Die assymetrische Chancengesellschaft

Udo Lehmann: Die asymmetrische Chancengesellschaft. Ressourcen – Macht – Gerechtigkeit (Gesellschaft – Ethik – Religion Bd. 3). Paderborn u. a.: Schöningh 2013, 376 S., ISBN 978–3–506–77299–2.

Der Begriff „Asymmetrie“ klingt eleganter und ist stärker ästhetisch konnotiert als jener der „Ungleichheit“, der rauer und ethisch aufgeladener daherkommt. Aber um soziale Ungleichheit geht es der vorliegenden Publikation von Udo Lehmann, um jene zu permanenten gesellschaftlichen Chancenasymmetrien führenden Ungleichheiten in Bezug auf Einkommen und Vermögen, Erwerbsarbeit und Bildung, die „in der deutschen Gesellschaft einen hohen Verfestigungsrad aufweisen oder sogar zunehmen“ und mit deren theoretischer Erklärung im Rahmen der soziologischen Ungleichheitsforschung „sich die christliche Sozialethik bisher nicht nennenswert … auseinandergesetzt [hat]“ (13). Udo Lehmann erfüllt somit durch sein Buch, das die überarbeitete, gestraffte Version seiner an der Ruhr-Universität Bochum eingereichten Habilitationsschrift darstellt, ein längst überfälliges Desiderat theologisch-sozialethischer Forschung. Und er tut dies auf höchst kompetente und überzeugende Art und Weise.
Das Buch ist in drei große Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel führt in die Problemstellung ein und reflektiert Grundlegungsfragen der christlichen bzw. katholischen Sozialethik. Dies geschieht solide und dem State of the Art entsprechend. Im Zentrum des zweiten, sozialethischsozialphilosophisch orientierten Kapitels steht die Frage nach dem Verhältnis von Gleichheit und Gerechtigkeit. Lehmann referiert die egalitaristische Position, die Gleichheit als notwendige Bedingung für Gerechtigkeit begreift, und den nonegalitaristischen Entwurf, bei dem das menschenwürdige Leben der einzelnen Person, nicht ihr komparatives Verhältnis zu anderen entscheidend ist. Lehmann favorisiert ein egalitäres Gerechtigkeitsverständnis, spricht sich für eine Rehabilitierung des (allerdings nun postmarxistisch verstandenen) Klassenbegriffes aus und bringt den Begriff der „komplexen Gleichheit“ (58) ins Spiel: Der Gleichheit komme im Rahmen der Gerechtigkeit eine eigenständige Bedeutung zu, sie müsse allerdings auf den jeweiligen Anwendungskontext (Recht, Grundbedürfnisse, Interessen) abgestimmt sein. Soziale Ungleichheiten seien lediglich im Sinne der kontraktualistischen Gerechtigkeitstheorie von Rawls und seines Differenzprinzips, das sich an den am wenigsten Begünstigten orientiert, zu rechtfertigen. Eine gerechte Verteilung könnte weder durch einen in Bezug auf Gerechtigkeit blinden Utilitarismus noch durch den freien Markt erreicht werden. Lehmann beschreibt das diesbezügliche Marktversagen klar und präzise: „Am Markt zählt nicht Nachfrage, sondern kaufkräftige Nachfrage, nicht die Person an sich, sondern die leistungsfähige Person, nicht die Leistung, sondern die marktgängige Leistung“ (73).
Das der christlichen Anthropologie entsprechende sozialethische Leitmotiv einer chancengerechten Gesellschaft ist für Lehmann der Begriff der „Beteiligung“, der Teilnahme eines/einer jeden am gesellschaftlichen Leben. Dieses erweise sich zudem als „anschlussfähig“ – ein Begriff, den Lehmann gerne verwendet, der bei mir als Österreicher aber aus historischen Gründen negative Assoziationen auslöst – an prominente zeitgenössische Sozialphilosophien: an Michael Walzers Theorie der Gerechtigkeitssphären beispielsweise, Axel Honneths Anerkennungstheorie und an das von Martha Nussbaum und Amartya Sen vertretene Befähigungskonzept.
Im dritten Kapitel seines Buches setzt sich Lehmann mit sozialwissenschaftlichen Ungleichheitstheorien auseinander: mit Pierre Bourdieus Konzepten des „Habitus“ und der „symbolischen Macht“ etwa, mit Heiner Meulemanns Untersuchungen zur Chancengerechtigkeit im Bereich von Bildung und mit Reinhard Kreckel, der Erwerbsarbeit und konsensuale Prestigeordnungen als Kernelemente der Ungleichheit identifiziert. Sozialwissenschaftliche Ansätze werden dabei mit katholischer Soziallehre und Sozialethik in Beziehung gesetzt. In einem „Sozialethische Operationalisierung von Chancengerechtigkeit“ überschriebenen Resümee weist Lehmann nochmals darauf hin, dass die bestehende soziale Ungleichheit im Gegensatz zu den natürlichen Ungleichartigkeiten zwischen Menschen nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert sei. Er schließt daran die sozialethische Forderung einer „Orientierung an den Schlechtergestellten und den nicht ihren menschlichen Fähigkeiten entsprechend Beteiligten“ (311). Zum Schluss merkt Lehmann an, dass die Lösung gesellschaftlicher Gerechtigkeits- und Ungleichheitsprobleme zuweilen ein „mühsames Geschäft“ (316) sei. Aber, so möchte ich ergänzen, auch ein lohnendes. Das gleiche gilt auch für das vorliegende Buch Lehmanns: Seine Lektüre ist aufgrund der konsequenten Anpassung des Autors an den im deutschsprachigen Raum in Sozialwissenschaften und Sozialethik vorherrschenden sprachlichen Habitus stellenweise recht mühsam, lohnt sich aber. Das grundlegende Anliegen, soziologische Ungleichheitstheorien mit katholischer Sozialethik und ihrer in zahlreichen Sozialdokumenten zum Ausdruck gebrachten „bewussten Parteinahme für die Schlechtergestellten“ (225) in Beziehung zu setzen, wurde hervorragend verwirklicht.
Ohne seinem hohen akademischen Standard einen Abbruch zu tun, hätte es die Lektüre des Buches bereichert und erleichtert, wenn Lehmann seine hoch theoretischen Ausführungen öfter mit konkreten Beispielen einer Option für größere Gleichheit illustriert und den wissenschaftlichen Diskursen dadurch eine gewisse Anschaulichkeit verliehen hätte. In diesem Zusammenhang wäre ein Hinweis auf die britischen Sozialmediziner Richard Wilkinson und Kate Pickett (The Spirit Level, 2009) angebracht gewesen, die bei einem akribisch durchgeführten Vergleich von zahlreichen wohlhabenden Länder festgestellt haben, wie sehr gesellschaftliche Ungleichheit die sozialen Probleme anwachsen, die Lebenszufriedenheit der Menschen aber sinken lässt, und dies sogar bei den Reichen.

Kurt Remele, Graz