Heinrich Hahn - Vorläufergestalt der katholischen Soziallehre

Heinrich Hahn, Die christliche Liebe in der katholischen Kirche, hrsg. von Johannes Bündgens, Arnd Küppers (Christliche Sozialethik in Quellentexten, hrsg. von Peter Schallenberg, 1), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2014, 408 S., ISBN 978–3–506–77877–2

Wie es der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, der Bamberger Erzbischof Dr. Ludwig Schick, treffend in seinem Vorwort auf den Nenner bringt, ist einerseits bzw. intern der „deutsche Katholizismus in einer Existenz bedrohenden Krise ein Auslaufmodell“ und andererseits bzw. von außen „ein bewundertes Vorbild“ und „ein starker Wunschpartner“, weil seine missionarischen Bewegungen durchaus von „mutigen und selbstbewussten Laien“ angestoßen und getragen wurden. Doch fragt man im 21. Jahrhundert Gemeindemitglieder, Studierende oder die U-30-Generation nach Dr. Heinrich Hahn (1800–1882) als „Vorläufer der katholischen Soziallehre“, wird man mit bis zu 99 % Wahrscheinlichkeit auf Unkenntnis bzw. die „Möglichkeit des Goggelns“ stoßen. Vor dem Hintergrund der aktuell-medialen Sensibilität für „Migrations-Schicksale“ könnten Zeitgenossen den vollständigen Titel des Werkes „die christliche Liebe in der katholischen Kirche gegenüber den sittlichen Gebrechen der Menschen aus dem religiösen, sozialen und politischen Gesichtspunkte“ als etwas altertümlich formuliert, aber doch für irgendwie relevant für die Gegenwartsgesellschaft erachten. Dass der Aachener Arzt Dr. Heinrich Hahn als Gründer des „Franz-Xaverius-Vereins“ (1832) neben seiner großen Familie sowie der Kommunal- und Landespolitik auch schriftstellerisch-wissenschaftlich sein Wirken als „Laientheologe“ begleitete, ist u. a. seiner „eisernen Zeitdisziplin“ zu verdanken.
So erschließt zunächst Weihbischof Dr. Johannes Bündgens in seiner sehr fundierten und soliden Einführung in die Edition die Quellengrundlagen und den Inhalt des hier erstmals edierten Werkes von Hahn. Zwar war das unveröffentlichte und ob seiner Materialfülle im Archiv gelandete Manuskript den bisherigen Biographen von Dr. Hahn nicht unbekannt, doch bedurfte es der mühevollen Transskriptions- und Redaktionsarbeiten von Ursula Schleidgen-Hecking und Dr. Peter Werhahn, um diese Edition überhaupt zu ermöglichen. Klar und einfühlsam stellt Dr. Johannes Bündgens den „fragmentarischen Charakter des Werkes“ vor allem bei den Orden dar, das „konzeptionell aus den Fugen geraten war“, so dass Hahn die weitere Darstellung „an zwei Stellen einfach abgebrochen“ hatte. „Er bekam die Fülle des von ihm gesammelten Materials im bisherigen Rahmen nicht mehr bewältigt und begann daher im direkten Anschluss ein neues Opus“ (S. 14), die Geschichte der katholischen Missionen (seit Jesus Christus bis auf die neueste Zeit, 5 Bände, Köln 1857–1863). „Die christliche Liebe in der Kirche“ war für Dr. Heinrich Hahn die Begründung, „warum er sich für die Kirche und ihre Erneuerung“ einsetzte (S. 15). Weiterhin stellt Johannes Bündgens das Werk gut in den zeitgenössischen Hintergrund „des Erbes von Aufklärung und Revolution (S. 19 f.). Denn für Dr. Hahn war „das Elend der Gesellschaft“ die „negative Folie des christlichen Liebeswirkens“. Der Anlass für die Abfassung der Studie war die Einführung der „Schwestern vom guten Hirten“ ab dem Jahre 1848 in Aachen als „einziger Kongregation, die für die delikate Aufgabe des Umgangs mit bisherigen Prostituierten gut gerüstet schien“ (S. 27.). Dr. Johannes Bündgen rekonstruiert gut den „inneren Weg Hahns von der Caritas zur Mission“, denn „die Mission war für ihn von Anfang an engstens mit der sozialen Frage verknüpft“. Für Heinrich Hahn war „die Verkündigung des Evangeliums eine Tat der Liebe, genau wie die Sorge für Arme, Kranke und Ungebildete“ (S. 29). Nach der Analyse der von Hahn benutzen Quellen arbeitet Johannes Bündgens in der Einführung abschließend die thematischen Akzente der Studie von Dr. Heinrich Hahn gut auf. Mit der „Geschichte als Hintergrundsfolie der Gegenwart“, seiner theologischen Bildung und ärztlichen Kompetenz sowie der „Leitkultur Frankreichs“ hat Heinrich Hahn damit ein Quellenwerk „zur Frühgeschichte der Missions- und Hilfswerke und zur Vorgeschichte der katholischen Soziallehre“ (S. 42) erarbeitet, das nun erstmals veröffentlicht wird.
