Luigino Bruni, Stefano Zamagni: Zivilökonomie. Effi zienz, Gerechtigkeit, Gemeinwohl. Mit einem Geleitwort von Reinhard Kardinal Marx und einer theologischen Einführung von Peter Schallenberg (Christliche Sozialethik im Diskurs 1), Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2013, 265 S., ISBN/EAN 9783506773197.
Vorliegender Band ist die Übersetzung eines im italienischen Original bereits 2004 erschienenen Buches, das im Kontext der kirchlichen Soziallehre zwischenzeitlich zu einiger Prominenz gelangt ist. Nicht nur dieses Faktum, sondern durchaus der Inhalt des Werkes rechtfertigt seine Übersetzung und damit eine hoffentlich auch vertiefte Rezeption im deutschen Sprachraum. (Die bei Lang erschienene englische Übersetzung mag auch durch ihren hohen Kaufpreis manchen Leser abgeschreckt haben.) Die beiden Autoren sind Ökonomieprofessoren; Bruni in Mailand, Zamagni in Bologna. Ihr Konzept hat aber deutlich erkennbar Eingang in die Sozialenzyklika Benedikts XVI. Caritas in veritate gefunden. Nicht umsonst war Zamagni unter den Personen, die am 7. Juli 2009 das päpstliche Lehrschreiben offi ziell präsentierten. Die ersten fünf Nummern des dritten Abschnitts der Enzyklika, der mit dem Titel Brüderlichkeit, wirtschaftliche Entwicklung und Zivilgesellschaft zentrale Anliegen von Bruni/Zamagni aufgreift, können nahezu als Exzerpt aus deren Buch gelesen werden. Noch mehr gilt das für die Nummer 46, in der im italienischen Text die Begriffe economia civile und economia di communione aufgegriffen werden, deren zweiterer die Nähe der Autoren zur Fokolare-Bewegung kenntlich macht. Die deutsche Übersetzung als öffentliche und Gemeinschaftswirtschaft verschleiert Herkunft und Zusammenhang der Gedanken freilich eher.
Nun soll hier aber ja nicht das päpstliche Lehrschreiben im Zentrum stehen, sondern das Buch über Zivilökonomie selbst. Auch wenn es von Ökonomen verfasst ist, liefert es doch weniger (vielleicht etwas zu wenig) praktische Weisungen für das wirtschaftliche Handeln von Individuen und Körperschaften, als vielmehr eine grundlegende Haltungsorientierung und auch Konturen einer Anthropologie, die zu einer alternativen Wirtschaftskultur beitragen können. Dabei gilt es zu betonen, dass der Begriff der Alternative in diesem Kontext nicht als Chiffre für den radikalen Ausstieg aus marktwirtschaftlichen Strukturen zu verstehen ist. Kardinal Marx weist in seinem Geleitwort zu diesem Band zu Recht darauf hin, dass es deutliche Parallelen zwischen dem Ansatz der Sozialen Marktwirtschaft und dem Ordoliberalismus auf der einen und dem zivilökonomischen Konzept auf der anderen Seite gibt. Beide gehen davon aus, dass der Markt humanisiert oder zivilisiert werden kann und dann als ein sinnvolles und gutes Instrument menschlicher Entwicklung zu dienen vermag. Dieses relative Lob des Marktes durchzieht ja schließlich auch den Gesamtkorpus der kirchlichen Sozialverkündigung. Es gilt aber eben nur – und dies betonen Bruni/Zamagni durchgängig – wenn der Markt Mittel bleibt und nicht zum Selbstzweck wird; in ordoliberaler Tradition würde man wohl sagen: Er hat Vitalinteressen zu dienen. Was damit gemeint ist, entfaltet vorliegender Band eingehend. In Kurzfassung lautet der Kerngehalt der Argumentation: „Die zentrale Idee und demzufolge der Ansatz der Zivilökonomie ist ein Verständnis, das die Erfahrungen der sozialen Dimension des Menschen und der Reziprozität innerhalb des normalen Lebens in der Wirtschaft in den Blick nimmt, weder nebenher, noch vorher, noch später. Sie sagt uns, dass ‚andere’ Prinzipien als Profi t und instrumenteller Austausch im Innern wirtschaftlicher Aktivitäten ihren Platz finden können – wenn man nur will.