Ob alte und pflegebedürftige Menschen in Zukunft noch menschenwürdig versorgt und integriert werden können? Vielen bereitet diese Frage große Sorgen. Als Schreckensgespenst fungiert dabei meist der sogenannte „demographische Wandel“. Viele befürchten, dass die Sozial- und Pflegesysteme aufgrund der Altersentwicklung zusammenbrechen könnten, dass Niedrigstrenten und Altersarmut die Zukunft bestimmen.
Doch wie berechtigt sind solche Ängste? Kritische Wissenschaftler bezeichnen die Demographie längst als teils nutzlose, teils missbrauchte Wissenschaft. U. a. veröffentliche die renommierte Wochenzeitung „Die Zeit“ im Oktober ein Dossier zum Thema, in dem über vier Irrtümer in der demographischen Debatte aufgeklärt wird: Es stimmt demnach nicht, dass die Renten unbezahlbar werden. Selbst ein moderater Produktivitätszuwachs kann die keineswegs dramatische Finanzierungslücke ausfüllen. Zählt man die nicht mehr berufstätigen Alten und die noch nicht berufstätigen Jungen zusammen hat sich das Zahlenverhältnis zwischen sozialversicherungspflichtig arbeitender Bevölkerung und dem „nicht produktiven Bevölkerungsanteil“, der mitgetragen werden muss, seit den 1970er Jahren kaum verändert. Dass anders lautende Statistiken vor allem im Dienste der privaten Versicherungswirtschaft stehen, ist inzwischen allgemein bekannt. Auch die Behauptung, dass die Gesundheit der Alten allmählich unbezahlbar werde, erweist sich als Irrtum. Die Alten (vor allem die reichen Alten) werden nicht nur älter; sie leben auch gesünder und bleiben länger fit. Falsch ist auch die These, dass dem Arbeitsmarkt der Zukunft die jungen Leute fehlen werden. In Wirklichkeit gibt es mehr als genügend junge Menschen, die leider ausgeschlossen bleiben. Besonders interessant ist aber die Frage, warum sich die Mär vom gefährlichen demographischen Wandel im Laufe des vergangenen Jahrzehnts als Mehrheitsmeinung etablieren und gegen ihre Kritiker verfestigen konnte.
Im vorliegenden Heft geht es jedoch darum, sich von dieser (allerdings notwendigen!) Debatte den Blick nicht verdecken zu lassen, auf die ganz konkret anstehenden Herausforderungen der Gegenwart:
Klaus Baumann, der auch die Aufgaben des Schwerpunktkoordinators für diese Ausgabe von Amosinternational übernommen hat, analysiert nicht nur die Ist-Situation und die düsteren Aussichten, die sich bei einer bloßen Fortschreibung ergeben würden, er stellt auch Überlegungen vor, die zu ganz neuen Konzepten der gesellschaftlichen Integration von Altern und Pflege führen könnten.
Bernhard Bleyer und seine Mit-AutorInnen führen aus ethischer Sicht in technische Assistenz-Systeme für Menschen mit demenziellen Erkrankungen ein und thematisieren den daraus erwachsenden Güterkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit.
Uwe Sperling befasst sich mit der in der Öffentlichkeit nur wenig beachteten Suizidgefährdung älterer Menschen. Dabei zeigt er mögliche Ursachen dieses Phänomens ebenso auf wie Maßnahmen, ihm zu begegnen.
Marie-Jo Thiel spricht die Problemlagen an, vor denen die älter werdende Gesellschaft Frankreichs steht. Ihre Ausführungen fokussieren vor allem die individuellen und sozialen Dimensionen des Alterns sowie unterschiedliche Ebenen der Pflege.
Ohne ein radikales Umdenken könnte es freilich schwer werden, die sich abzeichnende Entwicklung menschenwürdig zu gestalten. Doch warum nennen wir es weiterhin gut, wenn der Automobilsektor oder die Branche der Unternehmensberatung boomen, dagegen schlecht, wenn der Pflegesektor sich ausweitet? Es ist durchaus gesellschaftliche Entscheidung und Vereinbarung, welche Bereiche wir den gesellschaftlichen Kosten und den Belastungen zurechnen, welche dem Fortschritt und dem guten Wachstum. In der Pflege und der Altersintegration gibt es zweifellos ein beträchtliches Arbeitsplatzpotenzial. Diese Arbeitsplätze müssen jedoch attraktiver gemacht und besser bezahlt werden. Die materiellen Ressourcen sind vorhanden; was bisher fehlt, ist der politische Wille, eine entsprechende Umwertung und Umverteilung der Mittel zu initiieren.