Anna Maria Riedl, Anna Kroll, Felix Krause, Michael Hartlieb (Hg.): Gender – Autonomie – Identität. Beobachtungen, Konzepte und sozialethische Reflexionen (Forum Sozialethik, Bd. 15) Münster: Aschendorff Verlag 2015, 202 S., ISBN 978–3–402–10641–9.
Gender-Studies sind hochaktuell. Sie werden durch zahlreiche Fragen der gerechten bzw. guten Gesellschaft und der persönlichen oder zwischenmenschlichen Lebensgestaltung herausgefordert. Schon deshalb ist die Beschäftigung mit „Gender“ in der Sozialethik unverzichtbar. Der Sammelband widmet sich dieser Auseinandersetzung und legt das Thema inhaltlich breit an: Gender, Autonomie und Identität. Tatsächlich haben sich in der Entwicklung des Gender-Diskurses die Anliegen und Theorien von Autonomie und Identität als bedeutsam erwiesen. Das Buch fasst, wie in der Einleitung erklärt wird, Gender als Querschnittsthema und Autonomie sowie Identität als Querschnittszielsetzungen der Sozialethik. Der Zusammenhang wird wesentlich darin gesehen, dass das Mühen um Identitätsbildung und Autonomiegewinn in den Gender-Diskursen zur Grundfrage nach den Hindernissen und Bedingungen für Selbstwerdung und Selbstbestimmung geführt habe. Dieser Fokus habe in der Beschäftigung mit den Selbst- und Fremdverständnissen sowie mit Mechanismen bzw. Prozessen sozialen Ein- und Ausschlusses einen Schwerpunkt gefunden, insofern diese Fragen Frauen und Männer sowie das Miteinander und Zueinander der Geschlechter grundlegend betreffen.
Das Buch versammelt die Beiträge des Forums Sozialethik, der jährlichen Tagung der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler im Fach christliche Sozialethik, des Jahres 2014. Es gliedert sich in drei inhaltliche Blöcke: Die erste Gruppe von Beiträgen „Zahlen – Daten – Fakten“ stellt ausgewählte Phänomene der gesellschaftlichen Bedeutung von Geschlecht vor und diskutiert sie in sozialethischer Perspektive: Anna Noweck, Petra Steinmair-Pösel und Werner Veith arbeiten empirische Befunde heraus und plausibilisieren deren in hohem Maße sozialethische Relevanz. Das Gewicht wird in diesen drei Beiträgen auf geschlechterspezifische gesellschaftliche Ungleichheiten in für dieses Thema klassischen Feldern gelegt: auf Bildung, Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, „weibliche“ Altersarmut, aber auch auf die Ungleichzeitigkeit von komplexer wissenschaftlicher Theorieentwicklung einerseits und alltäglichem Geschlechterverständnis andererseits sowie die Differenz von Anspruch und Wirklichkeit hinsichtlich der Gestaltung von Geschlechterrollen insbesondere in Partnerschaften.
Der zweite Teil des Buches versammelt Beiträge zu „theoretischen Herausforderungen“. Andrea Günter schlägt in ihrer philosophischen Reflexion vor, „Fragen der Geschlechtergerechtigkeit als Gerechtigkeitsfragen und nicht als naturrechtlich oder positivistisch abgefasste Identitätsfragen zu verstehen und hochzuhalten.“ (S. 85) Alex Janda diskutiert den Ansatz von Judith Butler, der für den Gender-Diskurs ausgesprochen bedeutend wurde und gerade auch nach der breiten wissenschaftlichen Auseinandersetzung der letzten Jahre weiterhin anregend sein kann. Die Autorin betont die Konzepte der „Intelligibilität und Handlungsfähigkeit bei Butler“. Laura Vogelgesang diskutiert in Auseinandersetzung mit psychoanalytischen Theorien und der These von der ursprünglichen Bisexualität des Menschen die Frage der „Ausbildung der Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung“, wobei die Diskussion psychoanalytischer Thesen in diesem Zusammenhang etwas überraschen mag. Luisa Fischer setzt sich in soziologischer Perspektive mit dem Konzept von Ambivalenz auseinander und plädiert dafür, dass Ambivalenzerfahrungen von der Sozialethik stärker berücksichtigt werden und den Ausgangspunkt für die Debatten um Gender, Autonomie und Identität darstellen sollten. Sie plädiert, m. E. völlig zurecht, dafür, dass Gender als eine durchgängige Dimension theologischer Refl exion in den Diskurs integriert werde müsse.
