Vor seiner Wahl zum Oberhaupt der Katholischen Kirche war Papst Franziskus lange Jahre Erzbischof in Buenos Aires, einer der größten Städte der Welt. Die Stadt selbst hat rd. 3 Millionen Einwohner, in der Metropolregion Buenos Aires leben ca. 13 Millionen Menschen. Diese Großstadterfahrungen des Papstes schlagen sich in seiner ersten Sozialenzyklika „Laudato si“ deutlich nieder. Der Papst weist auf das ungeordnete Wachstum großer Städte hin, das auch auf eine fehlende Stadtplanung (Nr. 44) zurückgeht. Den Bewohnern der Städte fehle oft der Bezug zur Natur, weil keine hinreichenden Grünflächen in den Städten vorhanden seien; vor allem gelte das für die ärmeren Viertel. Franziskus beklagt die soziale Spaltung vieler Städte (Nr. 49), in denen einerseits prächtige Innenstädte, Stadtteile der Reichen oder Einkaufsviertel mit allen Luxusgütern zu finden sind, andererseits jedoch auch die wuchernden Elendssiedlungen der Armen. Auch die ökologischen Herausforderungen schlagen sich – so Papst Franziskus – gerade im städtischen Raum nieder: Weil viele Millionenstädte der Erde an der Küste bzw. in Küstennähe liegen (Nr. 24), werden sie durch den Meeresspiegelanstieg und verstärkte Stürme, die als Folge des Klimawandels zu erwarten sind, besonders betroffen sein. Smog und andere Formen der Luftverschmutzung durch Industrie- und Verkehr, eine unzureichende Müllbeseitigung und Lärmbelastungen bestimmen schon heute vielfach das städtische Leben (vgl. Nr. 44). Bei seiner Betrachtung humaner Lebensbedingungen unter der Überschrift „Ökologie des Alltagslebens“ widmet der Papst einen eigenen Abschnitt (Nr. 147–155) vorwiegend den städtischen Lebenswelten. Er weist auf Probleme der Vereinsamung, der Anonymität und der Gewalt hin, aber auch auf solidarische Verbundenheit und die Gestaltung eigener Lebensräume durch Anstrengungen der Bewohner. Er fordert, die jeweils betroffenen Menschen bei der Stadtplanung miteinzubeziehen. Die Pflege privater Gebäude wie des öffentlichen Raumes könne zum Wohlbefinden der Menschen beitragen. In manchen Großstädten führten vor allem die beengten und unzureichenden Wohnbedingungen zu großen Problemen. Betroffen seien große Teile der Bevölkerung, vor allem aber die Armen. Über hinreichend großen und qualitativ ausreichenden Wohnraum zu verfügen, sei gerade für das familiäre Leben wichtig. Die Aufwertung und Sanierung von baufälligen Armensiedlungen ohne Vertreibung der angestammten Bewohner ist dem Papst ein vordringliches Anliegen. Zudem seien die vielen unterschiedlichen Personengruppen in die städtische Gesellschaft zu integrieren. Der Papst räumt dem öffentlichen Verkehr, der leider in vielen Städten nur unzureichend ausgebaut sei, Vorrang ein gegenüber dem Individualverkehr; ganz konkret beklagt er sich darüber, dass in vielen Autos nur ein oder zwei Personen sitzen. Der überbordende Autoverkehr führe dazu, dass ein beträchtlicher Teil innerstädtischer Flächen für Straßen und Parkplätze genutzt werde.
Franziskus erwartet nicht, dass allein die Politik die notwendigen Maßnahmen ergreift, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Vielmehr lobt er das bürgerschaftliche Engagement (Nr. 232), das in der eigenverantwortlichen Gestaltung der Umwelt zum Tragen komme. Ein solches Handeln habe allerdings zur Voraussetzung, dass die Menschen sich nicht ausschließlich an einem konsumorientierten Lebensstil orientieren.
Das vorliegende Heft wendet sich ausgewählten Großstadtproblemen zu (der Integration aller städtischen Bewohner, den Städten als Zentren des Konsums, der religiösen Pluralität in den Städten, den pastoralen Herausforderungen in südamerikanischen Megastädten sowie Fragen der gerechten Stadtentwicklung).
Die Soziallehre der Kirche in Deutschland hatte sich bereits im 19. Jahrhundert der Wohnungsnot in den großen Städten angenommen. Angesichts zerbombter Städte und der Zuwanderung durch Vertriebene und Flüchtlinge wurden Großstadtprobleme nach dem zweiten Weltkrieg erneut ein vorrangiges Thema der Soziallehre. Heute kommen in Anbetracht der erneuten Wohnungsengpässe in Großstädten, der Frage der Mietgesetzgebung, des Verhältnisses von privaten, öffentlichen und gemeinnützigen Wohnungsangeboten weitere sozialethische Herausforderungen hinzu.