Jochen Ostheimer, Markus Vogt (Hg.): Die Moral der Energiewende. Risikowahrnehmung im Wandel am Beispiel der Atomenergie, Stuttgart: W. Kohlhammer 2014, 240 S., ISBN 978–3–17 022933–4.
Nach der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 wuchs das Unbehagen in der Bevölkerung und die damalige Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel zog mit dem Atom-Moratorium die politischen Konsequenzen für die Bundesrepublik Deutschland. In dem vorliegenden Band beschäftigen sich die Autoren mit der ethischen Dimension der Energiewende und nehmen dabei vor allen Dingen die Atomenergie in den Fokus.
Inhaltlich lassen sich in dem Band drei Blöcke unterscheiden. Im ersten Teil beschäftigen sich die Autoren mit grundlegenden ethischen Aspekten rund um die Atomenergie. Außerdem gehen sie der Frage nach, inwieweit empirische Befunde dazu beitragen können, eine kohärente Bewertung hinsichtlich der Kernenergie vorzunehmen. Einer der Herausgeber, Markus Vogt, stellt in seinem Beitrag klar, dass sich dieses Unterfangen als durchaus schwierig erweisen kann. In Bezug auf die Opferzahlen von Tschernobyl attestiert er weiteren Forschungsbedarf, da die Angaben „zwischen wenigen tausend und einer Million“ schwanken. Bereits hier wird deutlich, wie kontrovers der Einsatz von Kernenergie diskutiert wird. Auf der einen Seite die Befürworter, die dazu neigen, niedrige Opferzahlen anzugeben, begünstigt durch den Umstand, dass viele Folgen atomarer Verseuchung häufig erst spät erkennbar sind. Auf der anderen Seite die Gegner, welche davon profitieren, öffentlichkeitswirksame Zahlen zu präsentieren, die das Ausmaß der Katastrophe numerisch eher überhöht darstellen. Weiter stellt Vogt heraus, dass innerhalb der christlichen Ethik zwar mehrheitlich eine kritische Sichtweise in Bezug auf die Nutzung der Kernenergie vorherrscht, eine abschließende Bewertung allerdings in enger Verknüpfung mit dem präferierten Wohlstandsmodell steht. Bleibt es weiterhin bei der unauflöslichen Verknüpfung zwischen Wohlstand und energetischer, monetärer Zentrierung, führt „die moralische Ablehnung […] atomare(r) und fossile(r) Energiesysteme unweigerlich“ in ein „sozialpolitisch nicht auflösbare(s) Dilemma“.
Im zweiten Block stehen wirtschaftliche und rechtliche Risiken im Fokus. In diesem Kontext unternimmt Jens Kersten den Versuch, die rechtlichen Bezugspunkte strukturiert darzustellen. Unter anderem geht er auf die Frage ein, wie sich die deutsche Gesellschaft als Risikogesellschaft konstituiert hat und welche verfassungsrechtlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Konkret beleuchtet er den Zusammenhang zwischen der Neubewertung des Restrisikos durch die Bundesregierung und dem damit verbundenen Atomausstieg. Kersten untersucht dabei, inwieweit es rechtlich problematisch ist, dass durch den retardierten Ausstieg das Restrisiko vorerst Teil der deutschen Lebenswirklichkeit bleibt.
Im dritten Teil des Bandes stehen nochmals stärker „gesellschaftliche Kontexte“ im Mittelpunkt. So zeichnet Michael Schüring in seinem Aufsatz nach, wie sich kirchlicher Widerstand gegen die Kernenergie begründet und bettet diesen in die historische Entwicklung ein.
Insgesamt decken die Beiträge ein breites Spektrum verschiedener Sichtweisen und thematischer Einzelheiten ab. Der Leser wird differenziert über die ethischen Implikationen der Energiewende informiert, zudem wird er in fachlich fundierter Weise für wirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen sensibilisiert. Diese Verbindung von Sachkenntnis und ethischer Refl exion ist m. E. essentiell, um das Ausmaß und die Mannigfaltigkeit der direkten und indirekten Folgen der Energiewende einordnen und einen Blick für die „Moral der Energiewende“ entwickeln zu können. Der Band ist insofern unbedingt empfehlenswert für jeden, der sich ein fundiertes Urteil dazu bilden möchte.
Benedikt Droste, Soest