Schneider, Martin: Raum – Mensch – Gerechtigkeit. Sozialethische Reflexionen zur Kategorie des Raumes. Paderborn: Schöningh 2012, 726 S., ISBN 978–3506775429.
Der Raum ist ein weites Feld – aber wäre er nur dieses, so wäre er kurz abzuhandeln. Doch er ist auch ein Gewerbegebiet, ein Quartier, ein Kontinent, ein Bett, eine Sphäre, eine Metapher … Man kann ihn physikalisch, geologisch, soziologisch, philosophisch, phänomenologisch, architektonisch, psychologisch, theologisch und (sozial-)ethisch in den Blick nehmen. Er erfährt derzeit – auch in der theologischen Reflexion und in der kirchlichen Praxis – verstärkte Aufmerksamkeit: spatial turn. Vielleicht ist diese Zuwendung aber auch nur eine Form des Nachrufs angesichts des Verschwindens des Raumes durch gesteigerte Geschwindigkeit, elektronische Medien und digital-virtuelle Weltkonstruktionen. Kein Wunder also, dass die Dissertation von Martin Schneider zu „Raum – Mensch – Gerechtigkeit“ mit 720 Seiten sehr raumgreifend ausgefallen ist und allein 80 Seiten Literaturverzeichnis umfasst. „Nur“ die letzten 230 Seiten wenden sich explizit der sozialethischen Perspektive zu.
Das einleitende Kapitel erschließt exemplarisch, dennoch umfangreich und sehr instruktiv die Bedeutung, die raumbezogenem Denken in der Theologie in ihren verschiedenen Fächergruppen zukommt: in der ökologischen Ethik, in einem räumlich-relationalen Trinitätsverständnis des Einwohnens und Raumgebens, in biblischen Raumbildern und Bewegungschoreographien, in der Konzeption von Kirchenräumen sowie in der kirchlichen Raumplanung. Weiterhin werden hier Grundunterscheidungen im Blick auf den Raumbegriff vorgestellt: Container-Raum vs. Relationaler Raum, homogener vs. gelebter Raum, physischer Raum vs. sozialer Raum, Ort vs. Raum. Schließlich kommen die zentralen Ziele der Arbeit zur Sprache: „Erstens: Es wird gezeigt, dass einerseits Räume durch menschliches Handeln und soziale Strukturen entstehen, dass aber andererseits daraus räumliche Strukturen entstehen, die eine Bedingung für menschliches Handeln sind und die Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen beeinflussen. […] Zweitens: Auf der Basis eines soziologisch und anthropologisch fundierten Raumverständnisses wird ein Konzept von raumbezogener Gerechtigkeit entfaltet“ (103).
Kapitel zwei zeigt wissenschaftsgeschichtlich, wie die Raumwissenschaft Geographie und die Handlungs- und Beziehungswissenschaft Soziologie sich aufeinander zubewegen und daraus ein handlungsorientierter Raumbegriff entsteht. Das Kapitel kumuliert in der Unterscheidung verschiedener Dimensionen der Raumproduktion im Anschluss an Henri Lefebvre, die dann auch die beiden folgenden Kapitel strukturieren.
Das gesellschaftstheoretisch ausgerichtete dritte Kapitel legt unter Bezugnahme auf phänomenologische Deutungen dar, wie Raum durch sinnlich-leibliche Praxis produziert wird und welche Rolle soziokulturelle Zeichen- und Wertvorstellungen und gesellschaftliche Regulationssysteme bei seiner Konstitution spielen. Dabei wird zeitdiagnostisch ein Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Leitbildern, Produktionsweisen und Raumkonzepten hergestellt, so dass wir heute nicht nur eine postfordistische Produktionsweise, sondern auch ein postfordistisches Raumbild mit Betonung von Flexibilität und Verschiedenheit (z. B. Hochschätzung der regionalen Besonderheit) haben.
