Eine arme Kirche für die Armen

Jorge Gallegos Sánchez, Markus Luber: Eine arme Kirche für die Armen – Theologische Bedeutung und praktische Konsequenzen, Regensburg: Pustet 2015, 304 S., ISBN/EAN: 9783791726731.

Als Franziskus zu seiner ersten Papstreise aufbrach, war Lampedusa sein Ziel. Er erinnerte auf der Mittelmeerinsel an das Schicksal von tausenden ertrunkenen Flüchtlingen und besuchte Menschen, die aus nackter Angst ums Überleben ihre Heimat verlassen hatten. Damit zeigte das katholische Kirchenoberhaupt, dass er es mit seinem Hauptanliegen sehr ernst meint: Die Weltkirche soll „eine arme Kirche für die Armen“ sein. Was aber bedeutet dieses prägnante Wort, das der Papst kurz nach seiner Wahl gegenüber Medienvertretern äußerte, für Kirche und Theologie? Vor welche Herausforderungen werden hier die (katholischen) Christen gestellt? Mit diesen Fragen befasst sich ein Autorenkollektiv, das das pastorale Ziel des Papstes gleich zum Titel des Buches gewählt hat. Vorausgegangen war an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt ein Studientag des Instituts für Weltkirche und Mission (IWM), auf dem sich einige der Verfasser bereits mit den Quellen wie auch den Konsequenzen der (Neu-)Ausrichtung durch Franziskus befasst hatten.
Wollte man es salopp sagen, dann hat Franziskus das Rad nicht neu erfunden, sondern ganz im Gegenteil: Seine Positionierung steht in direkter Anbindung an die biblische wie auch kirchengeschichtliche Tradition der Kirche, betont beispielsweise der Dogmatiker Dirk Ansorge. Er wie auch einige weitere Autoren kommen häufig auf Texte des Alten wie des Neuen Testaments zu sprechen, vom Propheten Amos über die Bergpredigt Jesu bis hin zu den paulinischen Briefen. Überall zeige sich, wie sie hervorheben, ein zentrales Element im Umgang mit Armen und Bedürftigen, das auch im II. Vatikanischen Konzil und den lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Medellin oder Puebla hervorgehoben werde: Die Menschen, die Not leiden, dürfen nicht als Objekte von noch so gut gemeinter Fürsorge, sondern müssen als Subjekte gesehen werden, denen man auf Augenhöhe begegnet.
Wer aber sind eigentlich diejenigen, die als „arm“ bezeichnet werden? Aus unterschiedlichen Perspektiven wird diese Frage in den Blick genommen, mal vornehmlich ökonomisch, mal stark theologisch oder auch eher soziologisch. In Markus Patenges Plädoyer für ein Verständnis von Armut, das viele Gesichter hat, kommt sehr deutlich zum Ausdruck, dass sie nicht nur eindimensional als materielle Not verstanden werden, sondern der Blick auf alle Menschen gelenkt werden soll, die unter „Mangel an Verwirklichungschancen“ leiden. Wenn aber nun Armut so weitläufig verstanden wird, dann, betont der wissenschaftliche Mitarbeiter am IWM , sollen Christen auch sensibel sein für die doch recht unterschiedlichen Erscheinungsformen. Clemens Sedmak, Leiter des Salzburger Instituts für Ethik und Armutsforschung, gibt zu bedenken, dass der Dienst einer Kirche der Armen auch in der Lage sein müsse, lokale Gegebenheiten einzubeziehen und durch diese Vielfalt der Reichtum des Evangeliums besser zum Ausdruck kommen könne.
Einen weiteren Aspekt bringt der IWM-Mitarbeiter Sebastian Pittlein, indem er auf den Appell des Papstes zu sprechen kommt,„an die Ränder zu gehen“, das heißt, alle Orte aufzusuchen, wo Menschen vom Scheitern bedroht sind oder die „Zerbrechlichkeit ihres Lebens“ erfahren. Das kann am Ende natürlich zu einer „verbeulten Kirche“ führen, schreibt Clemens Sedmak, der damit einen Begriff von Franziskus aufnimmt. Kirche lebe von ihrer Offenheit und dürfe sich nicht abschotten, beispielsweise aus Angst, einen Fehler zu begehen. Erst eine Kirche, die sich den Bedürftigen zuwendet, wird ihrer „Sendung und ihrem Daseinszweck entsprechen“, schlussfolgert der Dogmatiker Martin Kirschner aus der Kirchenkonstitution Lumen gentium.
Wenn die Kirche sich konsequent anden Armen ausrichten soll, sind damit aber durchaus weitere Implikationen verbunden. Der Innsbrucker Dogmatiker Willibald Sandler spricht davon, dass Kirche auf diese Weise an die Grenzen ihres wesensmäßigen Auftrages geführt werde, weil man spüre, dass die eigenen Fähigkeiten und Mittel unzureichend sind, um Gegebenheiten oder Verhältnisse zu verändern. Und er weist auf ein vermeintliches Paradoxon hin: Kirche soll Armut bekämpfen, aber zugleich in dieser Form leben? Der Autor sieht die Lösung in einem starken Weg der Mitte, der sowohl Weltbezogenheit als auch Welttransparenz beinhaltet.
