Religionsökonomie

Anne Koch: Religionsökonomie. Eine Einführung, Stuttgart: Kohlhammer 2014. 223 S., ISBN Print: 978–3–17–026234–8.

Die Zeiten, in denen Religion als eine zu heilige Angelegenheit angesehen wurde, um mit den nüchternen Mitteln der Ökonomik analysiert werden zu können, sind vorbei. Die Kirchen sind „Gottesunternehmen“ (Schramm 2000), die sich faktisch mit ihrem religiösen „Produkt“ auf einem weltweiten Konkurrenzmarkt religiöser, esoterischer und auch atheistischer Angebote für religiös interessierte „Kunden“ behaupten müssen. Eine „Religionsökonomie“ in diesem Sinn, also die wissenschaftliche Untersuchung von Religion und Kirchen mithilfe einer ökonomischen Methodik („economics of religion“), ist laut Anne Koch jedoch nur eine Möglichkeit, Religionsökonomie zu treiben. Sie geht von „einem weiten Verständnis der Religionsökonomie“ (S. 15) aus und schreibt der „Religionsökonomie“ grundsätzlich eine zweifache Stoßrichtung zu: „Religionsökonomie analysiert einerseits Religion mit wirtschaftswissenschaftlichen Modellen und untersucht andererseits kritisch ökonomische Theorien“ (Rückseite; vgl. auch S. 21 ff.). Diese doppelte Ausrichtung bestimmt auch den Aufbau des Buches: Nach den beiden ersten Kapiteln – „Einleitung“ und „Wissenschaftsgeschichte“ der Thematik – erörtern die beiden Hauptkapitel zum einen „Ökonomische Theorien als Modelle in der Religionsökonomie“ (Kap. 3) und zum anderen „Ökonomische Theorien als Gegenstand der Religionsökonomie“ (Kap. 4). Einerseits wird hier also „Religion durch die Linse ökonomischer Theorie angeschaut“ (S. 25), andererseits wird auch eine „ideologiekritische Analyse“ (S. 24) von religiös überhöhten ökonomischen Phänomenen – also etwa das Geld als neuer Gott der Moderne oder der Finanzmarktkapitalismus als erste wirkliche weltweite „Religion“ – beschrieben. Die Ideologiekritik richtet sich dabei auf die Möglichkeit, dass in der modernen Gesellschaft „[ö]konomische Theorien […] als gesellschaftlicher Denkrahmen und Imaginationsraum“ (S. 164) fungieren und so eine Art Basis-Ideologie der Moderne verkörpern.
Das Buch, das sich als eine „Einführung“ in die Welt der „Religionsökonomie“ versteht, also „Religion und Wirtschaft in ihrem Zueinander“ (S. 11) darstellen möchte, bietet inhaltlich eine informative Vielzahl thematischer Aspekte des Forschungsgebiets. In dieser Hinsicht ist es als Einführung gut geeignet. Allerdings werden die vielfältigen Dimensionen der Thematik m. E. nicht entschlossen genug auf den argumentativ springenden Punkt gebracht, sondern relativ weitschweifig umschrieben und insofern paradoxerweise nur „angerissen“ (so die Autorin selber auf S. 199). Ein weiteres Defizit ist m. E. darin zu sehen, dass das Buch die referierten Aspekte nicht zu einem „roten Faden“ einer inhaltlich wirklich eigenständigen Gesamt- Argumentationsstrategie systematisiert, sondern „nur“ das weite Feld der Thematik absteckt – wobei allerdings durchaus eine kritische Einstellung der Autorin gegenüber der nach wie vor dominierenden „Rationalwahl-schlagseitig[en]“ Religionsökonomie (S. 199; vgl. auch S. 87 ff.) deutlich wird. Gleichwohl – wer sich einen ersten Überblick über das (er) weite(rte) Feld der „Religionsökonomie“ verschaffen will, ist bei dieser „Einführung“ an der richtigen Adresse.

Michael Schramm, Stuttgart-Hohenheim