“ (47) Die Entfaltung des Menschen nicht als Individuum, sondern als Person, das heißt als Beziehungswesen soll demnach nicht lediglich durch die Erträge des Wirtschaftens unterstützt und gefördert werden, sondern durch das Agieren und die Gestaltung der Handlungsspielräume im wirtschaftlichen Prozess selbst. Dadurch unterscheiden sich zivile Märkte im Sinn der Autoren von Sozialmärkten, die humanitäre Leistungen erzeugen und vermitteln mögen, dies aber nicht selten mittels strukturell rein wettbewerbswirtschaftlicher Körperschaften tun. Bruni/Zamagni sprechen aber auch nicht über einen caritativen Bereich der Mildtätigkeit. Denn eine wirklich brüderliche/geschwisterliche Gesellschaft ist nur auf der Basis von Freundschaft im aristotelischen Sinn möglich. Diese setzt eine Begegnung auf Augenhöhe voraus und kann nicht der Beziehung zwischen großmütigem Spender und Almosenempfänger entspringen. Vom Markt wird demnach verlangt, dass er drei Funktionen erfüllt: „Zum Ersten, dass er als Institution in der Lage ist, nicht nur effizient Vermögen zu erzeugen, sondern es auch nach den Regeln der Gerechtigkeit zu verteilen. … Zum Zweiten: Der Markt muss ein Ort sein, wo auch Wirtschaftssubjekte autonom, unabhängig und mit gleicher Anerkennung tätig sein können, die Werte schaffen, obwohl sie keine Profitziele haben. Zum Dritten: Der Markt muss als Ort funktionieren, wo der Verbraucher Bürger ist, mit Ansprüchen nicht nur an die Qualität eines Produkts …, sondern auch an den Herstellungsprozess, in dem dieses Produkt entsteht.“ (160 f.) Die Autoren legen in diesem Kontext großen Wert auf subtile Unterscheidungen und Klarheit innerhalb des terminologischen Wirrwarrs von Gemeingüterwirtschaft, Non-Profi t-Ökonomie, Drittem Sektor etc. etc. Umso verwirrender erscheint die durchgängige Rede von Reziprozität als wesentlichem Kriterium der Zivilökonomie, durch das diese sich vom reinen Äquivalententausch unterscheide. Beide Begriffe (Reziprozität und Tausch von Äquivalenten) scheinen auf den ersten Blick das gleiche zu meinen, was freilich nicht der Fall ist. Denn gemäß Bruni/Zamagni entwickelt sich Reziprozität nicht ohne Gratuität. Sie zielt zwar auf Gegenseitigkeit im Sinn eines Ausgleichs von Geben und Empfangen, von Pflichten und Rechten, die Gegengabe erfordert jedoch nicht quantitative, sondern qualitative Äquivalenz und kann überdies transitiv sein, das heißt anderen Mitgliedern einer Gemeinschaft gegenüber erfolgen als dem primären Geber. Der entscheidende Punkt dabei ist, dass der Mensch ein gutes Leben nur mit und dank anderen führen kann, indem er andere glücklich macht (vgl. 100 f.). Das Buch spricht von „bedingter Unbedingtheit“ (162) der Gegenseitigkeit, womit gemeint ist, dass ich der anderen und deren Leistungen um meines Glückes Willen bedarf, sie aber nicht zu Mitteln meiner Glückssuche degradieren darf, weil ich gerade dadurch auch mein eigenes Ziel verfehlen würde. Verschwinden Elemente der Geschenkhaftigkeit und Vorleistung aus der Handlungsmotivation, kann sich Reziprozität in der hier gemeinten Form nicht entfalten.