Ob eigentlich eine arme Kirche überhaupt ein erstrebenswertes Ideal ist, zieht Markus Patenge durchaus in Zweifel. Wenn nämlich die Kirche allen Besitz veräußere, um auf diese Weise Bedürftige zu unterstützen, biete sich das ggf. für eine Nothilfe an, langfristig helfe sie den Armen damit aber keineswegs. Der Verfasser stellt dabei deutlich heraus, dass das Bestreben nach Besitz zunächst einmal nicht mit negativen Vorzeichen besetzt sei, aber die Gefahr beinhalte, den Egoismus zu fördern. Die Institution Kirche müsse sich stets aufs Neue der Frage zuwenden, wie viel Geld, Macht und Wohlstand sie brauche. Dies hatte bei der eingangs genannten Tagung der Gesellschaftsethiker Bernhard Emunds gefordert und die Kirche aufgerufen, selbst eine Kontrast- oder Alternativgesellschaft zu sein. Uta Andrée, Studienleiterin an der Missionsakademie der Uni Hamburg, schreibt: „Alle Kirchen sind da zu kritisieren, … wo sie eine authentische Botschaft vom Reich Gottes aufgrund eines eigennützigen Wohlstands verunmöglichen.“ Dass sich Kirche aber nicht außerhalb der Welt stellen könne, sondern mit den vorhandenen Mitteln am Kampf gegen die Armut beteiligen solle, wird ebenso in dem Buch deutlich. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Aussagen des Kirchenrechts, die Nicole Hennecke untersucht hat. Wenngleich auch im CIC nicht die Redeweise von einer „armen Kirche“ auftauche, betone das Kirchengesetz gleichwohl die Verpfl ichtung zur Demut, die Caritas besonders gegenüber den Armen und fordere schlussendlich zu gesellschaftlichem Engagement auf. Universalkirchliches Recht, erklärt Nicole Hennecke, stelle nicht das Vermögen von Kirche generell in Frage, sondern das Wie. Die Leiterin der Katholischen Erwachsenenbildung Saarbrücken nennt zwei konkrete Fälle, in denen eine solche Aufarbeitung stattfi nden könnte: die Geschehnisse in Limburg und die Finanzprobleme innerhalb der Generalleitung des Franziskanerordens.
Die von Hennecke aus juristischer Perspektive angesprochene soziale Dimension einer Armutsoption bedarf aber durchaus einer weiteren kritischen Reflexion. Der argentinische Philosoph Juan Carlos Scannone SJ bezieht sich intensiv auf das Papst-Schreiben Evangelii Gaudium, in dem Franziskus Gemeinschaftsleben und Verpflichtung gegenüber anderen als „unausweichlichen“ Inhalt des Glaubensbekenntnisses darstellt. Daraus lässt sich für den Autor, verkürzt gesagt, ableiten, dass Christen an der Behebung solcher Strukturen beteiligt sein sollen, die Armut bedingen. Der Papst fordere „zu einer so genannten Kultur der Solidarität als individuelle und gesellschaftliche Tugend auf“, erläutert Scannone.
Die Befreiungstheologen, zu denen man den Papst „beim besten Willen“ nicht zählen kann, setzen indes einen anderen pastoralen Schwerpunkt, wie der brasilianische Theologe Francisco de Aquino Junior trennscharf herausarbeitet. Diese Denkrichtung betone einen erforderlichen Wandel der gesellschaftlichen Strukturen. Gleichklang beider Seiten, also Befreiungstheologen hier und Theologen wie Papst Franziskus dort, bestehe allerdings in der Option für die Armen. Während der Autor selbst dafür eintritt, beide Richtungen gemeinsam in den Blick zu nehmen, macht Uta Andrée darauf aufmerksam, dass sich der Ökumenische Rat der Kirchen, der rund 500 Millionen Christen repräsentiere, sehr deutlich positioniert und einen Systemwandel einfordert, der unter anderem eine Finanztransaktionssteuer und eine Besteuerung von Kapital beinhaltet. Und die Autorin erinnert an die Schriften von Martin Luther, mit denen er den Wucher bei Zinsen und Darlehen seiner Zeit anprangert.
So sehr es zu den Pluspunkten des Buches gehört, das Thema aus einer Vielzahl von Blickrichtungen zu behandeln, so kann man kaum über ein Manko hinweggehen: Es mangelt an einer inhaltlichen Struktur. Damit wird die Gefahr real, dass Zitate und Ereignisse wiederholt auftauchen. Bedauerlich wird es allerdings, wenn wichtige Zusammenhänge nicht hergestellt werden. Beispielsweise findet sich die kritische Würdigung der zentralen Franziskus-Formulierung „Rand“ nicht bei der Beschreibung, sondern an einer ganz anderen Stelle im Buch. Es wäre auch von Vorteil gewesen, die Anfragen, die eine Option für die Armen an das Leben von Amtsträgern und Theologen stellt, ebenso zu bündeln wie die biblischen und historischen Rückblenden.
Bewegend und anschaulich sind die Berichte von Sr. Agnes Lanfermann, Generalkoordinatorin der Missionsärztlichen Schwestern aus konkreter praktischer Arbeit im Umgang mit Not Leidenden und Bedürftigen, darunter Drogenabhängige, Alkoholkranke und Arbeitslose. Dass die Armutsbekämpfung der Kirche bei den Betroffenen einen durchaus guten Ruf genießt, analysiert der Jesuit Jörg Alt, sieht allerdings auch Schwachpunkte, unter anderem die vermeintliche Nähe mancher Hilfsorganisationen zu den Mächtigen in verschiedenen Dritte-Welt-Staaten. Dabei stehen nach Worten der Osnabrücker Dogmatikerin Margit Eckholt der Kirche als „global player“ viele Möglichkeiten offen, mit eigenen Beiträgen „Zeichen zu setzen und Hoffnung zu stärken“.

Theo Körner, Dortmund