Jonas Koudissa: Ethik und Migration. Das afrikanische Flüchtlings- und Migrationsproblem. Eine Herausforderung für Europa und Afrika (Forum Sozialethik 12), Münster: Aschendorff 2014, 312 S., ISBN 978–3–402–10639–6.
Der Band befasst sich mit afrikanischen Auswanderern aus den Ländern südlich der Sahara, die seit Jahren in großer Zahl versuchen, nach Europa zu gelangen. Bereits im ersten Kapitel gibt der aus Brazzaville (Republik Kongo) stammende und seit zwanzig Jahren in Deutschland lebende Autor einen informativen Überblick über die verschiedenen Sichtweisen auf Flucht und Migration, auf Vertreibung und Asyl sowie auf deren globale und regionale Dimensionen. Erläutert wird zudem die leitende konduktive Methode, der es vor allem darum geht, eine genaue Wirklichkeitswahrnehmung und -beschreibung in das bewertende Abwägen verschiedener Handlungsalternativen zu integrieren. Sie wurde von Dietmar Mieth entwickelt, der auch die Entstehung der Dissertation begleitet hat, die dieser Veröffentlichung zugrunde liegt, und mit der der Autor 2013 an Tübinger Katholisch-Theologischen Fakultät promoviert wurde.
Zwei Dinge machen diesen Band besonders empfehlenswert: Die sehr anschauliche und auf exemplarische Konkretion bedachte Präsentation der zugrunde gelegten empirischen Forschungsergebnisse und eine durchgehend leserfreundliche Sprache, die trotz der komplexen Anlage und der bedrückenden Thematik während der gesamten 300 Textseiten keinen Verdruss aufkommen lässt: Ein Buch, das trotz hoher Informationsdichte und bei aller Wissenschaftlichkeit auch für den Nicht-Wissenschaftler spannend zu lesen ist. Jonas Koudissa (JK) ist nicht nur katholischer Theologe und Priester, er ist zudem gelernter Politologe und Sozialethiker. Seine in den 1990er Jahren verfasste politikwissenschaftliche Promotionsschrift erschien unter dem Titel „Sind zentral afrikanische Staaten zur Demokratie unfähig?“. Zuvor hatte er sich jahrelang maßgeblich am Demokratisierungsprozess in seinem Heimatland beteiligt.
Die detailgenaue sozial- und politikwissenschaftliche Bestandsaufnahme (auch mit Hilfe eigener Feldforschung) zu den Motiven und Rahmenbedingungen (z. B. finanziellen), die für zentralafrikanische Migranten mitentscheidend sind, sowie zu den Folgen, die ihr Weggehen verursacht, bietet eine ergiebige Grundlage für die anschließenden theoretischen Überlegungen. Sowohl die „Grundzüge einer Theorie der gegenwärtigen afrikanischen Migration“ (Kap. 2) als auch die anschließende „Typologie der heutigen afrikanischen Migration“ (Kap. 3) können für den europäischen Leser dazu beitragen, Migration mit neuen Augen sehen: Was aus Sicht der aufnehmenden bzw. sich mit aller Macht abschottenden Länder als „Migrationsproblem“ daher kommt, stellt sich aus der Perspektive afrikanischer Auswanderer als Lösung ihres Problems dar. Angesichts der hohen Zuwanderungshürden in den entwickelten Länder fragt JK: „Können die Erwartungen der aufnehmenden Gesellschaften allein ausschlaggebend sein, um darüber zu entscheiden, ob potentielle Migranten akzeptiert werden sollen oder nicht?“ (43). Seine Ausführungen im 5. Kap. („Europäische Lösungswege eines afrikanischen Problems“) münden einerseits in eine gut begründete Kritik am europäischen Sicherheits- und Abschottungsarsenal, insbesondere an der dazu geschaffenen Agentur FRONTEX, andererseits aber in ein Bedauern über die mangelnde Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern und den Auswanderern selbst: So werde das Potential unendlich vieler junger Menschen verschwendet, denen ihr Heimatland keinerlei Perspektive biete und die in Europa nicht wirklich ankommen könnten, weil sie dort gezwungen seien in Illegalität oder Arbeitslosigkeit zu verharren.
Das 6. Kap., das etwa ein Drittel des Buches umfasst, widmet sich „den Grundprinzipien einer christlichen Migrationsethik“. Zu Beginn werden noch einmal die sozialwissenschaftlichen und empirischen Ergebnisse zusammengefasst. Um nur einige dieser wichtigen Grundlagen im Sinne des Autors anklingen zu lassen (vgl. 177 ff.):
- Das so genannte „Mittelmeersyndrom“ (das Drama der Bootsflüchtlinge) wird überschätzt. Es zeigt allenfalls die Spitze des Eisbergs und sagt kaum etwas über „die dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen der Menschen in Afrika südlich der Sahara“.
- Der Anteil afrikanischer Migrantenan der weltweiten Gesamtheit grenzüberschreitender Migration beträgt etwa 9 % und ist damit weit geringer, als meist angenommen wird.
- Zentralafrikanische Migranten tragen nachweislich mehr zum Wohlstand der Aufnahmeländer bei, als sie ihrerseits von diesen profitieren.
- Europa verstärkt die illegale Zuwanderung aus afrikanischen Ländern durch die enge Begrenzung legaler Einwanderung.
- Bisherige europäische Strategien beschränken sich auf die selbstbezogene Perspektive zur Lösung der „Migrationsproblematik“. Unter den Gesichtspunkten der Menschenrechte, des freiheitlich-demokratischen Selbstverständnisses und einer christlichen Ethik sind die meisten nicht akzeptabel.
Ausgehend vom biblischen Umgang mit Fremden und in ausführlicher Diskussion mit einschlägigen Aussagen sozialphilosophischer und christlich-sozialethischer Autoren werden anschließend die Grundprinzipien der Menschenwürde, der Solidarität und der Gerechtigkeit auf die konkreten Herausforderungen angewendet, die sich durch die afrikanische Migration nach Europa ergeben. Ziel ist eine Begründung der Rechte, die afrikanischen Migranten in den Staaten Europas zugestanden werden müssten. In den Thesen des abschließenden 7. Kap. ist von diesen Rechten und realistischen Praxisansätzen zu ihrer Umsetzung die Rede, aber auch von Handlungsalternativen, die sich auf einen veränderten wirtschaftlichen Austausch zwischen Europa und den zentralafrikanischen Staaten sowie auf die Steuerung struktureller Verbesserungen in den Auswanderungsländern beziehen. Anhänge und Tabellen zu den empirischen Daten sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis komplettieren den instruktiven Band.
Überraschend ist die hier eindrucksvoll und realitätsnah vermittelte Erkenntnis eigentlich nicht, und doch bedarf es der Anstrengung genauer Analyse, um sie in die Köpfe der politisch verantwortlichen Akteure wie auch ihrer Wähler zu bringen: Auf Dauer wird Europa nicht als Wohlstandsinsel bestehen können, die von einem Ozean der Armut umgeben ist. Der Königsweg aber zur Veränderung dieser Situation führt nicht über die Bekämpfung der Armut und schon gar nicht der Armen, sondern über den Aufbau gerechter Strukturen im wirtschaftlichen Austausch und über eine faire Durchlässigkeit der Grenzen, nicht nur für Waren und Geldgeschäfte, sondern zu allererst für die Menschen, ihre Kreativität und ihr Bedürfnis nach Integration.
Richard Geisen, Dortmund