Interdisziplinarität der christlichen Soziallehre

Peter Schallenberg, Arnd Küppers (Hg.): Interdisziplinarität der Christlichen Sozialethik. Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, Paderborn: Schöningh 2013, 481 S., ISBN 978–3–506–77782–9.

Als alter Sozialethiker erinnere ich mich gern an die frühe Zeit der Mönchengladbacher Gespräche, an die einfache Unterkunft im Brunnenhof auf dem Abteiberg, seinen stillen, stimmungsvollen Garten in unmittelbarer Nähe von Münster und Rathaus sowie an den eleganten städtischen Ratssaal als Tagungsort. Ich durfte dabei – selbst noch jung – die großen, angesehenen alten Fachvertreter und auch die jüngeren und neuen Kollegen kennen lernen, begegnete Gästen aus dem nahen Ausland und genoss am Abend im Keller des Hauses bei köstlichen Getränken eine frohe, diskussionsreiche Geselligkeit. Lange reiste ich fast jährlich zu diesen Gesprächen, zuerst aus dem fernen Wien, dann aus Mainz.
Die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle (KSZ), die diese Gespräche seit 1968 als Jahreskonferenzen organisierte, konnte im vergangenen Jahr auf ein halbes Jahrhundert ihres Wirkens zurückblicken und widmete diesem Jubiläum die vorliegende Festschrift. Die KSZ wurde auf Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz und in engem Zusammenwirken mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) am 12. Februar 1963 gegründet. Mit der Standortwahl schloss man bewusst an die Tradition des deutschen Sozialkatholizismus an. Mönchengladbach war bereits im Kaiserreich und in der Weimarer Republik Zentralstelle des „Volksvereins für das katholische Deutschland“. Dieser versetzte mit seinen Publikationen und Schulungsprogrammen „die Mitglieder der Katholisch-Sozialen Bewegung, der katholischen Arbeitervereine und Sozialverbände sowie der Christlichen Gewerkschaften in die Lage, sich kompetent an der sozial- und wirtschaftspolitischen Debatte zu beteiligen“ (9), bis ihn die Nationalsozialisten 1933 auflösten.
Nach Grußworten von Kardinal Marx, Bischof Mussinghoff und dem Mönchengladbacher Oberbürgermeister Norbert Bude stellt Norbert Trippen im einleitenden Artikel (23–39) als Historiker informativ und spannend die ziemlich komplexe Gründungsgeschichte der KSZ dar, die Probleme, die sich dabei stellten, sowie die Rollen der maßgeblichen Akteure. Die Konzeption der Festschrift orientiert sich jedoch nicht an der Geschichte, sondern an der interdisziplinären Dimension der Christlichen Sozialethik, die sich als aktuelle Wissenschaft notwendig mit den Fragestellungen der vielfältigen sozial- und humanwissenschaftlichen Disziplinen befassen muss, um ihr christlichethisches Profi l angesichts der „Zeichen der Zeit“ umfassend umsetzen zu können. Peter Schallenberg, der Direktor der KSZ, und sein Stellvertreter Arnd Küppers liefern dazu in ihrem Beitrag (41–54) den systematischen Einstieg.
Als Herausgeber gelang es ihnen, Experten einer Vielzahl spezieller Bereiche der diversen Teilsysteme als Autoren zu gewinnen, welche es im Sinne der „richtigen Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ (Gaudium et spes 36) unternahmen, Themen ihrer Disziplin aus christlich-sozialethischer Sicht zu beleuchten. Das Ergebnis ist eine thematisch facettenreiche Palette von 28 durchwegs interessanten Erörterungen. Wirtschaftsethisch geht es etwa um die Bedeutung des christlichen Unternehmertums für die deutsche christlich-soziale Bewegung, um Entwicklungsökonomik, Vermögenspolitik, unkontrollierte Managermacht und um die Finanzmärkte. Sozialethische Grundlegungsfragen thematisieren den postmodernen Pluralismus, das Verhältnis von Moraltheologie und Sozialethik und die Bedeutung der Empirie in der Ethik. Die Rolle der Kirche wird in Beiträgen über ihrem Weltauftrag, ihr Verhältnis zum Demokratisierungsprozess, ihre Sozialverkündigung im Zeitkontext und über die päpstlichen Ansprachen vor der UN-Generalversammlung behandelt. Dazu kommen Arbeiten über Bildungsgerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, zu Solidarität und Subsidiarität als Baugesetzen der europäischen Gemeinschaft, zum sozialethischen Auftrag der Medien, dem Wandel der gesellschaftlichen Verankerung von Parteien, Religion und Zivilgesellschaft in Deutschland, zu Christ sein und deutscher Politik, zum Verlust der Sorge in der modernen Medizin, zur Korruption, zu Jürgen Habermas und dem Christentum sowie zur Interdisziplinarität der Arbeit des ZdK am Beispiel des Gesetzes zur vertraulichen Geburt.
Zwei geringfügige Anmerkungen möchte ich angesichts dieser durchaus gelungenen, reichhaltigen und anregenden Festschrift doch machen. Erstens: Angesichts der beeindruckenden Themenfülle fällt auf, dass das Thema Familie ausgeblendet wurde, obwohl es in seinen diversen Aspekten ideologisch, politisch und gesellschaftlich ein permanenter Dauerbrenner und zudem gerade heute auch ein zentrales Thema der Kirchen ist. Zweitens: Vielleicht hätte man, ohne das begrüßenswerte Generalkonzept der Interdisziplinarität zu beeinträchtigen, im Anschluss an die Gründungsgeschichte der KSZ oder als Anhang einen Beitrag vorsehen können, der auf das Wirken und die Leistungen der KSZ seit ihrer Gründung Bezug nimmt. Maßgeblich geprägt wurde ihr Profi l durch P. Anton Rauscher, der 1963–2010 ihr Direktor war. Außenstehende wissen zumeist wenig vom Aufgabenbereich der KSZ und hätten sich von deren Jubiläumsfestschrift darüber wohl einige Informationen erwartet.

Arno Anzenbacher, Mainz