Die Option für die Armen

Julia Blanc, Maria Brinkschmidt u. a. (Hg.): Armgemacht – ausgebeutet – ausgegrenzt? Die „Option für die Armen“ und ihre Bedeutung für die Christliche Sozialethik (Forum Sozialethik 14), Münster: Aschendorff 2014, 262 S., ISBN 978–3–402–10640–2.

„Eine arme Kirche für die Armen“, nicht weniger fordert Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ (198). Damit gibt er der Hinwendung zu den Benachteiligten, Vergessenen und Ausgegrenzten eine neue Dringlichkeit. Obgleich die Christliche Sozialethik bereits seit vielen Jahrzehnten an der „Option für die Armen“ Maß nimmt, ist stets neu darüber Klarheit zu gewinnen, wer denn die Armen in einer sich ändernden (Welt-)Gesellschaft sind, was ihre Situation charakterisiert und wie Unterstützung aussehen kann (Leitbilder/Gerechtigkeitsvorstellungen). Der aus einer Tagung entstandene Band setzt sich zum Ziel, einige neue Zugänge zu erschließen. Hier können nicht alle Beiträge vorgestellt werden, sondern nur einige, die die Themenvielfalt repräsentieren.
Provozierend für westliche Sozialethikerinnen und Sozialethiker erscheint der radikale Ansatz des bisher wenig rezipierten argentinischen Philosophen und Theologen Enrique Dussel, den Stefan Leipold vorstellt. Für Dussel reicht eine distanzierte, akademische Problematisierung der Armut nicht aus, vielmehr sollen die Theologinnen und Theologen „organische Intellektuelle“ sein, die Strukturen und Möglichkeiten der Befreiung bei, mit und für die Armen reflektieren. Hier mag man sich an das von Papst Franziskus gezeichnete Bild erinnert fühlen, in welchem er die Priester in ihrer Eigenschaft als Hirten aufforderte, den „Stallgeruch der Herde“ anzunehmen und Distanz abzubauen. In ähnlicher Weise verweist Andreas Rauhut in seinem Beitrag über „Die Dystopie der Neutralität im Armutsdiskurs“ darauf, dass es für die Christliche Sozialethik unangemessen sei, im Angesicht menschlicher Not forschungsperspektivisch neutral zu bleiben. Sebastian Pittl greift in seinen erkenntnistheoretischen Überlegungen auf den spanischen Philosophen Xavier Zubiri und den spanisch lateinamerikanischen Theologen Ignacio Ellacuría zurück, um insbesondere die Bedeutung praktisch-sinnlicher Erfahrung im Kontext der Option für die Armen herauszuarbeiten und gleichzeitig z. B. einer Ideologisierung im marxistischen Sinne oder einer naiven Simplifizierung der Option entgegenzuwirken.
In institutionenorientierter Perspektive ergänzt Jessica Dömötör die „Option für die Armen“ mit der „Option gegen Armut“ und hebt die Verantwortung internationaler Agenturen wie UN, WTO usw. hervor. Gleichwohl erkennt sie die zu Gunsten entwickelter Länder ungleich verteilten Macht- und Gestaltungsstrukturen der entsprechenden Organisationen und fordert sowohl einen gerechteren Interessenausgleich zwischen reicheren und ärmeren Ländern als auch die Abkehr von einer, wie sie meint, dominanten neoliberalen Weltwirtschafts- und Handelspolitik.
Hart ins Gericht geht Christine Globig mit der Armutsdenkschrift „Gerechte Teilhabe“ der EKD von 2006. In ihrem Beitrag diagnostiziert sie eine Bewegung weg von der „Option für die Armen“ hin zur Rede von der „gerechten Teilhabe“. Diese Teilhabe, so ihr Vorwurf, werde rasch auf Eigenverantwortung und Teilhabe an Arbeit bzw. die Integration aller Gesellschaftsmitglieder mit dem Fokus auf Bildung und Arbeit verdichtet. Damit aber würden die Probleme struktureller Armut und eine Kritik am Verhältnis von Arm und Reich aus den Augen verloren.
Bedenkenswert sind einige Gedanken aus dem Umfeld der Caritaswissenschaft, die Alexis Fritz mit seinem Artikel „Außerhalb des Marktes kein Heil?“ einbringt. Er stellt die unbequeme, jedoch auch unausweichliche Frage, wie in einem Sozialsystem mit begrenzten Ressourcen, Ansprüche und Bedarfe gegeneinander abgewogen werden können. Er benennt Zielkonflikte und mahnt orientierende Kriterien an.
Ein immer wiederkehrendes Motiv in vielen Beiträgen ist die Spannung zwischen Hilfe zur Selbsthilfe und Paternalismus. Katja Winkler stößt in ihrem Beitrag „Armut und Paternalismus“ nicht nur auf die Herausforderung, wie schwache Interessen im Diskurs der Gesellschaft vertreten werden können, sondern thematisiert auch die mögliche Stigmatisierung der „Armen“ im Prozess sozialer Etikettierung.
Anhand eines praktischen Beispiels aus der Jugendverbandsarbeit stellt Michael Brugger die Aktion „72-Stunden. Uns schickt der Himmel“ des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) vor und stellt sie mit dem Verweis auf die sozial-caritative Verpflichtung der gesamten Kirche, insbesondere auch junger Christen, in den Horizont der Option für die Armen.
Insgesamt bietet der Sammelband lesenswerte Beiträge. Spürbar ist der Wille, zeitgemäße Antworten jenseits simplifizierender Allgemeinplätze zu formulieren, die die Option für die Armen als stimulierende Hermeneutik und Handlungspraxis Christlicher Sozialethik relevant werden lässt. Besonders interessant ist die Rezeption weniger bekannter Autoren des spanisch-lateinamerikanischen Raumes in einigen Beiträgen. Die Option für die Armen wird damit in die Lebendigkeit ihres kulturellen Entstehungskontextes eingeordnet.

 

Udo Lehmann, Wuppertal