Theologie der Sozialethik

Markus Vogt (Hg.): Theologie der Sozialethik(Quaestiones disputatae 255). Freiburgim Breisgau: Herder 2013, 328 S.,ISBN 978–3–451–02255–5.

Höchst überfällig war das 2011 veranstaltete Berliner Werkstattgespräch der Sozialethiker/innen, das die Frage nach der Theologie in der Sozialethik im Gespräch mit Exegeten, Dogmatikern sowie Politikwissenschaftlern diskutierte. Der vorliegende Band bündelt sehr unterschiedliche Beiträge zu dieser Grundsatzfrage. Im Hintergrund der Debatte steht die Tatsache, dass die in der katholischen Kirche lange Zeit vorherrschende neuscholastische Naturrechtslehre höchst fragwürdig geworden ist. Mehrere Beiträge betonen die grundsätzliche Weichenstellung, die im Konzilsdokument Gaudium et spes von der Naturrechtslehre hin zu einem heilsgeschichtlichen Zugang vorgenommen wurde. So rekonstruiert der Dogmatiker Peter Hünermann beispielsweise die theologische Grundlegung der christlichen Sozialethik in diesem Konzilsdokument, indem er auf die zentrale Bedeutung der Würde des Menschen und die gegenseitige Anerkennung (vgl. A. Honneth; P. Ricoeur) hinweist und diese in der Gottebenbildlichkeit des Menschenbegründet sieht. Kreuz und Auferstehung Christi bestätigen diese Würde auch im Blick auf „inhumanste Werke“(36) der Menschheit. Doch hat diese heilsgeschichtliche Wende im Konzil zu einer stärker theologisch fundierten Sozialethikgeführt? Im deutschsprachigen Raum kaum, denn wie der Tübinger Sozialethiker Matthias Möhring-Hesse zurecht festhält, ist die Sozialethik „auch ohne Naturrecht … bis heute weitgehend Nicht- oder allenfalls Ein-bisschen-Theologie“ (73) geblieben. Im vorliegenden Sammelband sind mögliche Gründe für diese Situation genannt. Zum einen nahm gerade in Deutschland die katholische Soziallehre nach dem Zweiten Weltkrieg „gleichsam die Rolle einer offiziellen Staatsdoktrin“ (8) ein. Die zunehmende Erosion des katholischen Milieusund der sich verstärkende gesellschaftliche Pluralismus haben aber zu einer Situation geführt, in der die katholische Soziallehre nicht länger mehr die gesellschaftlich dominierende Sozialethik sein konnte. Dennoch bemühen sich viele Fachvertreter immer noch zuerst und vor allem darum, philosophisch und gesellschaftlich „anschlussfähig“ zu sein. Die gehäufte Wiederkehr dieses Wortes fällt auf. Verlangt aber heute nicht die pluralistische Situation moderner westlicher Gesellschaften eine stärkere christliche Profilierung der Sozialethik? Das Herausgeberteam (M. Vogt, I. Gabriel, A. Küppers, P. Schallenberg und W. Veith) betont in der Einführung die Notwendigkeit eines „klar erkennbares Profils“ (13), will die Kirche in der Zivilgesellschaft wirksam sein. Die heilsgeschichtliche Wende im Zweiten Vatikanischen Konzil würde einen verstärkten Rekurs auf das biblische Erbe nahelegen und im angelsächsischen Raum gibt es mit J. H. Yoder oder S. Hauerwasauch entsprechende Vorbilder. Für den deutschen Sprachraum gilt aber weitgehend, was der Neutestamentler Thomas Söding in seinem Beitrag festhält. Seiner Einschätzung nach hat auch die „neuere Orientierung des Faches an der Sozialethik die Distanz zur Bibel nicht verringert“ (146).Für Söding zählen zum „ethischen Proprium des Evangeliums“ (150) einerseits die „Fundamentalunterscheidung zwischen Religion und Politik“ (161) und andererseits auch der biblische Leitbegriff der Gerechtigkeit. Die Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins war der ideale Diskussionspartner für Söding, weil sie schon seit vielen Jahren darum bemüht ist, die Distanz zwischen Exegese und Sozialethik zu verringern. Sorgfältig bedenkt sie in ihrem Beitrag Möglichkeiten und Grenzen einer Annäherung von biblischer Hermeneutik und christlicher Sozialethik. Zu Recht warnt sie vor der Gefahr des Biblizismus oder dem biblischen Verweis als bloßem Autoritätsargument. Aber auch sie setzt etwas zu sehr auf die Anschlussfähigkeit. Ihr Hinweis, dass die gegenwärtige „philosophische Literatur“ stärker als die christliche Sozialethik „auf biblische Impulse“ (144)zurückgreift, würde gerade ein mutigeres Zugehen auf das biblische Erbe nahelegen. Das eigentliche Problem ist aber die Rolle der Kirche, die eine stärker biblischorientierte Sozialethik als „Interpretationsgemeinschaft“ voraussetzt. Für eine theologisch ausgerichtete Sozialethik ist das Verhältnis zur Ekklesiologie zentral und nicht ohne Problematik. So unterschiedliche Fragen wie die nach der gerechten Organisation von Erwerbsarbeit in der Kirche (Möhring-Hesse) oder die Glaubwürdigkeit der Kirche (Heimbach-Steins) drängen sich auf und erfordern Antwort. Weitere spannende Diskussionen aus diesem Band wären noch näherauszuführen: Hilft die Geschichtstheologie von Augustinus, um heute sozialethische Fragen besser beantworten zu können?(P. Schallenberg vs. G. Kruip). Was bedeutet der kinetische Imperativ der Moderne für die christliche Hoffnung?(H.-J. Höhn). Welche Bedeutung hat die Theologie für die Frage der Menschenrechte?(I. Gabriel, H.-J. Sander, R. Uertz, A. Küppers). Der vorliegende Band bringt wichtige Grundsatzfragen der Sozialethik zur Sprache und ruft laut nach ihrer Vertiefung und Fortsetzung.

Wolfgang Palaver, Innsbruck