Das anthropologisch orientierte vierte Kapitel bezieht sich unter dem Titel „Philosophie des Wohnens“ auf den erlebten und erfahrenen Raum. Der Mensch bewohnt den Raum und prägt ihm den Charakter einer „Umwelt“ oder „Mitwelt“ auf. Er kommt darin nicht einfach wie ein Ding vor; dies wäre ein entfremdetes Raumverhältnis. Die Raumerschließung als In-der-Welt-Sein des Menschen wird unter verschiedenen Gesichtspunkten und unter besonderer Bezugnahme auf Heidegger und Sloterdijk reflektiert. Ziel ist es, menschengemäße, nicht entfremdete Raumverhältnisse zu bestimmen, denen als anthropologisch erschlossene auch ein wertend-normativer Status zukommen soll. Zugleich wird die These vertreten, dass soziale Pathologien in einer Wechselwirkung mit Raumpathologien stehen.
Das fünfte Kapitel wendet sich sozialethisch der raumbezogenen Gerechtigkeit zu und beschränkt sich dabei zum einen auf die räumliche Dimension der individuellen Freiheitsrechte (5.1), zum anderen auf die Gerechtigkeit der Verwirklichungschancen in unterschiedlichen kommunalen Quartieren und regionalen Räumen (5.2). Der auf Freiheit fokussierende Abschnitt arbeitet zunächst sehr sensibel die Rechte des Menschen auf (Wohn-)Raum, auf abgegrenzten Raum und damit auf Privatsphäre heraus und thematisiert in diesem Zusammenhang die abwehrenden Freiheitsrechte. Sie werden in den Zusammenhang des Personalitäts- und Subsidiaritätsprinzips gestellt. Der umfangreichere zweite Teil befasst sich mit den räumlichen Bezügen von Benachteiligung und Ausgrenzung als Segregation und Peripherisierung bzw. positiv gewendet mit dem Raumbezug von Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Der Einstieg erfolgt bei Bourdieus Reflexionen zum Zusammenhang von sozialem Raum (der nur metaphorisch als Raum zu qualifizieren ist) und dem „wirklichen“, physischen Raum. Die Position im sozialen Raum beeinflusst die Aneignung des physischen Raumes, sodass sich soziale Verhältnisse in den Raum einschreiben; umgekehrt hängen von der Position im physischen Raum auch die Zugangschancen zu den materiellen, sozialen und kulturellen Ressourcen ab. Der Autor entfaltet weiterhin die normative Perspektive der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“, reflektiert in diesem Zusammengang ausführlich das Verständnis von Gleichwertigkeit und plädiert für ein differenzsensibles Gleichheitsverständnis, das ihn letztlich zum Befähigungsansatz von Nussbaum und Sen führt.
Nicht sehr glücklich öffnet schließlich die Schlussbemerkung – statt zu schließen – ein neues Miniaturkapitel im Hochkompressionsmodus: über digitale Welten.
Warum diese Arbeit so geworden ist, wie sie ist, erschließt eine Bemerkung des Autors im Vorwort. Sein ursprüngliches Interesse waren die Zukunftschancen des ländlichen Raumes. Während man am Anfang ein wenig amüsiert zur Kenntnis nimmt, wie eine eher handfeste Fragestellung zu solchen „Ausschreitungen“ führen kann, wird am Ende doch wieder deutlich, dass dieses Interesse seine Spuren hinterlassen, vor allem die Auswahl der sozialethisch behandelten Themen beeinflusst hat und abschließend in der Reflexion der „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ wieder zum Vorschein kommt. Hätte sich das anfängliche ethische Erkenntnisinteresse auf die Nutzung und Verteilung des arktischen Meeresraumes gerichtet, wäre das Werk vermutlich ganz anders ausgefallen. Trotz des Umfangs hat die Dissertation also – durchaus legitim – einen perspektivischen Zugang zum Raum. Aus einer anderen Perspektive kann man durchaus fragen, ob die zentrale These, dass Raum immer sozial gemacht ist und dass er, nur weil er ein Produkt menschlichen Handelns ist, überhaupt sozialethisch reflektierbar ist, in dieser Allgemeinheit zutreffend ist: Gibt es nicht vielleicht doch natürliche – nicht sozial gemachte – raumgebundene Ressourcen, deren Nutzung strittig ist und die so Gegenstand sozialethischer Reflexion werden? (Dabei ist natürlich klar – aber auch schon tautologisch –, dass spätestens im Moment der Strittigkeit die soziale Konstitution in vollem Gang ist.)
