Wettstreit um Ressourcen

Ulrich Schneckener, Arnulf v. Scheliha, Andreas Lienkamp, Britta Klagge (Hg.): Wettstreit um Ressourcen. Konfl ikte um Klima, Wasser und Boden, München: Oekom 2014, 278 S., ISBN 978–3– 86581–421–0.

Auseinandersetzungen, auch Kriege um Bodenschätze und andere Ressourcen sind in der Menschheitsgeschichte nichts Neues. Und doch verändern sich immer wieder die Ursachen, die Arten und die Gegenstände der Konflikte und ebenso die Bewältigungsstrategien. Die aktuellen Konflikte wie auch die Auseinandersetzungen der näheren Zukunft werden sich, so die immer wieder zu hörenden Behauptungen, insbesondere um Wasser  drehen, und sie werden durch den Klimawandel forciert werden. Was an diesen Ansichten haltbar ist, wird im vorliegenden Sammelband, der auf eine Ringvorlesung an der Universität Osnabrück zurückgeht, umfassend, detailliert und fundiert aus verschiedenen Perspektiven erörtert.
Gegliedert ist das Buch in drei Teile. Der erste Teil führt in die Begrifflichkeit, die Theorien und die Erkenntnisse der Konfliktforschung ein. Der zweite Teil thematisiert klimabezogene Konflikte. Der dritte Teil widmet sich Auseinandersetzungen um Wasser und Boden. Anhand exemplarischer Konflikte werden viele grundlegende Erkenntnisse aufbereitet, wobei es allerdings zu manchen Wiederholungen kommt.
Die thematischen Zugänge der Beiträge, die im Umfang z. T. deutlich variieren, lassen sich grob in drei Richtungen untergliedern: Darstellung von Naturprozessen und natürlichen Gegebenheiten, Analyse von Wahrnehmungsmustern und Handlungsprogrammen sowie eine Reflexion auf die wissenschaftliche Forschung, insbesondere darauf, dass sozialwissenschaftliche Forschungen in diesen Bereichen ausgebaut werden müssten; beispielsweise müssten sie auch in den IPCC-Berichten
stärker berücksichtigt werden.
Nur einige Inhalte seien knapp angerissen: Es wird eingehend analysiert, dass der Zugang zu und der Mangel an Rohstoffen nicht allein ökonomisch, sondern verstärkt unter dem Blickwinkel der Sicherheit betrachtet werden, wofür sich der Fachbegriff der „Versicherheitlichung“ (engl. „securitization“) herausgebildet hat. Diese Sicherheitsdiskurse seien für die Eskalation oder Deeskalation von Konflikten mindestens ebenso bedeutsam wie die faktische Rohstofflage. Des Weiteren wird herausgestellt, dass bewaffnete Konflikte um den Zugang zu Ressourcen nur selten zwischenstaatlich, sondern viel häufiger innerstaatlich stattfänden und dass nicht nur Knappheit, sondern ebenso reiche Rohstoffvorkommen Konflikte auslösen oder anheizen könnten. Ferner sei Wasser in der Vergangenheit kaum eine Ursache gewalttätiger Auseinandersetzungen gewesen, und auch in absehbarer Zukunft seien Wasserkriege unwahrscheinlich. Öl- und Gasvorkommen seien weitaus konfliktträchtiger. Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Konflikten sei unklar.
Mit Blick auf die Klimapolitik sei auch zu beachten, dass nicht nur die Erderwärmung gefährlich sei, sondern dass auch von einer „gefährlichen Emissionsreduktion“ (Edenhofer 64) die Rede sein müsse. Sie könne nämlich sozioökonomische Risiken in sich bergen. Daher müsse sich die Klimaforschung verstärkt um Konzepte bemühen, die politisch umsetzbar seien und also von einem weiterhin anhaltenden moderaten Wirtschaftswachstum ausgingen, was wohl als Spitze gegen die Ideen einer Postwachstumsgesellschaft zu lesen ist.