Der dritte Teil bietet Beiträge, die einzelne „praktische Herausforderungen“ untersuchen. Das „Geschlecht als strukturell bedingte Anerkennungshürde“ untersucht Prisca Patenge: Bei den ungleichen Chancen zum Zugang zur Anerkennungssphäre der Erwerbs- bzw. Familienarbeit erweise sich die Geschlechtszugehörigkeit als eine bedeutsame Strukturkategorie; spezifische geschlechtsdifferente Anerkennungshürden wirkten sich auf Lebenskonzepte und Selbstwahrnehmungen von Männern und Frauen aus. Peter Meiners behandelt die Verflechtungen der zwei Differenzkategorien Geschlecht und geistige Behinderung. Trotz merklichen Autonomiegewinns von Männern und Frauen mit einer geistigen Behinderung in der jüngeren Vergangenheit, der die Selbstgestaltung des eigenen Lebens betrifft, seien doch weiterhin erhebliche Einschränkungen der Selbstbestimmung mit geschlechtsspezifischen Unterschieden festzustellen. Dominik Ritter schließlich widmet seine Überlegungen dem Sexismus, unterscheidet verschiedene Sexismen und skizziert ethische Ansatzpunkte in tugendethischer und sozialethischer Hinsicht.
Das Buch verfolgt das Anliegen, gesellschaftliche Entwicklungen und Zustände auf ihren Zusammenhang mit der Geschlechterthematik hin zu benennen und zu durchleuchten, Sozialethik gendersensibel auszurichten sowie „Gender“ als grundlegende Kategorie der theologischen und sozialethischen Diskussion voranzutreiben. Die Konzeption des Sammelbandes und die Beiträge befinden sich auf der Höhe der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. So beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren beispielsweise mit Gleichheits- und Differenzfragen, beachten dabei aber, dass die Zeit des intensiven Diskurses von Gleichheits- und Differenzfeminismen als Schwerpunkt der Geschlechterdebatten und -forschung vorbei ist; es wird deutlich, dass diese Fragen als Gerechtigkeitsfragen fortbestehen und dadurch ein Fortschritt in der Theoriebildung erreicht wurde. Zudem wird unmissverständlich davon ausgegangen, dass Gender-Theorien bzw. Gender-Studies das biologische Geschlecht nicht leugnen; ihnen gehe es vielmehr um die „wissenschaftliche Analyse von Geschlechterdifferenzierungen“ (S. 11).
Zweifellos ist „Gender“ ein zentrales sozialethisches und theologisches Thema oder besser: eine grundlegende Kategorie. Entsprechend wird die Aufgabe der Gender-Kategorie in der Sozialethik offengelegt: „Die gender-Kategorie in das theologische Sprechen einzuführen heißt, ein kritisches Instrument anzunehmen, mit dem neue Fragen und Denkwege angestoßen sowie alte, unkritische und unreflektierte Kategorien entlarvt und abgelöst werden können. Die gender-Kategorie ermöglicht, die unterschiedlichen Lebenslagen von Frauen und Männern aus einer neuen Perspektive unter Berücksichtigung aller anderen relevanten Faktoren auf die Gerechtigkeitsfrage und auf die Frage nach dem guten Leben hin zu beleuchten und zu evaluieren.“ (S. 13) So veranschaulicht der Sammelband, dass die sozialethische Auseinandersetzung mit „Gender“ nicht nur unverzichtbar ist, sondern auch ein breites Feld mit vielen Forschungsfragen darstellt. Er zeigt die Qualität des Forums Sozialethik – im Aufgreifen dieses hochaktuellen Themas, in der Verbindung von Identitäts- und Autonomiediskursen mit den Gender-Studies und in der Qualität der Beiträge.
Edeltraud Koller,Sankt Georgen/Frankfurt a. M.