Kirchenreform und betriebswirtschaftliches Denken

Christoph Meyns: Kirchenreform und betriebswirtschaftliches Denken – Modelle, Erfahrungen, Alternativen, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2013, 317 S., ISBN 978–3–579–08166–3.

Die beiden großen Konfessionen in Deutschland stehen vor enormen Um- und Rückbauprozessen angesichts der drastisch sinkenden Steuereinnahmen. In der evangelischen Kirche lag das Aufkommen 2011 um 26,4 Prozent niedriger als 1992. In Reaktion auf diese Entwicklung habe die protestantische Seite vielfach auf betriebswirtschaftliche Modelle zurückgegriffen, führt Christoph Meyns in seinem Buch aus, das zunächst als Inaugural-Dissertation an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr- Uni Bochum angenommen wurde. Management- und Marketingdenken haben demnach die Zusammenlegung von Gemeinden, Aufgaben und Stellen ebenso begleitet wie auch das Bemühen, Menschen für die Kirche zu gewinnen.
Doch passt ein solches Vorgehen überhaupt zu Theologie und Kirche? Diese Frage stellt sich nach Ausführungen des Autors vor allem auch deshalb, weil Effizienz und Effektivität des kirchlichen Handelns durch betriebswirtschaftliche Methoden nicht signifikant gesteigert werden. Meyns macht das unter anderem daran deutlich, dass die Erfolgsbilanz solcher Marketing- und Management-Projekte wie Citykirchen und Profilgemeinden „im Raum der verfassten Kirche“ „ambivalent“ ausfalle. Es ließen sich zwar Beteiligungszahlen steigern, aber Kirche erreiche offenbar nur diejenigen, die ihr ohnehin „überdurchschnittlich verbunden“ seien. Mitunter würden auch Menschen für die Kirche gewonnen mit dem Effekt, dass andere eher auf Distanz gehen. Folglich analysiert der Verfasser in einem ersten Schritt, worin denn der Wesensgehalt von Marketing, Management und  neuem Steuerungsmodell besteht, zumal letzteres angesichts von Sparzwängen zunächst einmal für öffentliche Verwaltungen konzipiert worden sei. Davon ausgehend zeigt Meyns die Konfliktlinien auf, die sich aus einem ökonomischen und einem theologisch reflektierten Denken ergeben. Er belässt es aber keineswegs bei einer Situationsanalyse, sondern stellt eine alternative Herangehensweise vor, mit der sich die aktuellen Problemlagen der Kirche deutlicher herausarbeiten lassen sollen, um somit gezielter und wirkungsvoller auf die Herausforderungen reagieren zu können.
In der Reflexion wirtschaftstheoretischer Aussagen befasst sich Meyns vornehmlich mit dem ökonomischen Verhaltensmodell, wonach der Mensch (Kunde, Käufer) aufgrund von Präferenzen (Wertvorstellungen, Intentionen, Bedürfnisse) und Restriktionen (Einkommen, Preise, Informationen) die für ihn vorteilhaftesten Entscheidungen trifft. Dieses Modell, wichtig für das Verständnis von Marketing- und Managementdenken, werde aber inzwischen „auch innerhalb der Wirtschaftswissenschaften zunehmend infrage gestellt“, weil es die Zusammenhänge doch sehr vereinfache und die Menschen in der Regel nicht ausschließlich an der Steigerung ihres eigenen Nutzens interessiert seien. Für Kirche und Religion sei das Modell ohnehin nur bedingt geeignet. Denn es kümmere sich nicht darum, die Präferenzen zu analysieren oder zu beeinflussen und laufe auf eine utilitaristische Ethik hinaus, die die Kirche nicht favorisieren könne. Zudem haben Präferenzen, so der Verfasser, maßgeblichen Einfluss auf das Zusammensein, das durch Kommunikation, Interaktion oder auch altruistische Formen bestimmt wird. Somit erfasse das Modell nicht die Vitalität oder auch die Stabilität religiöser Überzeugungen, Praktiken und Gemeinschaften.
