Filipović, Alexander/Jäckel, Michael/Schicha, Christian (Hg.): Medien- und Zivilgesellschaft (Reihe: Kommunikations- und Medienethik, Bd. 1), Weinheim: Beltz Juventa 2012, 318 S., ISBN 978–3–7799–3000–6.
Das Netzwerk Medienethik, die Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) sowie Kooperationspartner der Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie waren an der Tagung „Medien- und Zivilgesellschaft“, die vom 17.-18. Februar 2011 an der Hochschule für Philosophie in München stattfand, beteiligt. Der vorliegende Band dokumentiert die Ergebnisse der Tagung und bildet den Auftakt der neuen Schriftenreihe „Kommunikations- und Medienethik“.
In der Einleitung des Bandes definieren die Herausgeber die Bedeutung der Zivilgesellschaft als wesentlichen Kernbereich neben Staat und Wirtschaft: In ihr mündet die Hoffnung, gesellschaftliche Missstände zu verbessern. Um diese Missstände wahrnehmen und erkennen zu können, bedarf es einer unabhängigen Mediengesellschaft. Zwar herrscht in Deutschland Presse- und Meinungsfreiheit, auch verfügen wir über öffentlich-rechtliche Medien, dennoch unterliegen die Medienbetriebe dem Wettbewerb und sind abhängig vom Rezipientenerfolg. Dieser wird jedoch mehr im Unterhaltungssektor erzielt als etwa durch investigative Formate. Umso wichtiger erscheint es, – so betonen die Herausgeber in ihrer Einleitung – dass medienethische Prinzipien und Kriterien benannt werden, die einen gewissen Qualitätsstandard der Medien sichern und das Potential von Selbstkontrollinstanzen ausloten. Zivilgesellschaftliche Akteure sind jedoch keineswegs nur Rezipienten, sie sind durch die Entwicklung der Medien auch zu deren Produzenten geworden und so können sie diese für ihre Zwecke und Ziele nutzen. Das Verhältnis von Medien- und Zivilgesellschaft wird in dem Tagungsband anhand von drei Kernfragen diskutiert:
- Welche Bedeutung hat die Medienkommunikation für das freiwillige gemeinschaftliche Handeln von Bürgerinnen und Bürgern?
- Welche Ansprüche können an die Massenmedien, das Internet und die Kommunikationsberufe gestellt werden?
- Genügt die Medienkommunikation dem Ethos der Zivilgesellschaft?
Diesen Fragen widmen sich die Autoren in den vier Abschnitten des Buches.
Im ersten Abschnitt Welche Zivilgesellschaft? Analyse der Zivilgesellschaft als medienethischer Kontext wird auf unterschiedlichen Ebenen die Frage diskutiert, wie die Medienlandschaft die Zivilgesellschaft verändert und welchen Einfluss die Zivilgesellschaft auf die Gestaltung der Medien hat. Zum einen wird der Zivilgesellschaft eine hohe Bedeutung zugesprochen; neben Staat und Wirtschaft sei sie eine Art dritter Sektor, der Themen, die an den Rand gedrängt oder politisch brisant seien, wieder stärker in den Vordergrund rückt bzw. erst ins Gespräch bringt. Überwiegend scheinen dies Themen zu sein, die in der Berichterstattung der Medienbetriebe wenig Beachtung finden, da sie politisch unerwünscht oder wirtschaftlich nicht lukrativ sind. Das Internet bietet zivilgesellschaftlichen Akteuren bei solchen Themen eine gute Plattform, da jeder Nutzer, Konsument und Produzent in einem sein kann, eine schnelle weltweite Vernetzung möglich wird und das Internet kaum kontrollierbar ist. Obschon das Internet von den Autoren als nützliches Medium zivilgesellschaftlichen Handels betrachtet wird, weisen sie auch auf die Risiken und Gefahren dieses Massenmediums hin: So könne das Internet ebenso für extremistische Meinungen und Gruppierungen genutzt werden, wie für solche mit demokratischer Ausrichtung. Ferner werde das Internet hinsichtlich seiner möglichen Funktion, die Demokratie zu fördern, zunehmend entwertet. Erst Demokratie und demokratisches Bewusstsein der zivilgesellschaftlichen Akteure ermöglichen es überhaupt, bestehende demokratische Strukturen medial zu festigen. Die neuen Medien seien hier nur Mittel zum Zweck.
