Heiligkeit und Menschenwürde

Bernhard Laux (Hg.): Heiligkeit und Menschenwürde. Hans Joas’ neue Genealogie der Menschenrechte im theologischen Gespräch, Freiburg: Herder 2013, 224 S., ISBN/EAN 9783451341489.

Der Band ist Ergebnis eines Workshops an der Universität Regensburg, wo Hans Joas 2012 eine Gastprofessur wahrnahm. Die unterschiedlichen Beiträge widmen sich dem theologischen Weiterdenken von dessen breit diskutierter „Genealogie der Menschenrechte“. Dieses Weiterdenken umfasst Zustimmung, Kritik und die Behandlung ergänzender Aspekte, die eher in einen losen Bezug zu Joas gestellt werden.
Der Band wird durch einen Beitrag eröffnet, in dem Joas seine These in kurzer Form darstellt. Darin skizziert er, wie die Menschenrechte Ergebnis eines Sakralisierungsprozesses und einer Wertegeneralisierung sind, bei der „verschiedene Wertetraditionen ein Verständnis ihrer Gemeinsamkeiten entwickeln können, ohne dabei ihre Wurzeln in den spezifischen Traditionen und Erfahrungen […] zu verlieren“ (20). So sieht er die Menschenrechte weder als säkular-humanistische noch als christliche oder westliche Errungenschaft.
Ulrich Leinsle zeigt anhand des Renaissance-Humanismus, dass Menschenwürde doch eher eine Erfindung als eine naturalistisch zu verstehende Genealogie ist, wie dies Joas nahelegt. Klaus Unterburger blickt von Joas ausgehend auf Strömungen katholischer Aufklärung im 18. Jahrhundert und weist nach, dass ganz unterschiedliche Traditionsstränge zu den Menschenrechten hinführen. Harald Buchinger stellt dar, wie sehr Heiligkeit in biblischer Tradition einen exklusiven Charakter aufweist. Von Erwin Dirscherl und Christoph Dohmen wird dies vor allem im Anschluss an Levinas weiter entfaltet. Hermann Stinglhammer und Alfons Knoll zeigen in ihren Beiträgen den relationalen Charakter des christlichen Personverständnisses auf. Peter Fonk sieht die Verschränkung von Genese und Geltung bei Joas als „Brückenschlag“ (142) zur christlichen Ethik. Anhand der Problematik moralischen Begründens setzt sich der Beitrag von Bernhard Laux mehr als die anderen Autoren direkt mit Joas auseinander. Kritisch beobachtet er, dass Joas in seinen Augen „den Primat des Rechten vor dem Guten“ (153) bestreitet. Ihrer Deutung als Werte hält er ein Verständnis der Menschenrechte als „moralische Verpflichtungen“ (159) entgegen.
Burkhard Porzelt zeigt anhand der Shell Studie von 2006, dass sich die Wertegeneralisierungs-These auch empirisch im Blick auf Jugendliche belegen lässt. Johannes Först und Hans-Günther Schöttler entfalten im Anschluss an Joas’ Akzentuierung geschichtlicher Erfahrungen ein narratives Konzept der Identitätsfindung.
Immer wieder kommen in dem Band kontroverse Punkte zur Sprache: Während Porzelt Joas eine „deutliche Rationalitätsskepsis“ vorhält (177), sieht dieser seine Einschätzung rationaler Argumentationen als realistischer an (220). Joas stellt auch heraus, dass sein Ansatz nicht auf „die Ersetzung des Begründens durch das Erzählen“ (221) zielt.
Eine Besonderheit des Bandes besteht darin, dass er Perspektiven aus unterschiedlichen theologischen Fächern von der Kirchengeschichte über die Bibelwissenschaften und Systematische Theologie bis hin zur Religionspädagogik miteinander vereint. Aufgrund des breiten Spektrums an Themen und der unterschiedlich intensiven Auseinandersetzung mit Positionen von Joas in den einzelnen Beiträgen, werden viele LeserInnen den Band vermutlich nur in Teilen rezipieren. Von besonderem Wert ist der dialogische Charakter, der besonders in der abschließenden Replik von Hans Joas zum Ausdruck kommt. Auf diese Weise kann der Band zur weiteren Beschäftigung mit dem Ansatz von Joas anregen. Für die Zukunft wäre eine Zusammenführung unterschiedlicher, auch außertheologischer Stränge der Auseinandersetzung mit Joas wünschenswert.

Hansjörg Schmid, Stuttgart