SocialMania

Petra Grimm, Michael Müller (Hg.): SocialMania – Medien, Politik und die Privatisierung der Öffentlichkeiten (Schriftenreihe Medienethik Bd. 13), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2014, 90 S., ISBN/ EAN: 9783515109505.

Es handelt sich hier um einen Tagungsband, der auf den Kongress SocialMania vom Juni 2012 an der Hochschule für Medien in Stuttgart zurückgeht. Er beinhaltet eine ausführliche Hinführung der beiden Initiatoren des Kongresses, Petra Grimm und Michael Müller, sowie sechs weitere Vorträge der Referenten. Grimm und Müller beschreiben, wie sich aufgrund der überbordenden Bedeutung des Internets drei große Medien-Utopien und Medien-Dystopien gegenüberstehen:

  • Die erste Utopie beschäftigt sich mit dem Internet als Plattform für Wissensabfrage. Wissen sei im Zeitalter des World Wide Web für alle frei zugänglich sowie immer und überall abrufbar. Dieser Utopie gegenüber steht die dystopische Annahme, dass Menschen von der Informationsflut im Internet überfordert seien und der Raum für „Reflexion und Muße“ genommen werde. Weiter gesteigert werde das durch die ständige Erreichbarkeit von Mitarbeitern durch E-Mails, Smartphones etc.
  • Warum beide Themen hier verbunden werden, ist für den Leser nicht ersichtlich: Zwar ist die permanente Erreichbarkeit ein wichtiges Thema, doch handelt es sich um eine ganz andere Problematik, als die Informationsflut im Internet und deren beliebige Abrufbarkeit.
  • Die zweite Gegenüberstellung beschäftigt sich mit dem ökonomischen Aspekt des Internets. Die Utopie bestehe darin, dass das Internet als „Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft“ fungiert, Kunden in den Fokus nimmt, neue Geschäftsmodelle entwickelt. Die dazugehörige Dystopie mache deutlich, dass dadurch die Privatsphäre im traditionellen Sinn zum Auslaufmodell geworden sei. Zwar scheinen viele Menschen diese Situation zu beklagen, sie sind aber in der Regel dennoch nicht bereit, auf Internet-Aktivitäten und -Angebote zu verzichten.
  • Die dritte Gegenüberstellung beschäftigt sich mit der sozialpolitischen Dimension der Internets. Die Utopie – so Grimm und Müller – lautet: Das Internet lässt neue Formen der Demokratie und Teilhabe entstehen. Die Dystopie bestehe darin, dass sich zwar Gruppierungen im Internet finden, dass sich sogenannte digitale Fellowships bilden, dass aber gesamtdemokratisch keine gemeinsame Wissensbasis mehr zustande komme.

Die nachfolgenden Beiträge befassen sich durchaus mit dem Thema Internet, knüpfen jedoch nicht konsequent an die zuvor beschriebenen Utopien und Dystopien an. Das ist insofern bedauerlich, als somit die genauere Analyse dieser drei Gegenüberstellungen ausbleibt. Eine verpasste Chance. Die Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität, teilweise beschränken sie sich auf die Beschreibung einzelner Internet-Phänomene. Exemplarisch soll hier auf zwei Beiträge eingegangen werden:
Jan-Hinrik Schmidt beschäftigt sich mit der Frage, ob das Social Web in unsere Zeit passt. Über acht Seiten erläutert er einige gängige Praktiken in den sozialen Medien. Hier stellt sich die Frage, an wen ein solcher Beitrag gerichtet ist. Leser, die sich mit den Themen Internet, Social Web, Medienethik etc. auch nur ansatzweise auseinandergesetzt haben, erhalten weder neue Informationen noch gewinnen sie irgendeine wissenschaftliche Erkenntnis. Es werden lediglich bekannte Herausforderungen des Social Webs beschrieben, um abschließend im Fazit die These aufzustellen: „Das Social Web passt in unsere Zeit, weil es zentrale Morphologien, Mechanismen und Paradoxien der Gegenwartsgesellschaft formt, vermittelt und ausdrückt.“ Eine fragwürdige Schlussfolgerung. Denn vermutlich hätte Schmidt seine Ausgangsfrage, ob das Internet in unsere Zeit passt, vor dreißig Jahren nicht anders beantwortet. Wichtiger wäre die Frage nach dem Umgang der Menschen mit dem neuen Massenmedium, mit dem Prozess seiner permanenten Weiterentwicklung.
Auch der Beitrag von Anke Domscheit-Berg bleibt oberflächlich. Sie beschreibt Beispiele des politischen Bürgerengagements, das sich des Internets als Vernetzungsmedium bedient. Auch hier fragt man sich als Leser nach dem Erkenntnisgewinn. Ihre idealistische Schlussfolgerung lautet: „Wir haben mehr Macht als je zuvor, Transparenz von unten herzustellen, auch wenn das von politischer Seite häufig scheinbar nicht gewollt wird.“ Die implizierte Annahme, die demokratisch gewählten politischen Vertreter unseres Landes wollten keine Partizipation der Bürgerinnen und Bürger, wird nicht weiter begründet. Darüber hinaus legt Domscheit-Berg bei den genannten Beispielen mehr Gewicht auf die Bewertung als auf eine medienethische Untersuchung. So schreibt sie: „Den Höhepunkt erfolgreicher Proteste stellt jedoch das gescheiterte Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) dar, in dem mit dem vordergründigen Ziel der Piratenbekämpfung wieder rechtsstaatliche Grundprinzipien verletzt, die Freiheit von Menschen im Internet eingeschränkt und ihre Kommunikation und Handlungen überwacht worden wären.“ Weiter heißt es: „ACTA hätte Menschenleben kosten können“.
Domscheit-Bergs Fazit, das Internet ermögliche mehr gelebte Demokratie, ist nicht falsch, denn das Internet kann für politische Zwecke als Massenmedium genutzt werden. Doch sind Demokratie und Partizipation nicht allein eine Frage des Mediums. Ihr Fazit wirkt geradezu naiv angesichts dessen, dass per Internet keineswegs nur demokratisches Gedankengut verbreitet wird, dass das Internet vielmehr Raum bietet für Extremisten und viele Formen der Diskriminierung. Demokratiefördernd kann es nur durch Nutzer werden, die mit seiner Hilfe demokratiefördernd agieren.
Auch mit Blick auf die übrigen Beiträge wirkt der gesamte Tagungsband eher wie eine Einführung aus vergangener Zeit in das Thema Internet. Politische, pädagogische und ethische Lösungsansätze zu den aktuellen Herausforderungen fehlen.

Agnes Kläsener, Münster