Bernhard Emunds/Wolf-Gero Reichert (Hg.): Den Geldschleier lüften! Perspektiven auf die monetäre Ordnung in der Krise (Die Wirtschaft der Gesellschaft Jahrbuch 1), Marburg: Metropolis 2013, 336 S., ISBN 978–3–7316–1002–1.
Es ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit, das Wirtschaftssystem ökonomisch, sozial und ökologisch tragfähig zu gestalten. Dazu müssen die Probleme, Erfordernisse und Möglichkeiten identifiziert und öffentlich sowie wissenschaftlich breit und gründlich diskutiert werden, damit zukunftsfähige Gestaltungsempfehlungen entwickelt werden können. Diesem Anliegen widmet sich die interdisziplinäre Tagungsreihe „Die Wirtschaft der Gesellschaft“, die das Oswald von Nell-Breuning-Institut der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt a. M. gemeinsam mit der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg 2012 gegründet hat.
Ein solches wirtschaftliches Phänomen, das förmlich nach einer guten und gerechten Gestaltung ruft, ist das Geld- und Kreditsystem. Die weltweite Finanzkrise, die zu Wirtschafts- und Schuldenkrisen führte, brachte die Dringlichkeit dieses Problems einer breiten Öffentlichkeit vor Augen.
Ein beachtenswerter Beitrag zu dieser Thematik ist das vorliegende Buch, das auf die erste Veranstaltung der erwähnten Tagungsreihe zurückgeht. Es untersucht die monetäre Ordnung konkret im Hinblick auf die Etablierung von weniger krisenhaften Strukturen und grundsätzlich als Analyse der Bedeutung und Eigenlogik von Geld und Kredit. Der Titel ist programmatisch: „Den Geldschleier lüften!“ Unmissverständlich wird davon ausgegangen, dass die gegenwärtigen Probleme nur langfristig zu lösen sind, wenn die Wirkungen des monetären Systems auf die Gesamtökonomie, die Gesellschaft und die Lebenswelt beachtet werden. Geld ist nicht neutral, das Finanzsystem ist nicht wertfrei. Dieser Ansatz lehnt damit explizit die These der klassischen und neoklassischen ökonomischen Theorie ab, dass das Geld selbst neutral sei: Es sei eine Recheneinheit für den Wert von Ressourcen, Waren und Dienstleistungen, ein Mittel zum Tauschen unterschiedlichster Dinge und ein Instrument zur Aufbewahrung von Werten bzw. Vermögen. Der Wert der Dinge gründe darin, welchen Wert ihnen von den AkteurInnen zugesprochen werde. Aber Geld habe nach dieser These keinen Wert an sich; die Geldmenge wirke sich nicht auf die Realwirtschaft, wie beispielsweise die Produktionsmengen, aus. Das Geld liege demnach wie ein Schleier auf dem realwirtschaftlichen Bereich. Der Schleier beeinflusse aber die darunter liegenden wirtschaftlichen Prozesse nicht. Wenn man diese darunter liegenden und eigentlich bedeutsamen Phänomene erkennen wolle, müsse man den Schleier wegnehmen.
Die Sicht, dass das Geld bloß ein Schleier sei, wird in diesem Buch als der Realität widersprechend abgelehnt. Genauer: Gerade diese Schleierthese verhüllt den Blick auf die tatsächlichen Dynamiken von Geld, Kredit und Finanzsystem.
Das ist das Programm dieser Publikation. Sie will den Schleier des Geldes lüften – aber in einem grundsätzlichen Sinn. Der Schleier ist vor allem die These von der Neutralität des Geldes, also die neoklassische Geldtheorie; „der Geldschleier hebt sich mit dem Entschluss, Geld nicht mehr als neutralen Schleier wahrzunehmen“ (15). Dadurch werden die weit reichenden Einflüsse und Zusammenhänge von Banken, Geld- und Kreditsystem sowie gesellschaftlich prägenden Finanz- und Schuldenkrisen in ihrer umfassenden wirtschaftlichen, sozialen Bedeutung sichtbar und analysierbar; neue Handlungsoptionen erschließen sich.
