Wolfgang Schmidbauer: Enzyklopädie der Dummen Dinge. München: oekom-Verlag 2015, 233 S., ISBN 978–3–86581–732–7.
Karen Hamann, Anna Baumann, Daniel Löschinger: Psychologie im Umweltschutz. Handbuch zur Förderung nachhaltigen Handelns. München: oekom-Verlag 2016, 137 S., ISBN 978–3–86581–799–0 (ab 2017 als kostenfreier Download).
Das Bibelzitat kommt in keinem der beiden Bücher vor, handelt es sich doch um sozial- und kommunikationspsychologische Abhandlungen. Aber die synoptische Passionsszene kommt unweigerlich in den Sinn und will nicht mehr weichen. Alles ist zutiefst menschlich. Oder nur Gewohnheit? Oder Bequemlichkeit?
Die drei Autoren des Handbuchs „Psychologie im Umweltschutz“ beschäftigen sich mit niedrigschwelligen Angeboten, die es Menschen erleichtern, sich umweltschützend zu verhalten. Dabei unterscheiden sie in ihren konkreten Zugängen zwischen schon Engagierten und den noch zu motivierenden Menschen. Es ist kein reines Methodenbuch. Undogmatisch erklärend, frei von Bevormundungen geht es immer wieder um die persönliche Verantwortung im Rahmen der Selbstwirksamkeit. Entstanden ist das Buch aus Arbeit des Vereins „Psychologie im Umweltschutz“ (www.ipu-ev.de). Also aus einer Bottom-up-Initiative, wenn man so will. Es bietet viele Beispiele, wie Umweltabsichten erfolgreich umgesetzt und die Menschen mitgenommen werden können. Die strenge Evaluierung zum Wohl der Umwelt und damit des Menschen. Eine der Thesen: Problemwissen ohne Handlungswissen geht an den Lösungen vorbei. Das gilt auch für die Argumentation gegenüber Behörden. Die Moral (oder Werte oder Glaubenssätze des Lebens), die sich in Gewohnheiten äußert, wird psychologisch reflektiert und für die Motivation utilisiert. Das kann der Umwelt helfen und dem nachhaltigen Umgang mit ihr.
„Die Welt der Dinge ist so unergründlich und vielfältig wie die Welt der Seele“, sagt auch der Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer. Die Wechselwirkungen seien viel komplizierter als eine Gegenüberstellung von dummen und klugen Dingen fassen kann. Der Autor der „Enzyklopädie der dummen Dinge“ plädiert daher für „haltgebende Umwelten“ und lässt sich nicht auf eine Moraldiskussion ein. Lernen durch Erleben, welches die Unsicherheit des Gelingens akzeptiere. Auch diese Grundhaltung des „bedächtigen Vorgehens“ kommt undogmatisch und menschenbezogen auf den Leser zu. Ob man durch Verzicht schlauer wird? Klar ist für ihn, dass dumme Dinge unser Leben manipulieren können, und dass wir das ganz freiwillig zulassen. Viele Beispiele für den Grenznutzen einer Innovation huldigen dem Faktum, dass sich „militärische Grundsätze auf die Konsumgüterindustrie“ auswirken. Schmidbauer schreibt als Empiriker der Sozialpsychologie und nicht als Kulturpessimist! Seit vierzig Jahren beschäftigt er sich in seiner Psychologie des Konsumverzichts mit dem Homo consumens. Heute resümiert er, dass die meisten „Dinge, mit denen wir uns umgeben, unsere Möglichkeiten schwächen, einsichtig zu handeln, gesund zu bleiben und unsere Intelligenz zu trainieren.“ Der erwachsene Konsument werde unfähiger und denke, Waren ersetzten Kreativität. Der Leser erinnert die Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. (Kant 1783). Die Ursachen dieses Unvermögens sieht der Autor jedenfalls in der Bequemlichkeit und Feigheit (Kant spricht von „sapere aude“). Für seine Enzyklopädie hat der Psychotherapeut 41 Beispiele ausgewählt. Sein Fazit: Die Konsumgesellschaft betreibt Raubbau, verbraucht mehr Rohstoffe, als nachwachsen und zahlt die Zinsen für ihre Kredite durch neue Schulden. Intelligent sei das nicht, und mit nachhaltigem Handeln habe es auch nichts zu tun, rufen ihm die Autoren des Handbuchs „Psychologie im Umweltschutz“ zu.
Fragen und Antworten nach dem besten Leben und Überleben überschneiden sich in beiden Büchern. Und beide bringen Annäherungen für Lösungen. Problemwissen alleine funktioniert nicht. Vermittlungswissen ermöglicht Konsumverzicht. Die Erfahrungsebenen sind unterschiedlich belegt. Schmidbauer hat den Konsumenten im psychologisch-philosophischem Sinne häufiger als Objekt im Fokus (durch Intelligenz der Ware entmündigt). Die Autoren vom Verein „Psychologie im Umweltschutz“ betonen ihn mehr als Subjekt, indem sie seine Bausteine einer Motivationsbildung analysieren und sowohl die kognitiven als auch emotionalen Widerständigkeiten auflösen wollen. Das Angstthema beschäftigt beide. Die Angst vor Kontrollverlust impliziert bei den jungen Autoren in fast kampagnenfähig beschriebener Form den Weg in einen positiven Umweltschutz. Schmidbauer hingegen verbindet das Angstthema („Das Sicherheitsprinzip trägt zum Dummwerden der Dinge bei.“) mit der Sucht nach (zu viel) Bequemlichkeit, wissend, dass diese Bequemlichkeit, überhöht als „gesellschaftliches sittliches Gut“, das Vertrauen dem ökonomischen Denken einer Warenbotschaft unterworfen hat.
Es lohnt die beiden unterschiedlichen Zugänge zu lesen, auf sich einwirken zu lassen und den eigenen Gedanken viel Raum zu geben. „Künftige Generationen werden die Zeit, in der wir heute leben, möglicherweise als Schnittstelle eines epochalen Bewusstseinswandels ansehen“, kommentiert Matthias Hüttmann in einer Radioreportage im BR-radioWissen über Hanns Jonas – den Philosophen des Umweltbewusstseins. Wer sich hin und wieder unschlüssig ist, dem seien zudem die einzelnen Beispiele aus der Enzyklopädie der Dummen Dingen für eine humorvolle persönliche Konfrontation empfohlen – weil ja alles tatsächlich zutiefst menschlich ist.
Volker Born, Wiesbaden