Der zweite Abschnitt Welche Medienethik? Medienethik unter zivilgesellschaftlichen Bedingungen diskutiert medienethische Kriterien für zivilgesellschaftliches Handeln. Zum einen wird die Medienethik als wichtige wissenschaftliche Herausforderung bestätigt, zum anderen wird der Versuch unternommen, ethische Prinzipien und Kriterien wie Transparenz, Wahrheit und Wahrhaftigkeit fest in der Mediennutzung zu verankern. Darüber hinaus erhalten Medien – besonders das Internet als Partizipationsmedium – einen hohen Stellenwert: Sie dienen zivilgesellschaftlichen Akteuren als Instrument der „Sichtbarmachung“. Mit Hilfe dieses Instruments können gesellschaftliche Minderheiten in ihren Rechten gestärkt und staatliche Institutionen kontrolliert werden. Dabei wird der Anspruch erhoben, dass Medien gerecht und gut gestaltet werden sollten, um zivilgesellschaftlichen Akteuren eine Informations- und Handlungsplattform zu bieten. Diese Ansätze gehen von einem positiven und Demokratie fördernden Bild der Zivilgesellschaft aus. Dass dies jedoch nicht immer der Fall ist, skizziert Karsten Weber in seinem Aufsatz „Zivilgesellschaft und Medienethik: Eine unbegründete Hoffnung“. Weber macht deutlich, dass zivilgesellschaftliche Akteure keineswegs immer moralisch gut handeln. Zu zivilgesellschaftlichen Akteuren müssten ebenso auch extremistische Gruppen gezählt werden. Ohnehin geht Weber davon aus, dass zivilgesellschaftliche Akteure zu Fundamentalismen neigen. Die Medien dienen hier als Mittel zum Zweck und würden Probleme eher verstärken anstatt medienethische Prinzipien zum Umgang mit Medien zu entwickeln und zu festigen.
Der dritte Abschnitt Welche Regulierung und Kontrolle? Medienregulierung in der Zivilgesellschaft fasst in drei Aufsätzen die Regulierungsmöglichkeiten mit besonderer Berücksichtigung der zivilgesellschaftlichen Akteure zusammen. Welche Regulierungsmöglichkeiten gibt es? Werden Beschwerden der Bürger, insbesondere zivilgesellschaftlicher Akteure, umgesetzt? Auch die Bedeutung der Selbstregulierung der Medien wird in diesem Kapitel vertieft sowie die besondere Stellung des Internets an dieser Stelle akzentuiert: Informationen werden schnell und nicht mehr nur von Journalisten veröffentlicht, dadurch steigt zwar die Quantität der sogenannten Nachrichten im Internet, nicht aber zwingend deren Qualität. Artikel, Nachrichten und Kommentare werden im Internet veröffentlicht, die zuvor weder recherchiert noch auf den Wahrheitsgehalt hin überprüft worden sind. Medienethische Kriterien und journalistischer Anspruch werden häufig umgangen.