Das explizit sozialethische Kapitel ist nach meinem Eindruck nicht das stärkste der ganzen Arbeit. Zunächst überrascht nach der vorherigen Breite die Begrenzung auf zwei Zugänge aus einem vielfältigen Spektrum ethischer Fragen mit Raumbezug: von der Ökologie über die Herausforderungen der Migration sowie Fragen einer räumlich gestuften Verantwortlichkeit bis hin zu territorialen Konflikten. Andererseits ist die Begrenzung der Thematik durchaus berechtigt und konzeptionell auch klug gewählt, indem sowohl Freiheit als auch Gerechtigkeit als zentrale normative Größen in ihrem Raumbezug thematisiert werden. Aber gerade die Ausführungen zu den Freiheitsrechten überzeugen am wenigsten. Zwar beginnen sie noch stark mit Überlegungen zum Raum-Haben als Grundbedürfnis und als Freiheitsbedingung, die zwanglos zur Bedeutung des Wohnens, der Wohnung und deren Unverletzlichkeit weitergeführt werden. Wo die Ausführungen sich allerdings dem Schutz der Privatsphäre, den Abwehrrechten bis hin zur Glaubens- und Gewissensfreiheit zuwenden, wird der Raumbezug lose. Die räumliche Assoziation, die mit dem Begriff „Privatsphäre“ geweckt wird, ist nur begrenzt „wirklich“ räumlich; sie bezeichnet eher eine bestimmte Qualität der Interaktionen, die von besonderer „Nähe“ zur Identität von Personen gekennzeichnet sind. Hier zeigt sich ein generelles Problem: Je konsequenter man Raum sozial konstituiert sieht, desto leichter wird der Raumbegriff zur Metapher. Gar nicht recht verständlich ist, warum in diesem Abschnitt die Sozialprinzipien der Personalität und Subsidiarität ab ovo entfaltet werden müssen – mit kaum vorhandenem Raumbezug.
Stärker am Thema Raum bleiben die unter dem normativen Maßstab der Gerechtigkeit stehenden Ausführungen zur „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ im Blick auf kommunale und regionale Gegebenheiten. Die gerechtigkeitstheoretischen Überlegungen führen hier schließlich zum Befähigungsansatz von Nussbaum und Sen sowie knapp zur Sozialraumorientierung als einer Form der Territorialisierung von Intervention und Empowerment. Insgesamt leiden die Ausführungen dieses Abschnitts unter einem Überschuss normativer Bezugspunkte – impliziter oder expliziter Art. Die soziologischen Konzepte Bourdieus und das Zentrum-Peripherie-Modell Kreckels, die unter der Hand normative Implikationen entfalten, stehen neben expliziten normativen Reflexionen zu Rawls und schließlich zum Ansatz der Förderung von Befähigungen und Verwirklichungschancen, auf den die Überlegungen zulaufen, der aber durch seine nachgelagerte Stellung gerade die vielen normativ aufgeladenen, manchmal recht kleinteiligen Überlegungen zuvor nicht strukturieren kann.
Insgesamt überzeugt die Arbeit jedoch durch eine große Theoriebreite und außerordentliche Theoriestärke, die zugleich verständlich vermittelt wird; sie führt so in das anspruchsvolle philosophische und sozialwissenschaftliche Raumdenken umfassend ein. Eigentlich ist man dankbar, dass das Buch nicht dünner ist, weil die Themenfelder und Zugänge, die es erschließt, hochinteressant sind und der Autor problembewusste Zugänge bietet. Andererseits ist das Buch doch auch durch seinem Umfang belastet: In einem gewissen Sinn will es Thesis und Kompendium zugleich sein. Das ist kein leichter Spagat und gelingt erstaunlicherweise weitgehend, weil das Buch eine sichtbare Denk- und Argumentationslinie hat, die nur selten im Umfang des Materials untergeht. Der Verzicht auf einige Exkurse sowie auf einige Verneigungen vor Mitgliedern der Münchner Fakultät hätte der Arbeit aber gut getan.
Fazit: Das Buch untertreibt; es enthält weit mehr als sozialethische Reflexionen zur Kategorie des Raumes. Es sei insofern nicht nur Sozialethikern, sondern allen Theologen, Sozialwissenschaftlern, Philosophen, Kommunal- und Regionalplanern sowie in der Sozialen Arbeit Engagierten nachdrücklich empfohlen. Nicht umsonst ist es mit dem für Qualität bürgenden Lorenz-Werthmann-Preis der Caritas ausgezeichnet worden.
Bernhard Laux, Regensburg