Demele, Markus: Entwicklungspolitik als Arbeitspolitik. Kultursensible Decent Work-Strategien der International Labour Organization, Marburg: Metropolis 2013, 519 S., ISBN 978–3–7316–1021–2.
Der Mensch arbeitet. Auf dem Feld, in der Fabrik, im Kleingewerbe, als Handwerker, in der Dienstleistung, in der Familie und für die Familie – und manchmal auch nur für sich selbst. Arbeit ist auf ganz existenzielle Weise und unmittelbar mit dem Gelingen des Lebens verknüpft, und Gelingen heißt in vielen Teilen der Welt oft genug auch: das bloße Überleben wird durch Arbeit gesichert. Wenn aber das schiere Überleben der Familie oder der eigenen Existenz allein durch Arbeit gesichert werden kann, dann sind Gefährdungen der Arbeit nicht weit: durch Ausbeutung, Lohndumping oder gar durch das Vorenthalten von ausgemachter Entlohnung. Diese Gefahren drohen den Arbeitenden insbesondere dann, wenn sie in unsicheren, rechtlosen, möglicherweise sogar illegalen Lebenskontexten ihren Unterhalt verdienen müssen; Arbeit als Broterwerb ist immer dann gefährdet, wenn sie von starken Machtasymmetrien beherrscht wird.
Diese existenzielle Situation des Menschen liegt der Forderung der ILO nach einem menschenwürdigen Lohn zugrunde, und jene markiert die Überzeugung, dass nur fair bezahlte, an ihren Arbeitskontexten mitgestaltende und selbstbewusste Arbeitende überhaupt in der Lage sind, die Früchte ihres Arbeitens in Freiheit genießen und sich im weiten Sinne entwickeln zu können. Umso erstaunlicher, dass diese Perspektive der ILO auf die menschliche Arbeit, so Markus Demele in seiner jüngst erschienenen Dissertation, in der entwicklungspolitischen Forschung eher ein Randdasein führt. Obgleich die ILO mit ihrer Gründung im Jahr 1919 zu den ersten global denkenden und agierenden Institutionen gehört, wird ihre Stimme im Konzert der internationalen Entwicklungsakteure nicht allzu häufig gehört – obwohl der Kampf um menschenwürdige Arbeit Entwicklungsprozesse wahrscheinlich viel besser fördert als Alimentierungsmodelle, die immer in Gefahr stehen, die Selbstverantwortung zu zerstören. Arbeit, so scheint es, ist vielleicht etwas so Banales, dass es für Entwicklungsakteure nicht en vogue ist, auf sie einen besonderen Fokus in den Entwicklungspolitiken zu legen.
Das Buch von Markus Demele ist in drei Teile gegliedert. Zunächst wird im ersten Teil die normative Grundperspektive der ILO analysiert; Menschenwürdige Arbeit ist die Zielsetzung der ILO, und auf diesem Ziel baut ihr institutionelles Gerüst auf, wie sich daraus auch der Forderungskatalog ergibt, den die ILO auf globaler Ebene für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen formuliert. Wie aber kommt die ILO zu dieser Forderung, welche Prämissen für die eigene Arbeit entstehen aus diesem Anspruch, und vor allem: Wer sind die Akteure, die sich in der Praxis für die Durchsetzung menschenwürdiger Arbeit einsetzen sollen? Zur Beantwortung dieser Fragen eröffnet Demele ein reichhaltiges Panorama neuester sozialwissenschaftlicher Forschungsliteratur. Dieses Panorama mündet allerdings in der zunächst einigermaßen ernüchternden Feststellung, dass menschenwürdige Arbeit durch die ILO zwar zu Recht eingefordert, inhaltlich durch sie aber – unkritisch – ein deutlich ökonomistisch-industrialistischer Entwicklungsbegriff eingesetzt wird, der noch dazu spezifisch kulturelle Phänomene aus dem Entwicklungsdiskurs ausblendet: Kultur ist dadurch, so Demele, eine bloß „marginalisierte Determinante von Entwicklung“. Nach einer eingehenden Untersuchung der ILO-Agenda für menschenwürdige Arbeit kommt Demele in diesem Kontext zu dem Schluss, dass der Faktor Kultur durch die ILO entweder als schützenswertes Phänomen (sc. „als Kultur der edlen Wilden“) oder umgekehrt als Behinderung auf dem Weg zu einer menschenwürdigen Arbeitswelt gesehen wird; inwieweit der Faktor Kultur zwischen diesen beiden Polen jedoch überhaupt eine Rolle in der konkreten Praxis der ILO spielt, untersucht Demele im zweiten Teil.