Das Grundkonzept der Zivilökonomie erscheint somit einerseits wenig aufregend, mitunter geradezu konventionell bis pragmatisch, andererseits wird aber doch klar, dass es ohne sehr spezifischen Habitus fern jeglicher Realisierbarkeit bleiben muss. Die Autoren behaupten freilich nicht, dass dieser Habitus ein utopischer sei, den es nicht längst gegeben hätte und auch gegenwärtig vielerorts geben würde. Dennoch steht er in Gefahr von dominierenden ökonomischen Konzepten samt deren Menschenbildern verschüttet zu werden. Mit dieser Problematik setzen sich auch wesentlich die wirtschaftshistorischen Abschnitte in der ersten Hälfte der Studie auseinander. Neben zum Teil durchaus vertrauten und altbekannten Positionen aus Spätmittelalter und Neuzeit findet man hier die Vorstellung von Autoren insbesondere aus der italienischen Tradition, die zumindest mir bislang unbekannt waren. Bruni/Zamagni argumentieren, dass die moderne Ökonomie durchaus aus den christlichen Traditionen des Abendlandes erwachsen sei. So stellen sie etwa das Konzept der montes pietatis mittelalterlicher italienischer Städte dar. Diese Einrichtung kann als eine Urform des Mikrokreditwesens bezeichnet werden, dessen Ziel die Aufrechterhaltung des städtischen Gemeinwesens und die ökonomische Integration aller Bürger darstellte. Diese Praxis wirft somit ein durchaus überraschendes Licht auf die Debatte um Geldverleih und Zins. An diesem Beispiel wird deutlich, was mit dem oben angesprochenen Habitus innerhalb einer auf den ersten Blick durchaus konventionell erscheinenden Praxis gemeint sein kann. Sehr positiv werden von Bruni/Zamagni Autoren wie Antonio Genovesi und Adam Smith dargestellt. Auch sie fügten sich noch gut in das Konzept eines Zivilhumanismus wie er im 14. und 15. Jahrhundert in Mittelitalien entstanden sei und als konzeptionelles Fundament einer Zivilökonomie dienen könne, da sie sich der Bedeutung von relationalen Werten sehr bewusst gewesen seien. Ein radikales Gegenkonzept dazu finde sich dann bei Machiavelli, Hobbes und Mandeville, wobei der Kern der Differenz eben im Menschenbild liege, das den egoistischen Nutzenmaximierer gegenüber einem an Gemeinschaft und dem Wohl anderer interessierten Sozialwesen ins Zentrum rückt, wodurch das Soziale zur Notlösung werde und nicht mehr wesensgemäßer Lebensraum des Menschen sei. Auch diese wirtschafts- und soziologiehistorischen Teile des Buches lassen sich durchaus mit Gewinn lesen.
Den Abschluss der Studie bilden Überlegungen über die Thematik des Glücks und den Beitrag wirtschaftlicher Prosperität zu diesem. Hier greifen die Autoren, wie auch in anderen Teilen des Buchs, immer wieder auf Sen und seinen mit Nussbaum generierten Capability-Ansatz zurück. Nicht quantitativer Reichtum an sich zählt also, sondern die Beteiligung der Individuen am gesellschaftlichen Geschehen und dessen Entfaltung. Um diese gegenüber quantitativem Wachstum, das die subjektive Lebenszufriedenheit der Menschen nur sehr bedingt fördert, zu stärken, bedürfe es neuer Formen deliberativer Demokratie, die einerseits die nationalstaatlichen Grenzen der Politik überschreiten, andererseits mehr vermögen, als Kompromisse im Ausgleich von Einzelinteressen herzustellen. Auch dem lässt sich durchaus zustimmen; allerdings zeigt sich hier neuerlich die kleine Schwäche dieses Bandes darin, dass wenig über den Weg zu dem aufgezeigten Ziel zu lesen ist. Was Ansätze konkreter Praxis angeht beschränken sich die Autoren darauf, eher nebenbei auf die Betriebe der economia di communione oder auf Sozialgenossenschaften zu verweisen.
Als Resümee bleibt zu ziehen, dass es sich hier um ein überaus lesenswertes Buch handelt, das von seinem italienischen Entstehungshintergrund her interessante Positionen der europäischen Ökonomietradition in Erinnerung ruft, und das vor allem in sehr bedachter und sachlicher Weise über eine Wirtschaft in christlichem Geist spricht. Es tut dies ohne viele kirchliche Bezüge oder Rückgriff auf religiös-theologische Terminologie (wenngleich die Prinzipien der Katholischen Soziallehre permanent präsent sind) in einer kritischen Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen gegenwärtiger Wirtschaftswissenschaft. Insofern ist dieses Buch eine nützliche und hilfreiche Quelle für sozialethische Argumentation und Anstoß zum Weiterdenken. Klar ist freilich auch: Weder ökonomische Theorien noch der Markt sind jemals ethisch neutral und daher auch nicht einfach unter jeder Rücksicht richtig oder falsch bzw. effizient oder ineffizient. Es gilt daher Position zu beziehen – und dies tun Bruni und Zamagni indem sie unzweideutig festhalten: „Die angestrebte Qualität liegt nicht zuerst in den Produkten, den Waren und Dienstleistungen für den Verbrauch, sondern in der Qualität der menschlichen Beziehungen.“ (202) In der Herstellung dieses Wertes der Zwischenmenschlichkeit liegt die Stärke einer Zivilökonomie, die die unglückselige Pattstellung im Streit zwischen einem Mehr an Markt oder Mehr an Staat zu überwinden vermag, sofern sie beide Größen in einen, dem menschlichen Glück dienenden Begegnungsraum zu integrieren vermag. Dieses Buch könnte durchaus einen wichtigen diskursiven Beitrag zur Förderung einer solchen Ökonomie leisten.
Wilhelm Guggenberger, Innsbruck