Sollen und Können

Karl Homann: Sollen und Können. Grenzen und Bedingungen der Individualmoral, Wien: Ibera 2014, 286 S. ISBN: 978–3–85052–336–3

Karl Homann gehört zu den umstrittensten „Wirtschaftsethikern“ der Bundesrepublik Deutschland. Nicht wenige halten sein Programm einer ökonomischen Theorie der Moral als „Fortsetzung der Ethik mit anderen Mitteln“ allerdings nicht für eine moderne Wirtschaftsethik, sondern für deren vollständige Aufkündigung. Mit seiner bekannten Provo-Formel „Wettbewerb ist solidarischer als Teilen“ hat er seit den späten 1990er Jahren einige Aufmerksamkeit erreicht und auch in Teilen der katholischen Sozialethik gewisse Sympathien gefunden. Nachdem jedoch die Finanzmarktkrise des Jahres 2008 dem naiven Glauben an die Heilsversprechen von freier Marktwirtschaft und ungehemmten Wettbewerb eine neue Nüchternheit folgen ließ, in deren Folge die einst so selbstgewisse marktliberale Szenerie deutliche Auflösungserscheinungen zeigt, ist es um Karl Homann deutlich ruhiger geworden.
Da kommt dieser im Herbst 2014 erschienene Band gerade recht, wenn man wissen will, wie Homann heute zu seinen damaligen Positionen steht. Mit seinen zahlreichen Kritikern setzt er sich nicht auseinander; und auch von nennenswerten Modifizierungen kann keine Rede sein. Allerdings räumt er ein, dass in den Wirtschaftswissenschaften das Theoriemotiv des homo oeconomicus zunehmend aufgegeben wird und als „empirisch falsifiziert“ (101; vgl. auch 32 f. u. ö.) gilt. Dennoch verteidigt er dieses Motiv als „eine der Methode der Ökonomik geschuldete zweckmäßige Annahme“ (102), da andernfalls die „wirtschaftsethischen“ Maximen, die ihm die Ökonomik liefern soll, nicht plausibel gemacht werden können. Und dabei gilt wohl: Wenn diese „Zweckmäßigkeit“ keinen Bezug zur Realität hat, dann ist das umso schlimmer für die Tatsachen.
Da es Homann darum geht, diese Maximen als einzig angemessen und alternativlos darzustellen, kann und will er keine Rücksicht nehmen auf die widerspenstige Komplexität heutiger wirtschaftlicher und sozialer Prozesse, die sich nun einmal nicht von einer einfachen marktwirtschaftlichen Modelllogik erfassen lassen. Stattdessen verkündet er die schlichten Dogmen seines marktgläubigen Credos unverdrossen weiter. Kern dieses Credos bildet die Überzeugung: „Der Wettbewerb sorgt kontinuierlich für die Vergrößerung des Kuchens, während Teilen und Umverteilen den Anreiz für Anstrengungen zu Produktion und Innovation mindern.“ (50) Deshalb sei der Wettbewerb – im Kontext einer marktöffnenden, ordoliberalen Rahmenordnung – „ethisch gut begründet – trotz der mit ihm verbundenen Härten wie Firmenzusammenbrüche, Arbeitsplatzverluste, Standortverlagerungen u. a. m.“ (52). Und als solcher soll er zugleich auch strenger Herr und Richter sein: „Der Wettbewerb zwingt ausnahmslos alle Akteure aus Gründen des Selbsterhalts in die Logik des unablässigen nachhaltigen individuellen Vorteilsstrebens“( 52), dem sich „niemand entziehen kann und niemand entziehen können soll“ (53).
Deshalb könne es nicht um Bändigung oder Domestizierung des Wettbewerbs, nicht um eine Ethik von Maß und Mitte gehen. Vielmehr seien Wettbewerb und Vorteilsmaximierung „wegen der positiven Wirkungen für das gelingende Leben aller Menschen“ (53) nicht nur als erlaubt, sondern „als moralisch geboten einzustufen“ (148; vgl. auch 239). Das erste Gebot könne nur lauten: „präventiv nachhaltige Vorteils- bzw. Gewinnmaximierung betreiben, auch wenn andere Akteure dadurch in Nachteil geraten oder in den wirtschaftlichen Ruin getrieben werden“ (133). Dies impliziere zwar beträchtliche Zumutungen für „Menschen, die die moralische Qualität der Marktwirtschaft nicht erkennen (können)“ (206); ihnen könne aber durch ein energisches „wirtschaftsethisches“ Umerziehungsprogramm geholfen werden. Denn wie wir „gelernt haben, dass entgegen unseren Alltagsintuitionen sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt […], so müssen und können wir auch lernen, dass Wettbewerb solidarischer ist als Teilen und Privateigentum sozialer als Gemeineigentum“ (136).
Dass Marktwirtschaft und Wettbewerb keineswegs wundersame Allheilmittel sind, die immerzu und allenthalben nichtintendierte Wohltaten über die Völker ausschütten, sondern in unterschiedlichen historischen, politischen und sozialen Kontexten höchst unterschiedliche Chancen und Gefahren mit sich bringen, wird schlicht nicht zur Kenntnis genommen. So wird etwa – um nur ein für den neoliberalen Diskurs typisches Phänomen zu nennen – hartnäckig ignoriert, dass für die oft bemühte Behauptung, die Ergebnisse des freien Marktes würden – freilich erst an einem diffusen Ende, was den jetzt Leidenden wenig nützt – auch den „Ärmsten der Armen“ echte Vorteile bringen (vgl. 206 u. ö.), noch immer tragfähige empirische Belege fehlen. Nicht nur Papst Franziskus (Evangelii Gaudium, 54), sondern auch so prominente Nobelpreisträger wie Paul Krugman und Joseph E. Stiglitz stellen den Rekurs auf vermeintliche trickle down-Effekte denn auch schlicht unter Ideologieverdacht. Und wenn Homann mit der Aussage aufwartet, dass die Vergabe von Privateigentumsrechten eine verlässliche Lösung z. B. für das Problem der Überfischung der Ozeane in Aussicht stelle, weil „die Institution Privateigentum einen massiven Anreiz“ schaffe, „Ressourcen nachhaltig effizient zu nutzen – zum Nutzen der Allgemeinheit“ (77), dann dürfte auch dieses beliebte Lehrbuch-Theorem mittlerweile empirisch widerlegt sein. Die Verhältnisse sind halt nicht so, wie sie sein müssten, damit man sie mit dem reduzierten Methodenarsenal einer Homannschen Ökonomik erfassen kann. Man fragt sich, für welche Problemlagen eine solche ‚Wirtschaftsethik‘ ernsthaft attraktiv und anschlussfähig sein soll, nachdem längst auch immer mehr Unternehmen ihr Interesse an einer derart simplen Botschaft verloren haben.

Hermann-Josef Große Kracht, Darmstadt