Martin Dabrowski, Judith Wolf, Karlies Abmeier (Hg.): Migration gerecht gestalten, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015, 187 S., ISBN 978–3–506–78196–3.
Der Band dokumentiert eine Tagung, die im Herbst 2014 im Franz Hitze Haus in Münster veranstaltet wurde. Die Kooperation der Akademien Franz Hitze Haus und „Die Wolfsburg“ mit der Konrad-Adenauer- Stiftung und den sozialethischen Lehrstühlen der Universitäten Bochum und Münster hat sich schon in anderen interdisziplinären Projekten bewährt. Obwohl die Beiträge vor den aktuellen Debatten um die Flüchtlingspolitik verfasst wurden, ist ihre Lektüre gerade auch nach den Erfahrungen der verstärkten Migration nach Deutschland im Jahr 2015 sehr zu empfehlen, um einen unaufgeregten Einblick in verschiedene Facetten eines oft stark emotional aufgeladenen Themas zu erhalten.
Das Buch gliedert sich in vier Hauptbeiträge, die jeweils in zwei Korreferaten kommentiert werden. Auch wenn die Beiträge nicht unbedingt zu kontroversen Sichtweisen Anlass gegeben haben, ergeben sie doch in der Zusammenschau ein erfreulich breites Spektrum von Informationen und methodischen Annäherungen. Den Texten ist anzumerken, dass sie für die Drucklegung gründlich bearbeitet wurden und einen aktuellen Forschungsstand präsentieren. Besonders hervorzuheben ist die Qualität der kommentierenden Aufsätze, die als komplementäre Texte mit je eigenem Profi l den ihnen zugrundeliegenden Hauptreferaten in nichts nachstehen.
Die vier ausgewählten Themenschwerpunkte sind neue sozialwissenschaftliche Einsichten zur Migration, eine kritische Sichtung der rechtlichen Regelungen, wirtschaftspolitische Optionen für die Steuerung des Arbeitsmarkts sowie ein sozialethischer Blick auf konkrete Handlungsfelder der Integration von Migranten. Da hier leider nicht alle Autorinnen und Autoren gewürdigt werden können, seien lediglich beispielhaft einige Aspekte herausgegriffen, die für das Niveau der bereits geleisteten Arbeit stehen und die zu weiteren Diskussionen herausfordern. Bemerkenswert ist, dass ethische Überlegungen in sämtlichen Artikeln zum Zuge kommen, also nicht nur im explizit sozialethischen vierten Teil, und dass damit die Leitfrage nach einer gerechten Gestaltung von Migration aus der Sichtweise aller beteiligten Disziplinen aufgegriffen wird. Dieses gemeinsame Bemühen um eine Fokussierung gibt dem Band eine begrüßenswerte Kohärenz, die ja von Tagungsdokumentationen durchaus nicht immer erreicht wird.
Der Eröffnungsbeitrag des Soziologen Ludger Pries (S. 11–23) thematisiert den in Deutschland relativ spät erfolgten Paradigmenwechsel zum Selbstverständnis als modernes Einwanderungsland und zeigt, wie der nationalstaatliche „Container“, der herkömmliche Bezugsrahmen für die Beschreibung sozialer Ungleichheit, durch transnationale Strukturen beeinfl usst wird, die für immer mehr Menschen eine erfahrbare Wirklichkeit darstellen, in der sie ihre Vorstellungen von Ungleichheit und Gerechtigkeit entwickeln. In einem ausführlichen zweiten Haupttext (S. 39–80) schildert Markus Babo die Tendenzen im Ausländer- und Asylrecht am Beispiel Deutschlands unter Berücksichtigung der europarechtlichen und internationalen Verbindlichkeiten. Die Kommentierung dieses von einem bestens informierten theologischen Sozialethiker geschriebenen Beitrags durch zwei Vertreter der Rechtswissenschaft ist besonders anregend hinsichtlich der Kommunikation zwischen den Disziplinen. Jan Schneider und Caroline Schultz, beide vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration, beschäftigen sich im dritten Teil mit der ethisch relevanten Frage, wie sich eine ökonomisch erwünschte Migration auf den Arbeitsmarkt auswirkt und welche Steuerungsinstrumente dabei zum Zuge kommen (S. 97–130). Marianne Heimbach-Steins diskutiert schließlich als Sozialethikerin die normativen Gehalte von Integrationskonzepten und zeigt, wie sich diese in lebensweltlichen Kontexten konkretisieren (S. 149–170).
Insgesamt ist durch die Kooperation aller Beteiligten ein hervorragend komponierter Sammelband entstanden, der durch ein hohes Maß an ethischem Reflexionsvermögen über die Fächergrenzen hinweg überzeugt und als Inspirationsquelle für eine künftige Ethik der Migration mit Nachdruck empfohlen werden kann.
Walter Lesch, Louvain-la-Neuve