Umweltschutz und Armutsbekämpfung im Zusammenhang sehen

Die Enzyklika Laudato si‘ wurde mit großem Interesse aufgenommen. Ein halbes Jahr vor dem UN-Klimagipfel in Paris veröffentlicht, stellt sie Umweltfragen in einen weiten politisch-sozialen und ökonomischen Zusammenhang und ist somit ganz auf der Höhe der Diskussion in der internationalen Politik. Ende September wurden in New York die „Sustainable Development Goals“ (SDGs) von der UN-Vollversammlung verabschiedet, die die internationale Politik, besonders die Entwicklungspolitik, bis 2030 bestimmen sollen. Und in diesen Zielen wird, wie in der Enzyklika, darauf hingewiesen, dass Umweltschutz und Armutsbekämpfung in einem inneren Zusammenhang stehen. Auch betont die UN-Vollversammlung, dass es nicht allein den Entwicklungsländern obliegt, sich für die Armutsbekämpfung und die Sicherung des Lebens auf unserem Planeten einzusetzen. In den SDGs wird an die Verantwortung der Industrienationen erinnert. Alle Staaten sind in der Pflicht, so der Beschluss der UN-Vollversammlung, das Leben der Menschen auf dem Planeten zu verbessern und zu diesem Zweck auf zahlreichen Gebieten der Politik zu kooperieren. Auch der Papst betont in der Enzyklika, dass „alles miteinander verbunden ist“ (u.a Nr. 16) und somit ein „ganzheitlicher Fortschritt“ (Nr. 46) notwendig sei, der bei konkreten Schritten immer das Ganze im Blick behält. Man könnte sagen, der Papst erweitert den traditionellen Gedanken der Gemeinwohlorientierung um die ökologische Dimension. Dies wird auch daran deutlich, dass er nicht ökonomische Wachstumsraten oder technische Innovationen für entscheidend hält, sondern „die Besserung der Lebensqualität“ (Nr.46) als Indikator des Fortschritts ansieht. Der Papst bezieht viele Aspekte in seine Überlegungen mit ein: Stabile soziale Beziehungen erachtet er als wichtig für eine gute Lebensqualität. Der Familie misst er eine zentrale Bedeutung bei (Nr. 213), und auch das „historische, künstlerische und kulturelle Erbe“ (Nr.143) hebt er als schützenswert hervor. Insgesamt bietet die Enzyklika durch die Betonung der Lebensqualität einen sehr weiten Fortschrittsbegriff. Das vorliegende Heft will hier anknüpfen und einige der unterschiedlichen Blickwinkel beleuchten, aus denen man Laudato si‘ lesen und deuten kann.
So betont Markus Vogt die Bedeutung der Enzyklika für die ökologische Debatte. Er sieht sie durch ihre enge Verbundenheit von ökologischer und sozialer Gerechtigkeit als Meilenstein in der Entwicklung der katholischen Soziallehre. Als einen Schwachpunkt macht er jedoch aus, dass der Begriff der Nachhaltigkeit in der Enzyklika nicht systematisch entfaltet wird. Matthias Möhring-Hesse setzt sich mit den Argumentationsebenen der Enzyklika auseinander und betont, diese sei nicht, wie manche Kritiker meinten, eine „antikapitalistische Kampfschrift“. Dennoch verweist er auf das negative Bild, das dort von der „jetzigen Wirtschaft“ gezeichnet wird (Nr.109 der Enzyklika). Möhring-Hesse will vor weiteren Diskussionen zunächst klären, welcher Begriff von Wirtschaft in der Enzyklika verwandt wird, um zu verstehen, welche Rolle Franziskus besonders der internationalen Politik für die aus seiner Sicht notwendige öko-soziale Transformation zuspricht. Bezüge der Enzyklika zur Erfahrungswelt Lateinamerikas stellt Gerhard Kruip in seinem Artikel dar. Dabei betont er das Vorgehen des Papstes nach dem Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“. Darüber hinaus hebt Kruip hervor, dass Franziskus in seiner Analyse nicht vorrangig das Handeln Einzelner in den Blick nimmt, sondern Strukturen und Institutionen bewertet. Franz- Josef Wodopia würdigt – durchaus kritisch – die Bedeutung der Enzyklika für die UN-Klimakonferenz in Paris. Er zeichnet die klimapolitische Debatte nach und kommt zu dem Ergebnis, dass Laudato si‘ einen sehr anregenden Beitrag jenseits fachwissenschaftlicher Einzelvorschläge bietet, wie es auch ihrem Anspruch entspricht (vgl. Nr. 61 der Enzyklika). Schließlich stellt Torsten Meireis die evangelische Perspektive auf das päpstliche Schreiben vor. Der evangelische Sozialethiker bescheinigt der Enzyklika einen modernitäts- und kapitalismuskritischen, aber auch einen tugendethischen Grundton. Viele Einsichten seien anschlussfähig an reformatorische und ökumenische Debatten und könnten das Gespräch neu eröffnen. Zu diesem Gespräch über die Enzyklika und ihre Themen will auch das vorliegende Heft einladen und beitragen.