Titelseite Amosinternational 1/2015

Heft 1/2015Transnationale Steuerung

Inhalt

In ihren Beiträgen wagen die Autoren dieses Hefts erste Annäherungen an Aspekte der Transnationalität – von grundsätzlichen ethischen Erwägungen bis zur ethischen Untersuchung konkreter transnationaler Phänomene.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 3

    Transnationalität und transnationale OrdnungZur Einführung in das Schwerpunktthema

    Nach der Finanzmarktkrise wurden von vielen politischen Akteuren transnationale Regulierungen gefordert, da die nationalstaatlichen Regelungen an die Grenzen ihrer Reichweite und ihrer Regelungskompetenz stießen. Solange Nationalstaaten um die transnational agierenden Banken konkurrieren, scheint eine Regelung jenseits des Nationalstaates schwierig. Dieses Phänomen betrifft aber keineswegs nur die Finanzmärkte, vielmehr unterliegen nahezu alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens einer zunehmenden Transnationalisierung, wie das etwa der jüngst verstorbene Soziologe Ulrich Beck in seinen Studien, die er zum Teil zusammen mit seiner Frau herausgab, zum alltäglichen Kosmopolitismus nachwies1. Dies führt unter anderem dazu, dass Nationalstaaten zunehmend an Handlungs- und Regulierungsmacht in der globalisierten Welt verlieren.

  • Plus S. 6

    Nichtregierungsorganisationen als transnationale InteressensvermittlerIhre Chancen als politische und zivilgesellschaftliche Akteure

    Nichtregierungsorganisationen (NGO)s sind transnational ausgerichtete Organisationen, die sich auf bestimmte Themen und Problemlagen spezialisiert haben. Sie agieren als Themenanwälte und als Sprachrohr für solche Interessen in der transnationalen Politik, die sonst keine Stimme haben oder als machtlos überhört würden. Den NGOs kommt dabei zu Gute, dass sie sich nicht an der Logik des politischen Wahl-Wettbewerbs ausrichten müssen. Dadurch unterscheiden sie sich von nationalstaatlichen Akteuren wie den Parteien. Sie agieren vielmehr unternehmensähnlich, sind dabei aber zielorientiert und eben nicht profitorientiert. NGOs gewinnen Stärke, indem sie sich mit den Funktionslogiken der (post)modernen Demokratie arrangieren: Das Handwerk der medialen politischen Themensetzung beherrschen sie meist hoch professionell; auf kurzfristige und projektorientierte Beteiligungswünsche der Bürgerinnen und Bürger haben sie sich sehr gut eingestellt. Schließlich spielen NGOs als Interessenvermittler in transnationalen Politikprozessen deshalb eine so bedeutende Rolle, weil sie die Defizite nationalstaatlicher Akteure und deren Autonomieverluste im Politikprozess kraft ihrer Expertise und ihrer internationalen Fokussierung auszugleichen helfen.

  • Plus S. 13

    Ethik transnationalen RegierensInterkulturelle Herausforderungen für Metaethik, normative und deskriptive Ethik

    Viele Ethikentwürfe des 20. Jahrhunderts erheben einen globalen, alle Menschen betreffenden Geltungsanspruch. Sie verstehen sich selbst als universalistisch. Gleichwohl bleiben sie oftmals auf den Nationalstaat begrenzt. Angesichts der neuen Formen und der veränderten Qualität transnationalen Regierens erweisen sich diese Ansätze als problematisch: Es fehlt ein angemessene Reflexion der weltpolitischen Dynamiken. Deshalb sollte sich Ethik in ihrer ganzen Bandbreite stärker als bislang den Gegebenheiten globaler und interkulturell verfasster Wirklichkeit stellen. Dazu ist zuerst eine Rekonstruktion kulturell bedingter Sittlichkeitsbestände notwendig. Hiervon ausgehend kann eine Ethik transnationalen Regierens als reflexive Begleitwissenschaft neu konzeptualisiert werden.

  • Plus S. 20

    Die Migrationspolitik der Europäischen UnionKritischer Blick auf ein transnationales Politikfeld

    Seit gut fünfzehn Jahren sind Migration sowie Flüchtlings- und Asylpolitik zu genuinen Politikfeldern der Europäischen Union geworden. Wesentliche Regelungen über Zuwanderung und Schutzgewährung werden heute auf der Unionsebene getroffen. Damit ist die EU-Migrationspolitik ein interessantes Beispiel dafür, wie ein grenzüberschreitendes Phänomen tatsächlich transnational politisch bearbeitet wird. Allerdings wird die Migrationspolitik der Union vielfach kritisiert – dafür steht etwa das Schlagwort von der „Festung Europa“. Wo liegen Chancen und Schwächen einer transnationalen Migrationspolitik? Wie kann christliche Ethik diese Transnationalität angemessen reflektieren?