Einig sind sich die Autoren, dass, auch wenn das persönliche Ethos stets wichtig sei, der Schlüssel zur Konfliktvermeidung auf der Ebene von Institutionen liege. Beispielhaft wird das in den Beiträgen im Teil III zu den Themenfeldern Wasser und Boden herausgearbeitet. Die Einbindung lokaler Akteure in südlichen Ländern in die globalen Märkte wird dabei von mehreren Beiträgern behandelt, und zwar überwiegend kritisch. So gelangt der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Ernährung, Olivier de Schutter, zu einem weitgehend negativen Urteil, was die Entwicklung der letzten Jahre angeht; er zeigt insbesondere die Schwächen eines Konzepts der Weltbank auf, das Grundsätze für verantwortungsvolle Investitionen in die Landwirtschaft formuliert.
In der ordnungspolitischen Ursachenanalyse wird in mehreren Beiträgen die Bedeutung der Finanzmärkte für die Entwicklungen im Agrarbereich herausgestellt. Der sprunghafte Anstieg der Lebensmittelpreise 2007/2008, der in zahlreichen ärmeren Ländern zu Versorgungsschwierigkeiten geführt habe, habe einen Wandel bei der Zielsetzung wie auch beim Ausmaß ausländischer Investitionen in die Landwirtschaft hervorgerufen. Auch wenn die Zunahme von Investitionen den Anschein erwecke, es sei eine Ausweitung der Marktmechanismen am Werk, so sei doch in vielen Fällen das leitende Motiv, sich von den Unwägbarkeiten des Weltmarkts unabhängiger zu machen; das gelte sowohl für die reicheren Länder mit geringen landwirtschaftlichen Möglichkeiten als auch für ärmere Länder mit großen landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Die Belange der ortsansässigen Bevölkerung und insbesondere der Kleinbauern würden dabei jedoch vielfach zu wenig berücksichtigt.
Das Buch ist insbesondere analytisch stark. Es klärt verständlich und differenziert über Ursachen und Konfliktmechanismen wie auch über die Entwicklung, die Stärken und Grenzen von Forschungsansätzen auf. Die Notwendigkeit eines Umsteuerns wird allgemein betont, wenngleich entsprechende Vorschläge fehlen oder im Vagen verbleiben, was Dobner (161) in ihrer Analyse auf den Punkt bringt: „Governance“, das Schlüsselwort in fast allen gegenwärtigen Handlungsprogrammen, sei letztlich nur „Zauberwort und Leerformel“.
Widersprüche werden von den jeweiligen Autoren leider nicht, etwa in nachträglich eingearbeiteten Fußnoten, ausdiskutiert. So halten Bauer/Messner (81 f.) an der in internationalen Verhandlungen allgemein anerkannten Strategie der Vorsorge fraglos fest, während Edenhofer (63) die These formuliert, dass das Vorsichtsprinzip nicht anwendbar sei, wenn mehrere Katastrophen zugleich abzuwenden seien, nämlich ein gefährlicher Klimawandel und tiefgreifende Störungen der Weltwirtschaft. Eine wechselseitige Stellungnahme wäre sicherlich erhellend.
Ebenfalls fällt auf, dass ethische Kategorien vielfach in einem recht weiten Verständnis gebraucht werden. Viele sachlich notwendige Entscheidungen werden als Wertentscheidungen gefasst (z. B. Bauer/ Messner 81). Die ethischen Überlegungen dazu fallen jedoch knapp aus, was nicht zuletzt daran liegt, dass nur der katholische Sozialethiker A. Lienkamp einen genuin ethischen Beitrag verfasst hat, während sein evangelischer Kollege A. v. Scheliha primär – und durchaus lesenswert – eine EKD-Denkschrift zum Klimawandel vorstellt und kritisch diskutiert.
In etlichen Aufsätzen wird darüber nachgedacht, dass die sozialwissenschaftliche Forschung teils stärker ausgebaut, teils stärker beachtet werden müsse. Dies gilt, so ließe sich ergänzen, ebenso für die sozialethische.

Jochen Ostheimer, München