Soziallehre und Diakonie als kirchlicher Dienst an der Welt

Giampietro Dal Toso, Peter Schallenberg (Hg.): Iustitia et Caritas. Soziallehre und Diakonie als kirchlicher Dienst an der Welt, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015, 202 S., ISBN 978–3–506–78128–4.

Kurz vor dem Beginn des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit, das Papst Franziskus ausgerufen hat, greift der Sammelband ein wichtiges Thema auf. Er ist das Ergebnis einer Tagung des Päpstlichen Rates Cor Unum und der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, die sie mit Führungskräften und Wissenschaftlern im März 2014 in Rom veranstalteten.
In 15 Beiträgen setzen sich die Autorinnen und Autoren mit der Frage auseinander, inwieweit der Dienst der Nächstenliebe ein Dienst am Menschen und an der Welt ist und sich theologisch und kirchlich in der Gegenwart verorten lässt. Gerade unter einem Pontifikat wie dem gegenwärtigen stellt sich diese Frage ganz virulent. Denn für Papst Franziskus wird das Gebot der Nächstenliebe zueinem Brennpunkt kirchlichen Handelns, an dem sich die Kirche ihre Glaubwürdigkeit messen lassen muss.
In seinem Beitrag zur Spannung von civitas Dei und civitas terrena setzt sich der theologische Ethiker Peter Schallenberg mit der spannenden Frage auseinander, wie sich Welt und Kirche zueinander verhalten sollten, ob die Kirche eher den Weg der Abschottung oder den Weg der Barmherzigkeit gehen sollte angesichts der zunehmenden Zahl von Menschen mit gebrochenen und kirchlich atypischen Biografien. Die theologische Antwort von Peter Schallenberg ist eindeutig. „Die Sorge der Kirche und die jedes einzelnen Christen für die Welt und die Menschen ist kein Gegensatz, sondern gerade komplementär zur Sorge um die eigene Seele durch das Wirken der Sakramente“ (S. 21). Ganz in der Tradition der Enzyklika Deus caritas est von Papst Benedikt XVI. ist also der kirchliche Liebensdienst kein Nebengeschäft der Kirche, sondern „ein wesentlicher Grundvollzug kirchlichen Handelns“ (S. 21). Schallenberg hebt hervor, dass sich diese Hinwendung gerade dort erweist, „wo Menschen nicht dem Ideal moralischer Konzeptionen entsprechen“ (S. 22). Damit weist er auf einen entscheidenden Unterschied kirchlich-caritativen Handelns hin. Es sieht den Menschen in seinem So-sein und nicht in seinem So-sein-Müssen. Gott wird Mensch in der Begegnung mit allen Menschen, ob dem straffällig gewordenen Menschen oder jemandem, der nach kirchlichem Maßstab in Sünde lebt.
Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, zeigt in seinem Beitrag zum Thema „Die verbandliche Caritas zwischen Diakonie und Sozialpolitik“ noch eine weitere Variante des kirchlichen Liebesdienstes auf: den Dienst der Diakonia im sozialpolitischen Handeln. Denn erst durch gerechte Strukturen und Rahmenbedingungen kann Gerechtigkeit konkreter werden. Kirchlich unumstritten ist es jedoch nicht, ob die Kirche selbst politisch agieren soll. Peter Neher kommt zu einem klaren Fazit: „Im gesellschaftlichen Diskurs und der Gesetzgebung kann sie dann den zum Maßstab machen, der ihr Maß ist – oftmals ohne ihn ausdrücklich zu nennen – Gott selbst“ (S. 40).
Den Leserinnen und Lesern bietet sich in den folgenden Beiträgen eine Fülle von theologischen Impulsen für die Frage nach einer diakonischen Kirche, die sich in der Welt verortet. Besonders spannend ist dabei die Frage, inwieweit das caritative Tun Instrument der Evangelisierung oder an sich eine eigenständige apostolische Funktion hat. Der Caritaswissenschaftler Klaus Baumann kommt in seinem Beitrag zu einem eindeutigen Schluss, indem er – bezogen auf das II. Vatikanische Konzil – von einer „umfassenden diakonischen Sendung der Kirche“ (S. 87) ausgeht.
Besonders spannend sind für die Leserinnen und Leser die Beiträge zum sozialen Handeln aus den osteuropäischen Transformationsgesellschaften. Sie geben einen seltenen Einblick in Ortskirchen, die den Kommunismus überstanden haben und nun nach ihrer eigenen Rolle suchen. Dabei wird deutlich, dass es nicht darum gehen kann, westeuropäische Ansätze kirchlich-caritativen Handelns zu kopieren, sondern eigene Wege zu finden, die den sich stark verändernden gesellschaftlichen und kirchlichen Bedingungen vor Ort gerecht werden.
Gerade in Fragen wie den Ursachen der Armutsmigration sowie der Flüchtlingsarbeit ist es entscheidend, dass die kirchlichen Akteure in den west- und osteuropäischen Ländern immer stärker als Netzwerk funktionieren. Dazu ist auch ein besseres Wissen über die jeweiligen caritastheologischen Perspektiven und die kirchliche Praxis unverzichtbar. Sehr hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch der letzte Beitrag des Sammelbandes von Bojidar Andonov aus bulgarischer Perspektive, der die Frage stellt, ob die orthodoxe Kirche eine Soziallehre braucht.
Insgesamt bietet der Sammelband ein interessantes theologisches Mosaik zum Thema Kirche in der Welt durch caritativen Dienst. Wünschenswert wäre noch eine stärkere Verknüpfung der verschiedenen Beiträge. Es bleibt dem Leser überlassen, sich seinen roten Faden zwischen den Perspektiven zu suchen.

Ulrike Kostka, Berlin