Wiemeyer, Joachim: Keine Freiheit ohne Gerechtigkeit. Christliche Sozialethik angesichts globaler Herausforderungen, Freiburg im Breisgau: Verlag Herder 2015, 303 S., ISBN 978–3–451–33713–0.
Spätestens seit der Enyzlika Pacem in terris (1963), dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Enzyklika Populorum progressio (1967) hat die Sozialverkündigung der katholischen Kirche einen globalen Horizont. Sie spricht vom globalen Gemeinwohl, das alle Staaten verpflichte. Sie spricht allen Menschen gleiche Rechte zu, unabhängig davon, in welchem Staat sie leben. Sie fordert eine Weltautorität, um die gemeinsamen Probleme der Menschheit lösen zu können. Die weltweite Verflechtung durch den später „Globalisierung“ genannten Prozess hat in den letzten Jahren jedoch deutlich zugenommen und die sozialen Probleme werden zunehmend in ihrem Zusammenhang zu globalen ökologischen Problemen, wie beispielsweise dem Klimawandel, betrachtet. Entsprechend der kirchlichen Sozialverkündigung musste sich deshalb auch das Fach „Christliche Sozialethik“ mehr und mehr den globalen Problemen stellen und dabei zusätzlich lernen, ihre Methode, ihr Verhältnis zu den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und ihre Bezugnahme auf relevante gesellschaftliche Akteure weiterzuentwickeln.
Das Buch von Joachim Wiemeyer legt von diesen epochalen Veränderungen Zeugnis ab und gibt wertvolle Orientierungen für die weitere Entwicklung. Besonders gelungen sind aus meiner Sicht die ersten vier Kapitel, in denen erstens begründet wird, warum Christen sich nicht nur auf Glaubenswahrheiten und Frömmigkeit hin orientieren können, sondern auch eine eindeutige Verantwortung haben, die Welt zu gestalten und zu verbessern. Zweitens erläutert Wiemeyer den Begriff der „Zeichen der Zeit“ und verwendet ihn, um insgesamt zwölf aktuelle Herausforderungen der globalisierten Welt kurz zu beschreiben und damit die Notwendigkeit von Veränderungen deutlich zu machen. Drittens erläutert er, wie auf der Basis einer solchen Situationsanalyse ein moralisches Urteil möglich ist, in dem anthropologische Einsichten und praktische Philosophie die entscheidenden Kriterien liefern. Im vierten Kapitel geht Wiemeyer dann auf die Akteure für globale Gerechtigkeit ein, die von den einzelnen, privaten Unternehmen, der Zivilgesellschaft und der Politik bis zur Kirche reichen.
Das fünfte Kapitel greift dann noch einmal auf die zuvor identifizierten Zeichen der Zeit zurück und bietet jeweils eine kurze Situationsanalyse, eine sozialethische Bewertung und Handlungsvorschläge. Dabei werden ein sehr guter und nahezu umfassender Überblick über die globalen Probleme gegeben und teilweise bis in Einzelheiten hinein Lösungsvorschläge gemacht. Allerdings darf man hier nicht erwarten, dass die Analysen all dieser Probleme auf knapp 200 Seiten sehr detailliert ausfallen würden. Auch können die ethischen Urteile nicht ausführlich entwickelt und Handlungsmöglichkeiten mit den damit verbundenen Abwägungsproblemen auf Grund von Zielkonflikten und Dilemma-Situationen nur in groben Zügen diskutiert werden. Auch kann man hier nicht erwarten, dass unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze oder wissenschaftstheoretische Paradigmen eingehend diskutiert würden. Das Literaturverzeichnis gibt jedoch Hinweise zu weiteren wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit den genannten Fragen intensiver befassen.
Meines Erachtens eignet sich das Buch als eine solide Einführung besonders für Menschen, die sich aus christlicher Motivation heraus mit den wachsenden globalen Herausforderungen der Menschheit befassen wollen, um sich als Christen dazu eine Meinung zu bilden und einen einführenden Überblick über die Probleme selbst, ihre ethische Reflexion und Handlungsmöglichkeiten zu ihrer Lösungen zu bekommen. Wer an den hier angesprochenen Einzelfragen speziell interessiert ist, wird darüber hinaus auf weitere Literatur zurückgreifen. Einige Hinweise dazu findet man in der Literaturliste und den Anmerkungen. Bei der Lektüre habe ich es jedoch als störend empfunden, dass die Anmerkungen zum Text nicht jeweils unten auf der Seite stehen, sondern zusammengefasst als Endnoten am Ende des Buches. Da die Nummerierung außerdem nach jedem Kapital neu beginnt, muss man manchmal länger suchen, um die richtige Fußnote zu identifizieren. Aber wahrscheinlich ist dem Autor dies vom Verlag so auferlegt worden.
Gerhard Kruip, Mainz