Der vierte Abschnitt Ethische Konstellation im Themenfeld Medien- und Zivilgesellschaft verbindet abschließend beide Felder miteinander und versucht, die Akteure der Zivil- und Mediengesellschaft hinsichtlich praktischer Umsetzungsmöglichkeiten in den Blick zu nehmen. Dabei wird zum Beispiel von Matthias Rath Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit als Gedankenexperiment hinzugezogen: Ausgehend von einem fiktiven Naturzustand unter dem Schleier des Nichtwissens (mit der Unkenntnis der eigenen gesellschaftlichen Situation und der der anderen) müssten gesamtgesellschaftliche Regeln vereinbart werden, die alle Mitglieder, besonders auch die Schwächsten, schützen sollten. Zivilgesellschaftliche Akteure, die im digitalen Raum agieren (Rath nennt diese moralische Akteure), wissen zwar um ihre eigene gesellschaftliche Situation, nicht aber um die der anderen. Sie sind sich nicht im Klaren über die Folgen ihres Handelns im digitalen Raum. Sie können die Konsequenzen ihres Agierens weder für sich noch für andere abschätzen. Dabei spielt besonders die Veröffentlichung von Informationen auf der Plattform WikiLeaks eine bedeutende Rolle: Die moralischen Akteure wollen mit der Offenlegung von Informationen eines Staates im Internet Ziele wie beispielsweise Gerechtigkeit herstellen, können aber die Konsequenzen weder für diesen Staat noch für andere Staaten geschweige denn deren Bürger vorhersehen. Unter den Bedingungen des Schleiers des Nichtwissens würde eine Zustimmung zur Offenlegung von Informationen eines Staates – besonders in der Verantwortung, die sie ihren Bürgern gegenüber haben – nicht erfolgen. Das Recht auf Geheimhaltung würde vielmehr unter solchen Umständen in den Vordergrund rücken. Darüber hinaus wird in diesem Abschnitt über die Krise von Medien und Journalismus diskutiert. Hier wird erneut betont, dass durch das Internet die Quantität der Informationen steigt, nicht zwingend aber die Qualität. Erst die journalistische Recherche, Prüfung und Selektion kann Informationen qualitativ verbessern. Der Zivilgesellschaft wird abschließend eine hohe Bedeutung beigemessen: Sie kann Anstöße für medienethisches Handeln geben und als Problemindikator dienen.
Insgesamt bietet der Band „Medien- und Zivilgesellschaft“ eine interessante und abwechslungsreiche Zusammenfassung der Tagung. Angefangen von Habermas´ Diskursethik, über den Öffentlichkeitsbegriff nach Luhmann bis hin zu Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit werden zahlreiche Wissenschaftler mit ihren Theorien zu Kommunikation und Medien sowie zu Zivilgesellschaft, Demokratie und Gerechtigkeit in den jeweiligen Diskussionen eingebunden. Die Behandlung dieser Theorien bleibt jedoch aufgrund der Kürze der Aufsätze häufig oberflächlich und wirkt auch nicht immer stringent. So spannend der Tagungsband auch ist, so deutlich merkt man ihm die damit verbundenen Schwächen an: Es sind zahlreiche Theorien und Meinungen vertreten, die jedoch selten aufeinander aufbauen. Des Weiteren werden konkrete Beispiele zivilgesellschaftlicher Akteure sowie Medienkontrollsysteme deutschsprachiger Länder kurz dargestellt, welche im Kontext des Bandes sicherlich ihre Berechtigung haben, es fehlt jedoch an der notwendigen Vertiefung der Materie, um diese Themen wissenschaftlich zu fundieren. Während einige Aufsätze den theoretischen Teil der Forschung bedienen, versuchen andere, konkrete Beispiele zu benennen. Das ist zwar abwechselungs- und facettenreich, sorgt aber an einigen Stellen für ein wenig Verwirrung – auch dies ist dem Charakter eines Tagungsbandes geschuldet. Darüber hinaus bedienen sich die Autoren verschiedener Definitionen von Zivilgesellschaft, Vor- und Nachteile werden in unterschiedlicher Gewichtung benannt; für das Nachvollziehen der Argumente einzelner Aufsätze ist das zwar hilfreich, für eine Gesamtdiskussion zum Thema wirkt es jedoch hinderlich. Medienethische Kriterien werden von den Autoren unterschiedlich gewichtet oder teilweise gar nicht benannt. Verständlich ist das insofern, als die Forschung in dieser Hinsicht ohnehin weitgehend diskursiv ist.
Letztendlich erhält der Leser einen guten Überblick über den Forschungsstand zur Medien- und Zivilgesellschaft, der sich nicht zwingend nur an Wissenschaftler wendet. Als Einstieg in das Thema Medien- und Zivilgesellschaft ein durchaus interessanter Band, der nach Vertiefung ruft.
Agnes Kläsener, Lingen