Die Inklusionslüge

Becker, Uwe: Die Inklusionslüge. Behinderung im flexiblen Kapitalismus, Bielefeld: transkript Verlag 2015, 207 S., ISBN 978–3–8376–3056–5.

Ist die Behindertenrechtskonvention der EU in Deutschland bereits endgültig gescheitert, und das ausgerechnet an ihrer Finanzierung? Schon in der Einführung zu seinem provozierend gesellschaftskritischen Buch zerpflückt Becker die deutsche Inklusionspolitik. Mit sachlicher Klarheit und exakter Analyse, doch nicht ohne beißenden Sarkasmus in der Bewertung, beschreibt der Autor offensichtliche und nicht zu rechtfertigende Ungerechtigkeiten. Kurz und präzise wird vorgeführt, wie Integration bzw. Inklusion (und womöglich noch manch anderes zentrale Ideal unserer Gesellschaft) systematisch zur Utopie, und damit für unerreichbar erklärt wird, nur damit sich jeder Einzelne aus der Verantwortung ziehen kann. Mancher Leser mag an eigene Erfahrungen und Einschätzungen erinnert werden, wenn deutlich wird, dass das „finanzielle Realitätsprinzip“ als über jedem erklärten Ziel erhaben akzeptiert wird.
Es gehe nicht an, so Becker, dass uns die Regierenden, die für vier Jahre gewählt sind, bezüglich der Inklusion aller etwas versprechen, das sie über zehn Jahre irgendwie umsetzen wollen, obwohl die Finanzierbarkeit völlig ungeklärt ist (vgl. S. 29). Becker analysiert diesbezüglich die Aussagen einiger Politiker wörtlich und findet – ein großes Nichts. Beim Lesen drängen sich Fragen auf wie: Was sind unsere erklärten gesellschaftlichen Ziele anderes als unverbindliche Floskeln? Welche konkreten Ziele sind überhaupt im Klartext formuliert? Was kann der Einzelne dazu beitragen, damit die Grundpfeiler der Gesellschaft nicht in politischen Machtspielen zu Staub zerrieben werden?
Auch wenn das Thema Inklusion für viele Betroffene (z. B. für Schüler und Lehrer oder für Arbeitnehmer und Unternehmer) ein ungeliebtes Reizthema ist: Das Buch gibt in angenehm lesbarer Form einen hervorragenden Überblick über den aktuellen Stand von Integration oder Inklusion und beschränkt sich dabei keinesfalls auf das Land NRW (Becker lehrt in Bochum und ist Vorstandssprecher der Diakonie Rheinland-Westfalen- Lippe). Es nimmt vielmehr den Paradigmenwechsel, der in den letzten Jahren „von oben“ inszeniert wurde, und seine Umsetzung in verschiedenen Bundesländern unter die Lupe. Becker hinterfragt vor allem die Gründe für die neuen Paradigmen, ihre Umsetzbarkeit sowie den Umsetzungswillen der „Macher“ und der „Objekte“ von Inklusion. Er streicht dabei das Problem dieser Rollenzuweisung besonders heraus, die zu einer eklatant unfairen Verteilung von aktiver Mitgestaltung führt. Denn manch einer möchte vielleicht gar nicht bei allem „mitmachen“ und „dazugehören“, wie es ihm unterstellt wird. Das Normalitätsdenken unserer Gesellschaft muss laut Becker grundlegend revidiert werden. Er bezeichnet es als „Wertetyrannei“ (S. 123).
Bezweifelt wird, ob ein so kurzfristig verordneter Paradigmenwechsel sinnvoll ist: Bewährte Integrationsräume werden aufgebrochen, vorhandene Strukturen zerstört, anstatt sie nun für die „Inklusion“ nutzbar zu machen. Man denke nur an die Auflösung von Sonderschulen, an denen jegliche Hilfen in Form von barrierefreien Gebäuden und geübtem Personal zur Verfügung standen; nun werden sie zugunsten einer inklusiven Einheitsschule verdrängt, an der es an Barrierefreiheit, Sozialpädagogen und Erfahrung mangelt, dafür aber reichlich Stigmatisierung des Andersseins geschieht. Becker prangert an, dass einfach neue Tatsachen geschaffen werden, bevor die nötigen Voraussetzungen dafür gesichert wurden. Insbesondere in der Bildung sieht er die Gefahr, dass „die hoch selektiven Mechanismen“ des bestehenden Systems schlichtweg im „Inklusionssystem“ weitergeführt“ werden. (S. 152)
Der Politik wirft Becker vor, diffus zu sein, allgemeine Appelle an die Gesellschaft zu richten, statt konkrete Investitionen zu tätigen (die Ausgaben für Bildung liegen in Deutschland noch deutlich unter dem Durchschnitt der OECD-Länder); den Sozialstaat bezeichnet er als Lotterie. Er benennt beschädigte Inklusionsräume und die großen „Exklusionsräume“ Erwerbsarbeit und Bildung, die faktisch über die Köpfe der Betroffenen hinweg effektives Leben per Definition zum einzig lebenswerten erklären. Ein höchst lesenswertes Buch, gerade weil der Autor mit all seinen Vorwürfen die Wirklichkeit treffen dürfte.

Ruth Geisen, Berlin