Andrea Keller (Hg.): Die Rolle der Tafeln im Sozialstaat. Solidarische Ökonomie oder Armutszeugnis der Sozialpolitik? (Forum Theologie, Philosophie und Ethik, 2) Berlin: Lit 2015, 71 S., ISDN 978–3–643–12892–8.
Vom Tafeln sind die Tafeln© weit entfernt – sie haben mehr mit den Brosamen zu tun, die von den Tafeln der Reichen abfallen. Ihre schnelle Ausbreitung und breite Präsenz hat mit der – so genialen wie problematischen – Verbindung zweier Impulse zu tun: a) dem Wunsch, Bedürftigen zu helfen und ihre materielle Notlage zu lindern, b) dem aus altem Tabu und neuer ökologischer Ressourcenschonung sich speisenden Bestreben, die Vernichtung von Lebensmitteln zu vermeiden.
Tafeln, womit auch ähnliche Angebote der Wohlfahrtsverbände und freier Initiativen gemeint sind, erfahren mittlerweile eine sehr disparate Bewertung. Auf der Systemebene sind die gesellschaftliche Einkommensverteilung, Abbau sozialstaatlicher Rechte, Kürzungen und die Verschiebung von Leistungen aus dem Bereich staatlicher Gewährleistung zu zivilgesellschaftlicher Solidarität und Barmherzigkeit kritisch zu betrachten. Auf der Organisationsebene sind Veränderungen auf dem „Wohlfahrtsmarkt“ durch Tafeln als neue Akteure, die Ressourcenflüsse und Machtverhältnisse tangieren, ebenso zu bedenken wie veränderte Strategien der Handelsunternehmen. Auf der Interaktionsebene sind die Beziehungen, die sich zwischen den in Tafel-Projekten Engagierten und den Klienten ergeben, in ihrer Problematik und in ihren Chancen zu reflektieren.
Angesichts der Breite der Fragestellungen und der mittlerweile recht umfangreichen Literatur ist ein Band von 70 Seiten, der Beiträge einer Tagung der Akademie St. Jakobushaus in Goslar publiziert, sehr bescheiden und darf nicht mit Erwartungen überlastet werden.
Nach einer Einleitung der Tagungsleiterin und Herausgeberin, Andrea Keller, die den Band in den Kontext der gegenwärtigen Debatte einordnet, stellt Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e. V., im ersten Beitrag die Tafeln selbstbewusst „als größte soziale Bewegung unserer Zeit“ (19) vor. Zugleich greift er mögliche Kritikpunkte auf und sucht sie zu entkräften.
Alexander Dietz gibt als Diakoniewissenschaftler, damals bei der Diakonie Hessen für Armutspolitik zuständig, einen Überblick über „die ambivalente Rolle der Tafeln im Sozialstaat“. Positiv wertet er, dass sie Ehrenamtliche, die häufig Kirchengemeinden angehören, mit Menschen in Armutslagen in Kontakt bringe und so auch die Vernetzung von Diakonie und Pfarrgemeinde fördere. Er erschließt im Weiteren kritisch das Spannungsfeld von Zivilgesellschaft und Sozialpolitik, gerade angesichts des „aktivierenden Sozialstaates“, der weniger den Bürger mit sozialen Menschenrechten als das „Aktivierungsobjekt“ sehe. Der begrenzte Stellenwert der Tafeln, die weder Armut noch Wegwerfmentalität noch falsche Politik überwinden können, wird festgehalten, dennoch ihr Beitrag zur Armutslinderung und zum Umweltschutz positiv gewürdigt.
Ulrich Thien vom Caritasverband Münster stellt seinen Beitrag unter den Titel „Mit dem Herzen bei den Armen sein“. Er verbindet empirische Beobachtungen und gesellschaftliche Deutungen der Armutssituation mit theologischen und anthropologischen Überlegungen zu einem „Leben in Fülle“, zur Würde des Menschen, zur gesellschaftlichen Teilhabe und zur sozialethischen und -pastoralen Positionierung der Kirche. Zu den Tafeln selbst wird kaum etwas gesagt.
Insgesamt vergibt der Band die Chance, auf knappem Raum die Rolle der Tafeln zu reflektieren, sich aus einer christlichen Perspektive dazu zu positionieren und zu bedenken, wie bzw. unter welchen Bedingungen Tafel-Arbeit sinnvoll möglich sein könnte. Der Beitrag von Brühl kommt über eine Selbstdarstellung, wie sie auch die Internetseite bietet, kaum hinaus. Die Überlegungen Thiens sind zweifellos zustimmungsfähig, aber zu breitflächig und unspezifisch für die Frage nach dem Stellenwert der Tafeln. Der Beitrag von Dietz immerhin bietet auf 20 Seiten eine gute und differenzierte Übersicht über die Ambivalenzen der Tafeln im Sozialstaat. Weitere Facetten, wie die Gestaltung der Beziehungen zwischen Ehrenamtlichen und Bedürftigen, können verständlicherweise nicht vertieft werden. Trotz unbestreitbarer Ambivalenzen der Tafeln und der Notwendigkeit einer anderen Sozial- und Gesellschaftspolitik steht nämlich die Frage des „Ob“ von Tafeln nicht wirklich zur Debatte an – wer möchte Engagement zur Armutslinderung unter den gegenwärtigen Bedingungen allen Ernstes ablehnen –, das „Wie“ aber sehr dezidiert. Wo so viele Engagierte so viel Arbeit investieren, Güter den richtigen, weil bedürftigen Personen zukommen zu lassen, da sollte man alle verfügbare Gedankenkraft investieren, dass die Form der Beziehung, in der diese Zuwendung erfolgt, Armut nicht wiederum betont, sondern soweit als möglich unterbricht.
Bernhard Laux, Regensburg