Die jüngsten Attentate in Paris gegen die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt waren transnational vorbereitet. Die Attentäter haben sich im Jemen für ihr mörderisches Tun ausbilden lassen. Der jemenitische Ableger von Al-Quaida hat sich als Auftraggeber der Terrorakte selbst identifiziert. Auch die weltweite Reaktion auf die Attentate war transnationaler Natur: Demonstrationen in Paris und in vielen anderen französischen und europäischen Städten, die flächendeckende Berichterstattung in den Medien vieler Länder verbanden Akteure über die politischen und natürlichen Grenzen hinweg.
International war hingegen die schon am Sonntag nach den Ereignissen organisierte Konferenz der für Sicherheit und Zivilschutz zuständigen Innenminister vieler Länder. Das Gleiche kann auch für die einzigartige Demonstration vieler Staats- und Regierungschefs gesagt werden, die am selben Tag auf dem Pariser Boulevard Voltaire zwischen den Plätzen République und Nation, stattfand – in unmittelbarer Nähe des großen Demonstrationszugs der französischen Zivilgesellschaft. Die versammelten Personen repräsentierten ihre Staaten und die Solidarität des Großteils der internationalen Gemeinschaft angesichts der Bedrohung durch islamistischen Terror. Es handelte sich um eine der wenigen weltgeschichtlichen Momente, bei denen ein internationales Ereignis unmittelbar in eine transnationale Bewegung eingebunden wird.
Nicht einmal zehn Tage später begann dann am 19. Januar mit der Tagung der EU-Außenminister eine Serie von drei supranationalen Treffen, die ebenfalls in die Abfolge des transnationalen Dramas von Paris gestellt werden müssen. Die beiden anderen Treffen waren der informelle Rat der Innenminister am 29. und 30. Januar, sowie der Europäische Rat am 12. Februar. Diese Konferenzen der Europäischen Union sind supranational, weil sie im Rahmen der Europäischen Verträge stattfanden, die den Vorrang des europäischen Rechts vor dem nationalen in klar definierten Politikbereichen verankern und die der Europäischen Kommission, als eindeutig supranationale Institution, eine Schlüsselrolle zuweisen. Allerdings ist hier eine Einschränkung geboten. Obwohl das supranationale Format unbestreitbar Anwendung fand, machte die Themenstellung – die gemeinsame Abwehr des islamistischen Terrors – aus den Treffen eher internationale Konferenzen. Die polizeiliche, nachrichtendienstliche und justizielle Zusammenarbeit im Rahmen der Europäischen Union steht immer noch an den Anfängen. Die Hoheitsrechte liegen eindeutig bei den Nationalstaaten. Deshalb war – von wenigen Dossiers wie z. B. zur umstrittenen Vorratsdatenspeicherung einmal abgesehen – nur die engere internationale Kooperation der EU-Staaten Gegenstand der Tagungen von Ministerrat und Europäischen Rat. Im Grunde waren drei internationale Konferenzen in eine supranationale Form eingebunden.
Die transnationale Reaktion der europäischen Zivilgesellschaft auf die Attentate von Paris war möglicherweise eine der ersten Manifestationen eines europäischen demos, der seine Wertschätzung der Freiheit zum Ausdruck brachte. Der Slogan „Je suis Charlie“ hat die Sprachbarriere überwunden. Eine andere transnationale Reaktion mit natürlich anderen Ausdrucksformen erwächst und könnte noch stärker erwachsen an der Frage der Gleichheit (Steuern und Bildung). Ebenfalls erkennbar ist eine transnationale Debatte zur Frage der Solidarität und Brüderlichkeit innerhalb einer Währungsunion. Davon ist in diesem Heft nicht zuletzt in den Beiträgen zum Themenschwerpunkt die Rede. Somit liegt die Frage wieder vor den Europäern, ob und mit wem sie diesen transnationalen Bewegungen entsprechend ihre supranationale Gestalt vertiefen. Die Kirche in Europa wird dazu sicher ihren spezifischen Beitrag zu leisten haben.