Klima-Kulturen

Welzer, Harald/Soeffner, Hans-Georg/Giesecke, Dana (Hg.): KlimaKulturen. Soziale Wirklichkeiten im Klimawandel, Frankfurt a. M./New York: Campus 2010, 304 S.

Am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI), das in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Erforschung des Klimawandels deutliche Akzente gesetzt hat, ist auch der vorliegende Sammelband entstanden, der den zunächst und zumeist physikalisch verstandenen Klimawandel als „Kulturwandel“ (7) deuten will. Damit verbinden sich zwei grundlegende Thesen. Die Herausgeber und Autoren vertreten die Auffassung, dass eine wirksame Problemlösung nur gelingen könne, wenn die soziale Dimension des Klimawandels, d. h. seine gesellschaftlichen Auswirkungen wie auch seine gesellschaftlichen Ursachen und zudem die sozialen Dynamiken seiner Thematisierung, ausreichend reflektiert und beachtet würden. Daher müssten sich die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften vermehrt diesem Themenfeld zuwenden und zugleich ihre bisherigen Ansätze, Methoden und Resultate kritisch hinterfragen. Beide Aspekte seien unmittelbar miteinander verbunden: „Wenn die Deutungseliten auf ihr kritisches Potenzial verzichten, wird die Demokratie eines machtvollen Korrektivs beraubt und die Zivilgesellschaft einer analytischen und damit politischen Kraft“ (14).

Die vielfältigen Ausführungen des Buchs lassen sich grob drei Themenkreisen zuordnen, wobei etliche Beiträge mehrere Themenfelder berühren: Erfahrungen, Veränderungsstrategien sowie Reflexionen auf die Wissenschaft – nur dieser letzte Aspekt wird im Folgenden besprochen. Daneben finden sich auch einige wenige interessante Überlegungen zur Religion.

Das Erfordernis einer sozialwissenschaftlichen Ausrichtung der Klimaforschung wird mit besonderem Nachdruck von den beiden Historiker Franz Mauelshagen und Christian Pfister betont, die auf der Basis einer Reflexion der Historischen Klimatologie die Position formulieren, dass die Klimafolgenforschung nicht von der Basiskategorie Klima ausgehen, sondern bei den sozialen Folgen ansetzen solle. Damit wird das große Defizit angesprochen, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften in der Klimaforschung teils auch aus eigenen Gründen zu wenig vertreten sind.

Ulrich Beck fasst in einer soziologischen Betrachtung den Klimadiskurs in acht Thesen zusammen, die zugleich die Theoriearbeit der Soziologie selbst betreffen, etwa die Paradoxie der Kategorie „Umwelt“, die das Soziale ausschließen müsse, aber nicht dürfe (34). Beck nimmt dabei auch eine Korrektur gegenüber einer früheren Position vor: Umweltverschmutzung wirke nicht nur „demokratisch“, insofern sie alle unabhängig vom sozioökonomischen Status gleichermaßen betreffe, sondern der Klimawandel sei „beides: hierarchisch und demokratisch“ (38), er verstärke manche soziale Ungleichheiten, während er andere aufhebe.

Der Politologe Dirk Messner ordnet den Klima- in den Globalisierungsdiskurs ein und diagnostiziert inzwischen einen „Globalisierungsdiskurs 3.0“ (66), in dem es nicht mehr allein um die Entgrenzung der Ökonomie oder um weltweite Machtverschiebungen, sondern um globale Entwicklung im Kontext einer Reflexion der Grenzen des Erdsystems gehe. Die Situation der Klimapolitik weise dabei große Ähnlichkeiten mit dem militärischen Wettrüsten zur Zeit des Kalten Krieges auf, nur dass sich dieses Mal die Staaten nicht mit Waffen, sondern mit einer kohlenstoffintensiven Wirtschaftsweise bedrohten.

Ebenfalls mit Blick auf die globale Verfasstheit des Klimadiskurses sieht der Ökonom Birger Priddat „das Ende der geotopologischen Identität“ (81) gekommen. Während die vergangenen großen Klimakonferenzen auf Einheit gesetzt hätten, werde inzwischen vermehrt erkannt und thematisiert, dass die Folgen des Klimawandels regional verschieden seien: „Die values von fruchtbarem Land + Wasser + moderater Temperatur werden neu verteilt – eine Art Sekundärschöpfung der Erde“ (83). Nicht das stabile Klima als globales Gemeingut, sondern regionale öffentliche Güter seien das beherrschende Thema. Diese Konstellation werde zu einer Vielzahl an neuartigen, themen- und ortsbezogenen Koalitionen zwischen Klimagewinnern, -verlierern und -neutralen führen.

Mit Blick auf die ethische Reflexion des Klimawandels problematisiert Dieter Birnbacher die geeignete Begründungskategorie und spricht sich in der bei ihm bekannten utilitaristischen Sichtweise gegen das Verursacher- und für das Vor- und Fürsorgeprinzip aus. Damit wird aus Sicht des Rezensenten nicht nur die vielfach vorherrschende Missdeutung des Utilitarismus als Egoismus wirksam widerlegt, sondern zugleich auch eine Brücke zum christlichen Grundsatz der global auszuweitenden Nächstenliebe oder Option für die Armen geschlagen. Dass die Grundkategorie der Fürsorge eher ungewöhnlich und ungewohnt ist, zeigt sich im Beitrag von Bernd Hunger und Werner Wilkens, die ganz selbstverständlich (und leider ohne Bezug zu Birnbachers Überlegungen) vom Verursacherprinzip ausgehen (162).

Abschließend sei noch kurz auf die Äußerungen zur religiösen Facette des Klimawandels eingegangen. Priddat sieht das Ende einer theologischen Konstruktion gekommen (83f). Entgegen dem neuzeitlichen Verständnis sei die Natur doch nicht einfach passive oder gar tote Materie, deren Potenziale gleichsam von der Technik erst geschaffen werden müssten, sondern im Klimawandel erweise sie sich als sehr lebendig: Sie erneuere sich durchaus eigenständig, doch in eigenen Zyklen – und damit rücksichtslos gegenüber menschlichen Absichten und Bedürfnissen.

Darüber hinaus thematisieren Priddat wie Lars Clausen, wenngleich eher nebenbei, die Rollen von Christentum und Islam im Rahmen des Klimawandels. Priddat sieht den Islam in einer Selbstpositionierung als transnationale Religion, die als „dominante Migrantenreligion […] die Inklusionsverweigerung der nordatlantischen Staaten in ein Programm“ der bewussten Abgrenzung vom westlichen Lebens-, Wohlstands- und Gesellschaftsmodell umkehre (95). Clausen zufolge sei seitens des Christentums zumindest in manchen Regionen mit einer komplementären Ausgrenzungstendenz zu rechnen.

Der Sammelband versammelt siebzehn Perspektiven, die teils auf der Meta-, teils auf der Objektebene den Klimawandel und seine kulturwissenschaftliche Thematisierung reflektieren. Die Qualität der Beiträge variiert, aber im Ganzen lässt das Buch deutlich werden, dass die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften erst dabei sind, zu lernen, sich dem gar nicht mehr so neuen Globalthema Klimawandel zu stellen und sich in die Klimafolgenforschung mit ihrer je eigenen Kompetenz produktiv einzubringen. Dass in dem Band eine theologische Stimme fehlt, kann als eine Rückmeldung der Kulturwissenschaften an die Theologie, als ein Hinweis auf ein Forschungsdesiderat gelesen werden.

Jochen Ostheimer, München