Auswandererberatung und Auswandererfürsorge

Manfred Hermanns: Weltweiter Dienst am Menschen unterwegs. Auswandererberatung und Auswandererfürsorge durch das Raphaels-Werk 1871–2011, München: Pallotti 2011, 240 S., ISBN 978-3-87614-079-7.

Befremdlich, etwa aus afrikanischer Perspektive, ist Europas Abschottungspolitik vor allem angesichts der eigenen umfangreichen Auswanderungsgeschichte. Armut und Verzweiflung, die Hoffnung auf Arbeit und wirtschaftlichen Erfolg, aber auch die Angst vor politischer oder rassistischer Verfolgung sind im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts für mehr als 50 Millionen Menschen Motiv gewesen auszuwandern. Allein im Jahr 1891 – so lässt sich aus dem vorliegenden Band lernen – verließ etwa eine halbe Million Menschen Europa, mehr als die Hälfte davon wanderte über deutsche Häfen aus. An manchen Tagen schifften sich allein im Hamburger Hafen bis zu tausend Auswanderer ein, auf dem Weg in die „Neue Welt“. Entsprechend vermehrten sich die elenden Zustände in den europäischen Einschiffungs- wie auch in den amerikanischen Ankunftshäfen, vor allem aber in den oft hoffnungslos überfüllten Schiffen, die mit ihrer menschlichen „Fracht“ mehrere Wochen unterwegs waren. Bei der Betreuung und Unterstützung der Auswanderer aus Deutschland und anderen europäischen Ländern engagierten sich mehr und mehr auch die katholischen Laienverbände. Schließlich gründete der katholische Kaufmann Peter Paul Cahensly 1871 den St. Raphaels-Verein (heute Raphaels-Werk).
Im vorliegenden Buch zeichnet Manfred Hermanns die Geschichte des Werks mit beeindruckendem Kenntnisreichtum nach: Ausgehend von der frühen Auswandererfürsorge über die Internationalisierung des Raphaels-Werks und die Auswanderungshilfe für die Juden während der Nazi-Zeit bis zur Nachkriegsarbeit mit Flüchtlingen aus Osteuropa und der heutigen Beratungstätigkeit bei der innereuropäischen Arbeits- und Altersmigration. Hermanns stützt sich auf eine umfangreiche Materialauswertung, erschließt auch bisher unbekannte Quellen und kann schließlich mit dieser Schrift zugleich eine kleine Geschichte der europäischen Auswanderung und vor allem eine facettenreiche „Biographie“ des 150 Jahre alten Raphaels-Werks vorlegen. Die systematische und quellenkritische Darstellung dieser heute weithin unbekannten Organisation zur sozialen, pastoralen und auch politischen Sorge um die Nöte von Auswanderern kann aber auch gelesen werden als Anregung, derzeitige Einwanderer in Europa mit anderen Augen zu sehen. Eine empfehlenswerte und kurzweilige Lektüre.

Richard Geisen, Dortmund