Dazu stellt anschließend Dr. Arnd Küppers von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach auf gut 20 Seiten Dr. Heinrich Hahn „als Vorläufergestalt der katholischen Soziallehre“ vor. „Was Hahn umtreibt, sind die im Zuge der beginnenden Industrialisierung aufkommenden gesellschaftlichen Probleme und Konflikte, die ihm sowohl als Arzt als auch als politisch wachem Bürger vor Augen stehen“ (S. 44). Dabei geht Dr. Hahn in seinem Werk bereits nach dem klassisch gewordenen Dreischritt „sehen, urteilen, handeln“ vor. Für Heinrich Hahn spielten die katholischen Laienvereine eine zentrale Rolle zur Erneuerung der Gesellschaft (S. 57). Im Hintergrund von Hahns Text stehen die bekannten „kulturellen Auseinandersetzungen zwischen Katholizismus und Moderne, die von beiden Seiten ideologisch enorm aufgeladen“ (S. 64) wurden, wobei für Dr. Hahn die „christliche Liebe die Sehbedingung für Gerechtigkeit“ bleibt. Damit hat Dr. Küppers das Lebenswerk von Dr. Hahn nicht nur gut in die Entwicklung der kirchlichen Soziallehre bis zu Papst Benedikt XVI. „Caritas in Veritate“ (9.7.2009) gestellt, sondern auch mit dem „modernen Humanismus“ des modernen Denkers Jürgen Habermas vernetzt, für den das „Christentum für das moderne Selbstverständnis der Moderne nicht nur eine Vorläufergestalt und ein Katalysator gewesen ist“.
Zu der eigentlichen Lektüre des Werkes von Dr. Heinrich Hahn (S. 67–408) sei zunächst zur näheren Orientierung auf das achtseitige Inhaltsverzeichnis (S. 69–76) verwiesen, denn in seinem handbuchartigen Aufbau ist Hahns Werk wohl zu anspruchsvoll für eine kontinuierliche Lektüre. Im ersten Teil von der Wirksamkeit der christlichen Liebe „zur Begründung und Befestigung der Sittlichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft“ stellt Heinrich Hahn die Auswirkungen auf die Sakramente und die „Heiligung der Tag- und Nachtzeiten durch Gebet“ dar. Abgeschlossen wird der erste Teil je durch einen Abschnitt zur „erzieherischen Tätigkeit der katholischen Kirche durch Ausübung des Lehramtes“ und „durch Handhabung einer heilsamen Disziplin“, wobei für den Laienstand „die fünf Gebote der Kirche“ angeführt sind. Im zweiten Hauptteil „von den sozialen Früchten der christlichen Liebe“ werden ihre Eigenschaften nach 1. Kor. 13 entfaltet sowie die je sieben Werke der leiblichen und geistlichen Barmherzigkeit. Zur „Ausübung der Werke der Barmherzigkeit“ werden dann „sieben katholische Laienvereine“ dargestellt, denen dann mit dem größten Umfang in der Darstellung die „Armen- und Krankenpflege-Orden“ folgen sowie die speziellen Orden im Erziehungswesen und in den Missionen. Abschließend und unvollständig sind die drei letzten Kapitel der europäischen Missionsgeschichte vom 5. bis 7. Jahrhundert bei den mitteleuropäischen Volksstämmen des Frühmittelalters gewidmet.
Damit ist dies eine verdienstvolle Standard-Edition für die deutsche Caritas-Geschichte, zur Missionsgeschichte und zur Ordensgeschichte. Dazu bleibt nur die Frage, ob die gute Edition nicht noch durch ein Personen- und Begriffs- Register hätte in ihrem Benutzungswert gesteigert werden können. Auch ist damit ein erster vorzüglich kommentierter, edierter und lektorierter Band dieser neuen Reihe erschienen, in der Dr. Heinrich Hahn den würdigen ersten Platz eingenommen hat.

Reimund Haas, Köln