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S. 20
Die religiös-ritualisierte Darstellung des unauflöslichen Zusammenhangs von Fleischessen und Tiertötung, nicht zuletzt beim islamischen Opferfest, provoziert in den westlichen Industrienationen regelmäßig heftige Kritik. Das reicht bis zu deren Verfemung als blutrünstige steinzeitliche Rituale. Verdrängt werden dabei die durch Massentierhaltung, Tiertransporte und Akkordschlachtungen bedingten Grausamkeiten des westlichen Massenfleischkonsums. Verstellt wird auch die Einsicht, dass in den Ritualen ein religiöses Tiertötungsethos aufgehoben ist, das der westlich-christlichen Tradition fehlt und das für eine interkulturelle Tierethik fruchtbar gemacht werden könnte. Im vorliegenden Beitrag wird versucht, die theologischen Hintergründe und ihre interkulturellen tierethischen Optionen auszuleuchten. Dabei kommt dem christlichen Auferstehungslamm eine unerwartet selbstkritische Erkenntnisfunktion zu. Am Beispiel der deutschen Diskussion über die religiöse Tierschlachtung wird zugleich die historisch-politische Dimension deutlich. Von Heike Baranzke