  • Plus S. 27

    Zur Weiterentwicklung Europas braucht es konkrete KonzepteKommentar zum Vortrag „Ein soziales Europa?“ von Kardinal Reinhard Marx

    Von einem „sozialen Europa“ wird in Deutschland – und im Süden Europas, Frankreich eingeschlossen – seit Jahrzehnten geredet. Bisher fehlen jedoch tragfähige Konzepte und auf politischer Ebene wagt sich keine der nationalen Regierungen mit neuen Ideen nach vorne. Das sollte die Kirchen veranlassen, die eigene Forderung nach einem „Solidaritäts- und Verantwortungsgerüst“ für Europa zu konkretisieren, sich nicht mit dem Status quo abzufinden. Doch was könnte zu einem konkreten Konzept dazu gehören: Etwa ein Finanzausgleich zwischen den Nationalstaaten? Die Errichtung einer Rückversicherung für die Sozialversicherungsleistungen in den Mitgliedstaaten („EuropaRe“)? Ein Bildungsfonds für eine europaweite Qualifikationsoffensive? Ein europäischer Investitionsfonds etwa im Energiebereich? Gar ein ganzes Paket solcher Maßnahmen?

Arts & ethics

  • Gratis S. 28

    ... und hoffentlich wird morgen alles gut!

    ... und hoffentlich wird morgen alles gut!

    Vom Menschen zum Flüchtling – vom Flüchtling zum Menschen Cornelia Suhan erzählt in ihren Fotografi en von Menschen, von Flüchtlingen, ihren Ängsten, ihren Träumen und Hoffnungen. Sie träumen von einem guten Leben, in dem sie all ihre Potentiale entwickeln können. Einem Leben ohne Krieg, ohne Gewalt, ohne Angst, ohne Hunger, einem Leben in Frieden, einem Sterben in Würde. Dafür würden sie alles geben. Träume öffnen Grenzen, Träume überwinden scheinbar unüberwindliche Hindernisse, Träume verbinden. Träume sind unverzichtbar, um einen tagtäglichen Albtraum auszuhalten. Träume zeigen auch ungenutzte Möglichkeiten.

Interview

  • Plus S. 41

    „Der Euro überfordert die Lohnpolitik systematisch“Martin Höpner (Köln) im Interview über die Aussichten einer transnationalen Lohnkoordination in Europa

    Mit der Einführung des Euro wurde die Geldpolitik zentralisiert, die innereuropäischen Wechselkurse wurden unwiderruflich fixiert. Lohnaushandlungen finden aber weiterhin auf nationaler Ebene statt, die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände sind in allen Teilnehmerländern ganz unterschiedlich organisiert, und eine transnationale Koordination der Lohnpolitik findet bisher nicht statt. Kann der Euro ohne Lohnkoordination funktionieren? Warum gab es in Deutschland seit Einführung des Euro eine zurückhaltende Lohnpolitik? Tragen die deutschen Sozialpartner eine Mitschuld an der Eurokrise? Und könnte die Tarifpolitik helfen, die Eurokrise zu beenden?

Bericht

Dokumentation

  • Plus S. 33

    Ein soziales Europa?Eröffnungsvortrag bei den zweiten europäischen Sozialtagen für Europa in Madrid

    Reinhard Marx erinnert angesichts verschärfter Notlagen in einzelnen europäischen Staaten daran, dass Sozialpolitik noch immer weitgehend in die Zuständigkeit der einzelnen Mitgliedstaaten fällt. Auf Dauer sei es jedoch nicht förderlich, europäische Wirtschaftspolitik im Dienst eines fairen Wettbewerbs und nationale Sozialpolitik voneinander zu trennen. Auch bei den wirtschaftspolitischen Entscheidungen auf europäischer Ebene müsse das Soziale immer mitbedacht werden. Ordnungspolitik allein könne weder den notwendigen sozialen Ausgleich herstellen, noch für einen genügenden Schutz der Umwelt und einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen sorgen. Gefordert sei ein gesamtgesellschaftliches Konzept, das Europa als eine „Solidaritäts- und Verantwortungsgemeinschaft“ verstehe. Neue soziale Antworten müssten u. a. mit Blick auf die Herausforderungen der Jugendarbeitslosigkeit sowie der Einwanderung zahlreicher Flüchtlinge nach Europa gefunden werden. Die Kirche könne dabei mit ihrer Soziallehre Richtschnur sein, um eine gerechtere Gesellschaft zu bauen. (Redaktion)

Buchbesprechungen