Andreas Kruse, Giovianni Maio, Jörg Althammer: Humanität in einer alternden Gesellschaft, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2014, 104 S., ISBN 978–3–506–77943–4.
Der Band widmet sich einer der größten ethischen Herausforderung der heutigen westlichen Gesellschaft, nämlich die Frage nach der Humanität in einer alternden Gesellschaft.
Andreas Kruse, einer der renommiertesten Gerontologen in Deutschland, eröffnet den Band mit einem grundlegenden Artikel zur Anthropologie des Alters. Dabei ist es ihm wichtig, zwischen Alters- und Krankheitsprozessen zu differenzieren. Altern ist keine Krankheit, sondern ein lebenslanger Prozess. Ein Merkmal des Alterns ist die eigene Einstellung zur Endlichkeit. Die transzendentale Orientierung tritt in dieser Lebensphase wieder verstärkt auf. Gerontologen sprechen hier von „Gerotranszendenz“ (S. 16). In diesem Kontext stellen sich auch Fragen nach religiösen Überzeugungen. Des Weiteren kennzeichnet eine Anthropologie des Alters die Sorge des Menschen für und um Andere. Dabei greift der Autor auf die Arbeiten des Philosophen Emmanuel Levinas zurück, der den unbedingten Anspruch des Anderen hervorgehoben hat. Zentrale Orientierungen des hohen Alters sind: Introversion, Offenheit (Transzendierung des Ichs) und Generativität (Integration des Einzelnen in die Generationenfolge). Trotz aller „Morbiditätskompression“ (S. 28), d. h. dem Ideal eines langen Lebens mit einer relativ kurzen Krankheitsphase, ist das Alter von Verletzlichkeit und natürlicher Begrenztheit geprägt. Diese Faktoren gilt es in eine Anthropologie des Alters zu integrieren und kulturell zu fundieren. Eine altersfreundliche Kultur ermöglicht die Teilhabe älterer Menschen am gesellschaftlichen Leben, erkennt die Potenziale des Alterns an, begegnet älteren Frauen und Männern mit Respekt und Sensibilität und schafft sozialräumliche Kontexte. Kruse fordert eine Kultur, die eine Abstufung der Menschenwürde alter Menschen unbedingt verhindert und die Bedürfnisse aller Generationen anerkennt.
Im zweiten Artikel des Bandes plädiert Giovanni Maio, Philosoph und Mediziner, für eine neue Kultur der Sorge am Ende des Lebens. Er kritisiert die gegenwärtige Debatte um Sterbehilfe und assistierten Suizid. Er hinterfragt massiv das zurzeit herrschende Denken, dass ein nicht autonomes Leben ein wertloses Leben sei. Dahinter verbirgt sich eine bestimmte Vorstellung vom Leben, nämlich „ob das Leben gegeben und damit unverfügbar ist oder ob es optional ist und als solches zu unserer freien Verfügung steht“ (S. 52). Unsere Gesellschaft ist geprägt von einer radikalen Abwertung verzichtvollen Lebens. Nur der unabhängige und sich selbst versorgende Mensch kann ein wertvolles und sinnvolles Leben führen. Maio bezeichnet diese Einstellung als „Ideologie der Unabhängigkeit“ (S. 54). Der Prozess des Sterbens läuft dieser Logik zuwider. Sterben heißt Loslassen können. Sterben entzieht sich der Kontrolle des Menschen und wirft die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Für diese Tatsache verwendet Maio den Begriff „Spiritualität“ (S. 58). Eine weitere kritisch zu beurteilende Tendenz ist die Privatisierung des Todes. Der Tod ist ein soziales Ereignis. Die Erfahrung des Todes verläuft notwendig durch die Gemeinschaft, durch das Gegenüber und gewinnt dadurch eine tröstliche Dimension. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erarbeitet Maio Elemente, die für die Sorge um Sterbende an Bedeutung gewinnen, dazu gehören u. a., sie für das Gefühl der Dankbarkeit für das Leben zu öffnen. Er plädiert für eine neue Hochschätzung der Gelassenheit, im Sinne der dankbaren Annahme des Gegebenen, der Gabe des Lebens. Es geht um das Bewusstsein, dass die eigene Endlichkeit die Grundsignatur des gesamten Lebens (S. 67) und Angewiesenheit, nicht Autonomie, die Grundsignatur des Menschen darstellt (S. 73). Das Alter radikalisiert die Grundbedingungen des Menschseins und hat somit Signalfunktion für die Gesamtgesellschaft. Daher, so die These Maios, braucht der Arzt als Sterbegleiter auch eine Erkenntnis des Herzens, d. h. die Fähigkeit, sich tief einlassen zu können in den „Kosmos des Patienten“ (S. 77), eine Dimension, die man nicht berechnen, sondern nur spüren kann.
Der letzte Teil des Bandes beschäftigt sich mit einer nachhaltigen Sozialpolitik. Jörg Althammer, Wirtschaftswissenschaftler, beschreibt die Problematik des demographischen Wandels und fordert intergenerationale und intragenerationale Gerechtigkeit in Bezug auf das Rentensystem. Er befürwortet daher die Anhebung des Rentenalters sowie die Absenkung des Rentenniveaus zur finanziellen Stabilisierung des Rentensystems. Da man, so Althammer, keine Sozialpolitik gegen die Mathematik betreiben kann, vertritt er die Meinung: „Eine kinderarme Generation muss … Abschläge bei den Rentenleistungen in Kauf nehmen, …“ (S. 90). Des Weiteren plädiert er für die Beibehaltung des Splittingverfahrens bei Ehegatten, denn diese sei nicht Ausdruck einer Benachteiligung des Partners der weniger verdient, sondern „Ausfluss des Leitbildes der gleichberechtigten und partnerschaftlichen Ehe“ (S. 96). Zum Schluss seiner Ausführungen verweist er auf das noch ausstehende Desiderat, Familiengerechtigkeit im System sozialer Sicherung zu verankern.
Der Band eignet sich sehr gut für den Einstieg in diese umfangreiche und kontrovers diskutierte Thematik. Er verweist auf die gesellschaftlichen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft. Von theologischer Seite ist kritisch anzumerken, dass gerade in den Ausführungen Maios die Grenzen von Medizin und Seelsorge fließend werden und daher Theologinnen und Theologen gefordert sind, sich in die Debatte um „spiritual care“ und „Gerotranszendenz“ einzumischen. Sozialethisch gesehen ist die „Sozialanthropologie“, die das Alter prägt, zu reflektieren und fruchtbar zu machen.
Sonja Sailer-Pfister, Vallendar