Religiöse Interessenvertretung

Judith Könemann, Anna-Maria Meuth, Christiane Frantz, Max Schulte: Religiöse Interessenvertretung. Kirchen in der Öffentlichkeit – Christen in der Politik, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015, 281 S., ISBN/EAN: 978–3–506–77889–5.

Das breite Medienecho zur zweiten päpstlichen Enzyklika Laudato si’ hat einerseits erneut gezeigt, dass religiöse Akteure und Themen weiterhin eine große öffentliche Relevanz besitzen. Andererseits können die Popularität von Franziskus und die steigende mediale Präsenz von Religion nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Zuge von Säkularisierung und Entkirchlichung ein Absinken individueller Religiosität festzustellen ist und mancherorts der Eindruck einer Verdrängung von Religion und Kirche aus den politischen Einflusssphären entsteht. In diesem Spannungsfeld von zwei scheinbar gegenläufigen Entwicklungen verortet sich das vorliegende Buch, dem zwei Forschungsprojekte des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster zugrunde liegen. Das Autorenteam untersucht darin die Vermittlung von religiösen Interessen und Positionen in der Öffentlichkeit und im politischen Raum. Im Zentrum steht die Frage, auf welche Weise die Kirchen öffentlich agieren und sich in gesellschaftspolitische Diskurse einbringen, mit Blick auf die Argumentations- und Begründungsmuster, und wie sie mit einem möglichen Legitimations- und Anpassungsdruck umgehen. Darüber hinaus erörtert die Studie die generelle Legitimität der Mitsprache der Kirchen in Politik und medialer Öffentlichkeit, womit die Autor/innen an die Debatte um den Status religiöser Überzeugungen in pluralen und säkularen Gesellschaften anknüpfen, wie sie in Deutschland spätestens seit der Friedenspreisrede von Jürgen Habermas im Jahr 2001 geführt wird.
Die Verfasser/innen entschieden sich für einen innovativen Zugang zu ihrer Problemstellung: Das erste Projekt analysierte sämtliche öffentliche Stellungnahmen der beiden großen christlichen Kirchen zwischen 1970 und 2004, die sich mit zwei zentralen Themenfeldern befassten: dem Konflikt um den Schwangerschaftsabbruch sowie der Debatte um Migration bzw. Asyl. Für das zweite Projekt wurden qualitative Interviews mit ausgewählten Lokalpolitikern ausgewertet, die sich aufgrund ihrer christlich-religiösen Grundhaltung engagieren. Anhand dieser beiden Blickwinkel behandelt das Buch die besondere Herausforderung für die Kirchen, ihren Anspruch auf politische Mitgestaltung und Einflussnahme in einem veränderten gesellschaftlichen Umfeld, das von religiöser Pluralisierung und einem mediatisierten Zustimmungswettbewerb von Interessen und Ideen gekennzeichnet ist, aufrecht zu erhalten und eigene Positionen pointiert, vernehmbar und wirksam einzubringen. Ausgehend von den empirischen Befunden werden die verschiedenen Dimensionen der Vermittlung religiöser Interessen und Positionen untersucht: erstens die Akteure und die Vermittlungsprozesse, wie z. B. die Beteiligung an öffentlichen Debatten oder die Rezeption kirchlicher Positionierungen in weltlichen Medien, zweitens das Rollenselbstverständnis der lokalpolitischen Akteure und die Rollenzuschreibungen (z. B. seitens der Medien), sowie drittens die verwendeten Inhalte und Argumentationsfiguren in ihren jeweiligen Kontexten.
Das Autorenteam legt überzeugend dar, dass die Kirchen (einschließlich der Verbände) ihren religiös begründeten Anspruch auf gesellschaftliche Mitgestaltung und Einflussnahme nach wie vor in hohem Maße einlösen. Ihnen wird eine wichtige Rolle als Institution für Werte- und Sinnstiftung und als Anwältin in Fragen von Gerechtigkeit und Solidarität zugeschrieben, verbunden mit einer breiten Akzeptanz seitens der weltlichen Öffentlichkeit und der Medien. Dabei vollziehen sie – im Sinne von Habermas – eine hohe Anpassungsleistung bei der Vermittlung ihrer Positionen. Gleichwohl bestehen für die Kirchen schwierige Herausforderungen: Dazu gehören z. B. die Konkurrenzsituation unter den verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren angesichts der Tatsache, dass der Staat diesen Bereich zunehmend ausweitet, oder die steigende Abhängigkeit gegenüber den weltlichen Medien in Zeiten sinkender Auflagezahlen der Kirchenpresse. Ein Dilemma stellt auch die mangelnde Unterscheidbarkeit von nicht-religiösen Interessengruppen im Kontext der verstärkten Anpassung an säkulare Argumentationsweisen dar, unter der Gefahr einer gewissen Profilunschärfe. Wie weit darf Zielgruppenorientierung und Marktförmigkeit reichen, um sich nicht Vorwürfen wie Anbiederung oder Kommerzialisierung auszusetzen? Darüber hinaus sehen sich die Kirchen mehr und mehr mit kritischen Anfragen konfrontiert, für wen sie eigentlich sprechen – für die Leitungsebene oder die (schwindende) Mitgliederbasis? – und woraus sie ihre gesellschaftliche Legitimität beziehen. Nach Ansicht der Autor/innen befinden sie sich in einem fortwährenden Lernprozess zwischen eigenem Anspruch bzw. Authentizität und der Anpassung an die mediale Eigenlogik.
Wenngleich sich die Ergebnisse nicht als gänzlich neu erweisen, ist es der Studie zweifelsohne gelungen, durch die interdisziplinäre Verknüpfung von Politikwissenschaft, Theologie und Religionssoziologie sowie durch die Auswertung einer breiten Materialbasis wertvolle Impulse für die Erforschung der religiösen Interessenvermittlung zu geben. Dies betrifft vor allem die Diskussion der letzten Jahre um die „Öffentliche Theologie“ sowie die bislang wenig berücksichtigte Frage, wann und unter welchen Bedingungen religiöse Argumente eingesetzt werden (können), vor allem hinsichtlich des gelingenden Gebrauchs religiöser Überzeugungen in den jeweiligen Handlungssituationen. Forschungsbedarf besteht nach Ansicht des Autorenteams auch im Feld der Wirkungsforschung kirchlich-gesellschaftlichen Handelns sowie bei einer differenzierteren Analyse des erwähnten Spannungsfeldes von Säkularisierung und öffentlichem Bedeutungsgewinn von Religion. Überdies wäre es interessant, die Auswirkungen der Pluralisierung und des Verlustes religiöser Bindung konkurrenztheoretisch auf die religiöse Interessenvertretung hin zu untersuchen – gerade auch mit Blick auf die islamischen Religionsgemeinschaften. Dieser Aspekt konnte – neben den kirchenpolitischen Geschehnissen und Vorfällen der jüngeren Zeit – aufgrund der zeitlichen und thematischen Eingrenzung hier nicht behandelt werden. Auf weitere Ergebnisse in diesem Forschungsfeld darf man gespannt sein.

Stefan Klug, Münster