Nachhaltigkeit und Transformation

Jörg Hübner/Günter Renz: Gut – besser – zukunftsfähig. Nachhaltigkeit und Transformation als gesellschaftliche Herausforderung (edition akademie: Neue Folge), Stuttgart: Kohlhammer 2015, 156 S., ISBN 978–3–17–026245–4.

Spätestens seit den 1970er Jahren wird auf den Bereich der Umweltethik aus Reihen der Christlichen Sozialethik verwiesen, dieser somit auch theologisch weitergedacht. Deshalb mag es befremdlich wirken, wenn 2015 der Auftaktband einer neuen Reihe (edition akademie: Neue Folge) unter dem Titel „Gut – besser – zukunftsfähig. Nachhaltigkeit und Transformation als gesellschaftliche Herausforderung“ erscheint.
Dieser fälschlicherweise erweckte Eindruck einer „Erstbeschäftigung“ wird aber bereits mit den Beiträgen von Zahrnt und Brand revidiert. Denn Neuland soll keineswegs betreten werden. Vielmehr steht die Veröffentlichung und die eben dieser vorausgehende Tagung in der Tradition der beiden Studien „Zukunftsfähiges Deutschland I“ (1996) und „Zukunftsfähiges Deutschland II“ (2008).
Verschiedene Perspektiven des Transformationsprozesses werden im zweiten Teil des Tagungsbandes vorgestellt: Hübner, Welzer und Zahrnt/Schneidewind geben mit ihren Beiträgen Einblick in die aktuelle Debatte, die für Leser, welche sich bislang wenig mit Fragen aus dem Bereich Umwelt- und Entwicklungsethik beschäftigt haben, eine sehr hilfreiche Informationsbasis darstellt, dem in der Materie beheimateten Interessierten aber nur wenig Neues bietet.
Anders stellt sich dies bei Knoflacher, Kurth, Gottwald/Boergen und Bommert dar. Sie bemühen sich, mit ihren Beiträgen den Begriff der Nachhaltigkeit in unterschiedlichen Themenbereichen (Mobilität, Stadtentwicklung, Ernährung und Bodennutzung) zu verorten und anzuwenden. Dabei werden sie auch der Forderung des Untertitels – Nachhaltigkeit und Transformation als gesellschaftliche Herausforderung – gerecht. Denn der Schwerpunkt dieses Sammelbandes liegt keineswegs auf dem theoretischen Hintergrund, sondern auf der Frage, wie heute aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus die Bewältigung einer zukunftsfähigen Gesellschaft bereits geschieht beziehungsweise was noch benötigt wird, um dieses Unterfangen gelingen zu lassen.
Eine theologische Verortung bietet einzig und allein Meireis. Entgegen der etwas reißerisch formulierten Überschrift „Protestantisches Ethos als ‚Killer- App‘?“ überzeugt der Beitrag durch eine Auseinandersetzung mit religiösen Aspekten, die bei einem von den Leitern einer evangelischen Akademie herausgegebenen Band erwartet werden darf. Aufbauend auf die Konklusion Fergusons, dass sich „die christliche Moral nicht nur für ein sinnvolles zivilisierendes Instrument, sondern auch persönlich für einen angemessenen Kodex des guten Lebens“ anbiete (S. 133), kommt er zu den zentralen Argumenten seiner Position, also der sehr wohl berechtigten Teilnahme der protestantischen Theologie im Ringen um den rechten Nachhaltigkeitsbegriff durch ihre Orientierung an: „einer bestimmten Gestalt des guten Lebens, […] einer spezifischen Auffassung von Gerechtigkeit und […] einer bestimmten Auffassung der Natur“ (S. 144).
Ob jedoch die exklusive Auseinandersetzung aus protestantischer Sicht klug und der Thematik gerecht war, ist eine Frage, die den Herausgebern gestellt werden kann und muss. Schließlich war (und ist) die Studie ebenso katholisch wie protestantisch (Zukunftsfähiges Deutschland I wurde von BUND, Wuppertal-Institut und Misereor, Zukunftsfähiges Deutschland II dagegen von BUND, Wuppertal-Institut und Brot für die Welt herausgegeben). Ein weiterer Beitrag aus dem theologischen, dann eher katholischen Blickwinkel heraus hätte die Zusammenhänge deutlicher hervortreten lassen und das ökumenische Potential der Schlagworte Nachhaltigkeit und Transformation unterstrichen. Denn wenn diese beiden Begriffe in ihrer heutigen Verwendung auch nicht allein aus dem religiösen Bereich hervorgegangen sind, so bleibt doch die Hoffnung (oder: Tatsache?), dass sie im theologischen Kontext das Potential haben, eine weitere Ebene mit einzubeziehen und hierzu ergänzende Begründungmuster bieten. Auf diese zugunsten einer leichteren Verständlichkeit über die eigenen Grenzen hinaus zu verzichten, hieße auch, die Forderungen der Öffentlichen Theologie außen vor zulassen, was gerade bei einem breitenrelevanten und -wirksamen Thema wie der Umweltethik zu kurz gedacht wäre.
Eine Untergliederung bereits im Inhaltsverzeichnis hätte den Überblick vereinfacht und zu einer leichteren Orientierung im Buch führen können.
Nichtsdestoweniger stellt der Band einen Zugewinn dar, der unter anderem die große Reichweite der Studien „Zukunftsfähiges Deutschland I“ und „Zukunftsfähiges Deutschland II“ und die in ihrer Tradition stehenden Weiterführungen und Aktualisierungen nachzeichnet und würdigt.

Julia Blanc, Belfort/Frankreich