Bernhard Emunds und Wolf-Gero Reichert legen hier einen ausgesprochen informativen und anregenden Sammelband vor. 12 Originalbeiträge und 5 klug ausgewählte Wiederabdrucke betrachten Teilfragen aus unterschiedlichen Perspektiven, nämlich der Wirtschaftsgeschichte, Ökonomie, Soziologie, Wirtschaftspolitik, Wirtschaftsethik und Theologie. Die Artikel sind nach einem ausführlichen einleitenden Beitrag der beiden Herausgeber drei inhaltlichen Blöcken zugeordnet:
Im ersten Teil (29–104) finden sich Beiträge zum Thema „Die Finanz- und Schuldenkrise. Phänomene, Ursachen, Lösungsvorschläge“. Die Beiträge sind gerade durch die unterschiedlichen Positionen inspirierend. Worin die wirklich hilfreichen Gestaltungen des Finanzsystems und die entsprechenden politischen Maßnahmen gesehen werden, liegt demnach letztlich an den unterschiedlichen Deutungen der Finanzkrise und der jeweils festgestellten Ursachen bzw. Gründe.
Der zweite Teil (105–229) widmet sich den Grundlagen: „Das Geld- und Kreditsystem. Blickwinkel einiger Disziplinen und Schulen“. Die Autoren präsentieren unterschiedliche Positionen zur Frage, worin das „Wesen“ des Geldes bzw. das Charakteristische des aktuellen Geld- und Kreditsystems sowie des sogenannten Finanzkapitalismus liegt und worin die Funktionsweisen und die Stärken alternativer Modelle bestehen.
Die Zusammenhänge, Wirkungen und Gestaltungsnotwendigkeiten im komplexen Bereich der Finanzwirtschaft können gegenwärtig aber nicht als reine Frage der richtigen oder klugen Wirtschaftspolitik oder der wirtschaftswissenschaftlichen Analyse betrachtet werden. Ethische und existenzielle Überlegungen sind unverzichtbar. Daher befasst sich der dritte Teil (231–333) mit „Geld, Krise und Moral“. Dem Geld kann eine moralische Qualität zugesprochen werden, es wird aber mitunter auch völlig amoralisch gesehen. Jedenfalls aber kommen dem Geld in der modernen Gesellschaft entscheidende Funktionen hinsichtlich der sozialen Teilhabe zu, die in ethischer und in theologischer Perspektive hervorzuheben und von denen her die Bedeutung und der Reiz des Geldes sowie die Kategorie der Schulden kritisch zu betrachten sind.
Mittlerweile gibt es am Buchmarkt eine enorme Fülle zum Thema Finanzkrise. Dieser Sammelband verdient es, hervorgehoben zu werden. Er ist ein echter Beitrag zur Debatte: Erstens lädt er die LeserInnen dazu ein, beim Problem der Finanzkrise im Besonderen die Grundlagen der ökonomischen und politischen Sicht auf die Zusammenhänge zu ergründen und zu diskutieren. Zweitens erschließt sich den LeserInnen die gesellschaftliche Notwendigkeit, die Sicht auf Geld und Kredit sowie auf den monetären Sektor zu hinterfragen und zu schärfen. Drittens werden Lösungsvorschläge kritisch diskutiert und gesellschaftliche Anforderungen formuliert, die die Suche und Entscheidung für tragfähige Gestaltungen der Finanzordnung befruchten können.
Wer sich an den Diskussionen zur Finanzkrise mit ethischem, wirtschaftlichem oder soziologischem Interesse beteiligt und wer an der Gestaltung des monetären Systems mitbeteiligt ist – dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.
Edeltraud Koller, Linz