Gott womöglich auch deswegen erfunden, um sich eine göttlich „sakralisierte“ Erlaubnis zu verschaffen, dass es in Ordnung sei, Tiere zu essen. Im 3. Kapitel wird dann unter der Leitfrage „Arroganter Anthropozentrismus?“ die praktisch und auch argumentativ wenig rühmliche Geschichte des Christentums in dieser Frage nachgezeichnet. Im 4. Kapitel setzt sich Remele kritisch mit einschlägigen Argumentationsversuchen zugunsten des massenhaften Verbrauchs von Nutztieren – wir töten derzeit mehr als 3.000 Nutztiere pro Sekunde (!) – auseinander. Gegen das übliche und in sich inkonsistente „Konzept“ einer „Ausbeutung mit Feingefühl“ setzt er seinen „vegetarisch-veganen Imperativ“, den er vorher so definiert hat: „kein unnötiges Töten von Tieren und keine unnötige Zufügung von Schmerz und Leid!“ (S. 80) Das 5. Kapitel schließlich umreißt die Grundzüge einer entsprechenden „zeitgemäßen christlichen Tierethik“. Remele ist hier kein Hardliner: Es gebe natürlich tragische Entscheidungen, in denen das Töten von Tieren unvermeidlich sei, aber das rechtfertige noch lange nicht das unnötige industrielle Töten und Schmerzzufügen.
Remeles Buch ist gut und verständlich geschrieben. Man bekommt einen hervorragenden und mit vielen Zitaten angereicherten Überblick über Pro und Contra der Thematik. Zwar hätte ich mir noch eine metaphysische oder kosmologische Vertiefung der Thematik gewünscht, doch wird insgesamt auch so sehr deutlich, dass eine auch unter christlichen Ethikern beliebte vormoderne Rechtfertigungsstrategie im Lichte eines evolutiven Weltbildes argumentartiv haltlos geworden ist. Selbst ein aufgeschlossener christlicher Ethiker wie – der von Remele nicht erwähnte – Alfons Auer hat seinerzeit in seiner „Umweltethik“ erklärt, der Mensch sei „die Mitte, um die herum alles gebaut ist“ (Auer 1984, S. 220). Alles Äußere diene dieser „Mitte“, „indem es sich ihm als Basis für seine Existenz anbietet. Letztlich aber dient alles dem Menschen und seiner Existenz und kommt darin zu seinem Daseinssinn“ (ebd., S. 57). Ich würde sagen: Der Daseinssinn etwa eines Schweins liegt einfach im Leben des Schweins selbst; denn wieso genau es erst im Menschen und im Gegessenwerden zu seinem Daseinssinn kommen soll, bleibt unerfindlich. Derartige „Argumente“ zu entlarven, ist nicht das geringste Verdienst des Buchs von Kurt Remele.

Michael Schramm, Stuttgart