Finanzregulierung zwischen Politik und Markt

Reichert, Wolf-Gero: Finanzregulierung zwischen Politik und Markt. Perspektiven einer Politischen Wirtschaftsethik, Frankfurt (M.)/New York: Campus 2013, 373 S., ISBN 978–3–593–39984–3.

Wolf-Gero Reichert hat ein gutes Buch geschrieben. Man hat viel gelernt, wenn man es durchgelesen hat. Allerdings verlangt es dem geneigten Leser durchaus einiges auf demjenigen Gebiet ab, das man mit Hegel als die „Anstrengung des Begriffs“ zu bezeichnen pflegt.
Reicherts Buch dreht sich um die Frage, „wie in der Bundesrepublik Deutschland ein dauerhaft leistungsfähiges Finanzsystem zu bestimmen ist“ (S. 43), das jedoch nicht nur ökonomischen Funktionserfordernissen, sondern auch ethischen Kriterien genügt (wobei Alan Gewirths Konzept der „Community of Rights“ als ethischer „Bezugsrahmen“ fungiert, S. 33). Als konzeptionelle (Gesamt)„ Brille“ dient ihm das Projekt einer „Politischen Wirtschaftsethik“, wie es am Nell-Breuning-Institut in St. Georgen derzeit entwickelt wird (vgl. S. 10. 30 ff.). Ökonomisch orientiert sich dieses Projekt am „Postkeynesianismus“, doch liegt die konzeptionelle Betonung auf den Worten „politisch“ und „ethisch“ im Sinn einer „anwendungsbezogenen Ethik“ (S. 18 f.).
Dieses Programm wird in 5 Kapiteln abgearbeitet. Nach dem einleitenden 1. Kapitel beschreibt das weitgehend deskriptive 2. Kapitel die derzeitigen Fakten, diagnostiziert dabei aber dann doch auch bewertend eine tiefgreifende „Krise der marktorientierten Finanzwirtschaft“(S. 107 ff.), die sich daran zeige, dass das derzeitige „Finanzsystem prozyklisch und störungsanfällig ist“. Genau aus diesem Grund sucht das Buch ja auch nach Wegen einer wetterfesten „Finanzregulierung“ (Titel). Hierzu werden im 3. Kapitel (wirtschafts)soziologische Erörterungen über die „Entstehung und Akzeptanz sozialer Regeln auf Finanzmärkten“ (S. 128 ff.) angestellt und im 4. Kapitel dann Überlegungen zu einer „umfassenden Sozialtheorie“ vorgelegt, um die Erfolgschancen von Regulierungen taxieren zu können. Man ist zunächst überrascht, hier einer ausführlichen Aufarbeitung der Gesellschaftstheorie Friedrich August von Hayeks („spontane bzw. evolutive Interaktionsordnungen“) zu begegnen, hinter deren „Zentraleinsicht“ man bei aller Kritik doch „nicht zurückfallen“ dürfe (S. 268). Weniger überraschend ist der dann folgende Rückgriff auf die Sozialtheorie von Anthony Giddens. Zwar wird eine wirklich greifbare Kernaussage in diesem 4. Kapitel nicht recht deutlich – außer die sehr allgemeine, dass wir Regulierungen brauchen –, doch sind die Ausführungen im einzelnen gleichwohl allesamt intelligent und interessant. Bevor schließlich dann im 2. Teil des 5. Kapitels kurz einige konkrete Reformoptionen benannt werden – hier fi ndet man die üblichen Kandidaten wie etwa das Zurückschrauben der Rating Agencies, die Finanztransaktionssteuer oder die höhere Kapitaldeckung –, liefert der 1. Teil des 5. Kapitels gewissermaßen als Gesamtertrag des Buchs vier Kriterien funktionsfähiger Regulierungen. Beispielsweise lautet das Kriterium 2 in deutlicher Orientierung am „Subsidiaritätsprinzip“: „So viel Selbstregulierung durch die Marktteilnehmer wie möglich, […] so viel Regelungskompetenz für die je größere Organisationseinheit wie nötig.“
Insgesamt hat Wolf-Gero Reichert ein Buch vorgelegt, das weniger durch eine markige oder appellative Kernthese hervorsticht (wie etwa Rudolf Hickels Buch „Zerschlagt die Banken“), sondern eher durch argumentative Theoriearbeit besticht.
Resümee: Für konzeptionell interessierte Zeitgenossen empfehlenswert!

Michael Schramm, Stuttgart-Hohenheim