Management und Marketing sind zudem, so arbeitet Meyns heraus, kaum mit biblischen, kirchengeschichtlichen und pastoraltheologischen Axiomen vereinbar. Im Alten und Neuen Testament werde Besitz nicht als solcher, sondern der quasi-religiöse Gebrauch kritisiert; die Urkirche ordne die ökonomische Logik der Gottes- und Nächstenliebe unter, und die Reformation ziele auf eine evangeliumgemäße Ausrichtung der kirchlichen Ordnung ab. Betriebswirtschaftliche Methoden führen aber dazu, dass die „religiöse Rationalität des kirchlichen Handelns in die Logik von Erfolg und Nutzen eingeordnet wird“, formuliert Meyns. Dadurch gerate man in Konflikt mit theologischen Grundüberzeugungen. Zudem passe ein Marketingziel, wie es im EKD-Papier „Kirche der Freiheit“ von 2006 zu lesen ist, die Mitgliederzahl der evangelischen Kirche gegen den Trend bis 2030 zu steigern und ebenso Tauf- und Trauquote zu erhöhen, nicht zur „Selbstwirksamkeit des Wortes Gottes“. Darüber hinaus sei das ökonomische Denken vom Tauschprozess des Gebens und des Nehmens geprägt, was aber der Vorstellung zuwiderlaufe, das Evangelium als Geschenk zu betrachten. In seiner Argumentation greift Meyns unter anderem auf Karl Barth zurück, für den das Wort Gottes „nicht nach Abnehmern“ sucht und „nicht in Konkurrenz tritt“, sondern von sich aus das Verlangen habe, „leuchten zu dürfen“. Schon Schleiermacher habe in Anlehnung an Aristoteles‘ Unterscheidung von Herstellen und Handeln differenziert, dass „die Kirche den Glauben nicht direkt bewirken kann“.
Ein weiteres Argument gegen die Instrumente von Marketing und Management besteht nach Meyns in der Kirchenstruktur. Um betriebswirtschaftliche Methoden erfolgreich einzusetzen, müsse man auf ein hierarchisches System mit Belohnungs-, Sanktions- und Kontrollmöglichkeiten zurückgreifen können. Doch solche Voraussetzungen stünden einer evangelischen Kirche entgegen, die durch Partikularität und Universalität geprägt sei.
Trotz aller Kritik an rein ökonomisch ausgerichteten Denkschemata sieht der Autor durchaus Bereiche, wie beispielsweise das direkte kirchliche Finanzwesen, in denen betriebswirtschaftliches Vorgehen seine Berechtigung habe. Er schlägt ferner auch einen Dialog von Wirtschaftswissenschaften und Theologie vor, damit eine „kurzschlüssige Übertragung“ vermieden werde.
Um aber das Leben in den Gemeinden, die bestehenden Strukturen und die Komplexität der Wirklichkeit erfassen zu können, schlägt Meyns vor, auf systemtheoretische Überlegungen zurückzugreifen, wie sie Niklas Luhmann entwickelt hat. Danach sind es drei Ebenen, die die evangelische Kirche ausmachen, nämlich die Religion als Kommunikation, die Interaktion zwischen den Menschen und die formale Organisation. Das Gleichgewicht habe sich aber immer mehr zu Ungunsten von Religion und Gemeinschaft verschoben. Doch gerade die Interaktion, oder einfacher gesagt, „alle Formen der Geselligkeit, der persönlichen Nähe“ seien von zentraler Bedeutung, um Kirche zu erleben, führt Meyns im Rückgriff auf die Diplom-Ökonomin Anna Stöber und die Theologin Isolde Karle aus. Das heiße in der praktischen Konsequenz, Bibelarbeit und christliche Rituale ebenso zu betonen wie Feiern und das Einmischen in öffentliche Debatten. Zielformulierungen, wie sie das o. g. ökonomisch ausgerichtete EKD-Papier vorschlägt, seien eher von „handwerklicher Qualität“. Aus Sicht der Systemtheorie seien solche Ziele aber kontraproduktiv, da sie den Blick auf das große Ganze verhinderten. Das wiederum bestehe darin, „Religion, Interaktion und Organisation in ein fruchtbares Verhältnis zu bringen“. Sehe sich eine Gemeinde aus finanziellen Gründen gezwungen, Kirchen zu schließen oder Seelsorgestellen zu streichen, solle nach Möglichkeiten gesucht werden, den Gesamtzusammenhang des kirchlichen Lebens zu wahren und zu stärken. Darin liege der Vorteil einer systemtheoretischen Sicht, die den Blick auf die Kommunikationsprozesse richte. Meyns legt der Kirche nahe, sich vom Starren auf Erfolge und Misserfolge zu trennen, aus dem „Kreislauf von Erfolg und Misserfolg“ auszubrechen, um die Herausforderungen mit „gelassenem Engagement“ zu bewältigen.

Theo Körner, Dortmund