Das Tier zwischen Produktionsfaktor und Würdeanspruch

Seit 2002 ist der Tierschutz in Deutschland verfassungsrechtlich verankert (Art. 20a GG). Die Schweiz spricht den Tieren bzw. Kreaturen „Würde“ zu (Verfassung Art. 120 Satz 2; Tierschutzgesetz Art. 1). Im deutschen Tierschutzgesetz ist von den „Mitgeschöpfen“ die Rede, deren „Leben und Wohlbefinden zu schützen“ ist und denen niemand „ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“ darf (§ 1). Was aber ist der ethische bzw. rechtliche Status von einem Mitgeschöpf? Und was ist in diesem Kontext ein vernünftiger Grund? Die gängige rechtliche Umschreibung als „triftig“, „einsichtig“, „von einem schutzwürdigen Interesse getragen“ und „auf ein vertretbares Maß reduziert“ hilft nicht viel weiter. Die Begriffe „Mitgeschöpf“ und „Würde der Kreatur“ durchbrechen die vorherrschende rechtssystematische Unterscheidung von Person und Sache, ohne den eigenständigen Existenzwert des Tieres näher klären zu können. Grundlegende Fragen stehen zur Debatte: Wo steht das Tier in der Werteskala? Lässt sich Tierschutz nur altruistisch im Sinne abwägungsfähiger Rücksichtnahme nach Abstufung der jeweils empirisch nachweisbaren Empfindungsfähigkeit begründen oder ist er kategorisch in der Ethik zu verankern? Die Diskussion um Tierschutz ist von einer tiefen Diskrepanz geprägt: Auf der einen Seite steht das zunehmende Wissen über Empfi nden, Bedürfnisse, Sozialverhalten und kognitives Vermögen von Tieren. Es führt in der Wissenschaft zur Annahme eines fließenden Übergangs zwischen Mensch und Tier und in der Bevölkerung zu einer verbreiteten emotionalen Annäherung an Tiere sowie zu ihrer Vermenschlichung als Partner oder Familienmitglieder. Auf der anderen Seite steht eine historisch beispiellose Entfremdung von Tieren im Rahmen der modernen Nutztierhaltung sowie der zunehmend urbanisierten Zivilisation, die mit hohem Tempo die Lebensräume zahlreicher Tierarten zerstört und den Menschen in ihrem Alltag nur wenig Raum für Begegnung mit Tieren lässt. Durch den enormen Druck zur Produktionssteigerung ist die Nutztierhaltung trotz des europaweit verbesserten Rechtsschutzes für Tiere in einer tiefen Krise. Gründungsvater einer ethischen Theorie des Tierschutzes ist Jeremy Bentham (1748–1832): Sein Maßstab ist das Wohlergehen aller empfindungsfähigen Lebewesen. Unter Wohlergehen versteht er das Streben nach Lust und die Vermeidung von Leid. Da er auch Tieren diese Fähigkeit in abgestufter Form zuerkennt, ist seine Ethik unmittelbar auch auf diese anwendbar. Für die Tierhaltung können auf dieser Grundlage verhaltensbiologische Indikatoren des Wohlbefindens und der Tiergesundheit bestimmt werden, um Regeln für eine artgerechte Haltung festzulegen.
Auch wenn die deutschen Tierschutzstandards im internationalen Vergleich relativ hoch sind, wird die Praxis dem darin formulierten Anspruch oft nicht gerecht. Hinter der Unsicherheit im Vollzug steht ein ungelöstes philosophisch-theologisches Problem: Wie ist das Mensch-Tier-Verhältnis zwischen den beiden Polen enger biologischer Verwandtschaft einerseits und alles Graduelle überschreitender geistig-moralischer Differenz andererseits zu bestimmen? Die Kohärenzdefizite im Tierschutz weisen auf eine offene Flanke des menschlichen Selbstverständnisses in der gegenwärtigen europäischen Kulturordnung hin. Der tiefe Graben zwischen dem Anspruch, das Tier als „Mitgeschöpf“ in seiner Würde zu achten, und der Systemlogik des gesellschaftlich-ökonomischen Verwertungsdrucks ist nicht zu übersehen und führt zu emotional aufgeladenen und polarisierten Debatten. Die folgenden Beiträge gehen diesem vielschichtigen Themenfeld anhand von „Tiergeschichten“ nach – Pferd, Esel, Rind und Schaf stehen für je ein Schwerpunktthema im Mittelpunkt – und suchen nach sozialethischen Orientierungslinien. Aufgrund der vor allem europarechtlich zunehmenden Verordnung von Ethikkommissionen auch für den Schutz von Wirbeltieren besteht hier in der interdisziplinären Forschungslandschaft Orientierungsbedarf. Dabei sind auch theologische Aspekte relevant, wie die First Annual Oxford Summer School on Animal Ethics zu „Religion and Animal Protection“ zeigt, über die in diesem Heft berichtet wird.
Das vorliegende Heft von Amosinternational, das der Tierethik gewidmet ist, geht theologisch-ethischen, philosophischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen nach und sucht nach kohärenten Kriterien für praktizierbaren Tierschutz im Kontext moderner Gesellschaft.