Dort geht er nun der Frage nach, wie die Agenda speziell in Kenia durch das regionale Decent Work Country Programme Kenya umgesetzt wird. Nach einer längeren Einführung zur Geschichte und Wirtschaftslage Kenias werden in der Folge die örtlichen Probleme für die decentwork-Strategien der ILO erörtert: Korruption, Klientelismus, eine mängelbehaftete Datenlage, ungenügend arbeitende staatliche Institutionen, nicht existierende oder nur ungenügend ausgebildete Gewaltenteilung, vor allen Dingen aber ein wuchernder informeller Wirtschaftssektor, der in Kenia ungefähr 80 % der arbeitenden Bevölkerung umfasst, während der formelle Sektor zunehmend im Schwinden begriffen ist. In diesem von Demele breit entfalteten Kontext bleibt stets hervorragend nachvollziehbar, entlang welcher Problemanzeigen das Landesprogramm der ILO für Kenia konkretisiert worden ist – aber es werden auch die Fehlstellen explizit herausgearbeitet. Mit einer Untersuchung der kulturellen Besonderheiten Kenias kommt Demele im Folgenden deshalb zu umfassend reformulierten Prioritätsbereichen für das Country Programme Kenya: nämlich die „(1) Förderung von Geschlechtergerechtigkeit bei der Arbeit und die Abschaffung von Kinderarbeit, (2) die Implementierung beschäftigungsorientierter Wirtschaftspolitiken und (3) die Förderung des nationalen sozialen Dialogs“. Seine Kritik des bestehenden Landesprogramms führt entsprechend die These fort, dass die eigentlich viel differenzierter darzustellende ökonomische wie kulturell-soziale Wirklichkeit Kenias zu stark vereinfacht wird und dadurch offensichtliche Problemfelder ausgeblendet werden. Die Strategieentwürfe, die Demele aus diesen Fehlstellen entwickelt, sind für die künftige Arbeit der ILO in ihren unterschiedlichen Dimensionen schlüssig und an Positivbeispielen aufschlussreich belegt, wenngleich gerade hier ein gewisser paternalistischer Idealismus zu spüren ist – indem bspw. im Kontext der Familie und ihrer typischen Rollenmodelle eine „kulturelle Evolution“ (S. 358) angestoßen werden soll, die, wie Demele allerdings auch selbst bemerkt, sogar in den Ländern Westeuropas nur langsam voranschreitet.
Im letzten Teil seines Buches ist Demele darum bemüht, seine an Kenia gewonnenen Erkenntnisse und Analysen zu universalisieren, um sie dadurch für künftige entwicklungspolitische Engagements der ILO nutzbar machen zu können. Das primäre Resultat seiner Arbeit sieht er in der Überzeugung, dass „[i]nternationale Arbeitspolitik als Entwicklungspolitik“ (S. 381) verstanden werden müsse; die Ergebnisse aus dem zweiten Teil aufgreifend will er mit diesem Verständnis gewährleistet wissen, dass Arbeit als individuelle Entwicklungschance nicht als etwas gesehen werden darf, was auch durch großzügige, gleichwohl paternalistische Alimentierung von außen substituierbar ist. Internationale Arbeitspolitik hätte dann unter der Einbeziehung aller Akteure in Sozialdialoge – staatliche Institutionen besitzen hier zunächst die Verantwortung für Dialogermöglichung – die Aufgabe, das Gesamt marktwirtschaftlicher und nicht-marktwirtschaftlicher Arbeit zur Entwicklung menschenwürdiger Lebensverhältnisse zu gestalten. Demele macht zu Recht klar, dass dieses weite Verständnis des Sinns von Arbeit unmöglich allein durch typische Politiken der Arbeitsmarktgestaltung oktroyiert werden kann, sondern in jedem Fall und unvermeidlich mit Überzeugungen guten Lebens angereichert sein wird, welche aus dem kulturellen Hintergrund der Gesellschaft emanieren. Die dadurch als notwendig angezeigte Kultursensibilität bringt allerdings die Gefahr eines Relativismus mit sich, wie Demele richtig erkennt; es gilt also, eine Perspektive zu entwickeln, die die universalen Vorstellungen von „decent work“ mit den partikularen angemessen vermittelt und noch dazu die regionalen Gegebenheiten berücksichtigt (für Kenia beispielsweise die nur schwach ausgebildeten Gewerkschaften, bzw. der starke informelle Sektor ohne institutionelle Anbindung). Demele optiert deshalb für einen „Tripartismus Plus“, der die am Sozialdialog teilnehmende Akteursbasis erweitert und dadurch auch die Wünsche und Sorgen bislang nicht beteiligter gesellschaftlicher Gruppen zu Gehör bringt. Entlang der im zweiten Teil geführten Untersuchung schlägt er deshalb konkret vor, auf lokaler Ebene indigene und ethnische Gruppen wie auch Vertreter von Religionsgemeinschaften am Sozialdialog zu beteiligen. Kultursensibilität bedeutet aber gerade in diesem Zusammenhang, die Zusammensetzung der am Sozialdialog beteiligten Akteure nicht normativ vorzugeben, sondern je spezifisch auf die Gegebenheiten vor Ort zu reagieren, um einen möglichst hohen Verbindlichkeitsgrad der ausgehandelten Arbeitspolitiken garantieren zu können.
In seinen abschließenden Überlegungen formuliert Demele Vorschläge, wie sich die ILO in ihrer institutionellen Gestalt als Akteur auf internationaler Ebene reformieren müsste, um dem Anspruch der Arbeitspolitik als Entwicklungspolitik besser nachkommen zu können: Geltend gemacht werden hier Forderungen nach Transparenz und Demokratisierung, aber auch das Desiderat einer ILO-internen kultursensiblen Neuorientierung der unterschiedlichen Fachbereiche. Seine Ausführungen enden mit einer verhaltenen Bewertung des Kampfes der ILO für menschenwürdige Arbeit: In der Tendenz richtig, wird er nur dann langfristig Erfolg haben können, wenn die ILO ihre Anliegen international zu Gehör bringen und im Konzert der zahlreichen globalen Akteure mit dem Blick auf die Arbeitswelt der konkreten Menschen vor Ort argumentativ durchsetzen kann.
Markus Demele hat mit seinem Buch eine bestechende Arbeit vorgelegt, die sowohl durch die Fülle und ansprechende Präsentation des rezipierten Forschungsmaterials wie auch durch die stets hochreflektierte und immer nachvollziehbare Argumentation überzeugt, die außerdem in wichtigen Strategieempfehlungen für die ILO mündet. Eine Lektüre sei zuallererst den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ILO selbst empfohlen, aber selbstverständlich wird auch der Leser, der sich arbeitsweltpolitisch bilden möchte, reichhaltigen Nutzen aus diesem Werk ziehen können.
Michael Hartlieb, Bergisch-Gladbach