Soziale Herausforderungen des längeren Lebens (Jahrbuch Sozialer Protestantismus 6), Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2013, 327 S., ISBN 978–3-579–08055–0.
Das sechste Jahrbuch Sozialer Protestantismus mit dem Titel „Alternde Gesellschaft“ dokumentiert einerseits besondere Aktivitäten des Friedrich-Karrenberg-Hauses in Hannover, nämlich dessen Eröffnung als gemeinsames Dach für das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD (SI) und für den Evangelischen Verband Kirche – Wirtschaft – Arbeitswelt (VKWA), die das Jahrbuch gemeinsam tragen, und die Verleihung des Klaus-von-Bismarck-Preises der Stiftung Sozialer Protestantismus an B. Klostermeier. Es versammelt zwölf in vier Themenfelder gruppierte Beiträge zum Titel des Bandes, die in unterschiedlicher Weise das Paradigma der Aktivierung im Alter(n) aufgreifen, das besonders mit dem bestimmenden Altersbild der „Neuen Alten“ als lebensfrohen, gesunden und „jungen“ alten Menschen verbunden ist. Er stellt eine anspruchsvolle, facettenreiche und sehr anregende Lektüre dar, wie der folgende Durchgang mit einigen Pointen zeigen mag.
Die ersten drei Beiträge nach G. Wegners Einführung reißen „Horizonte der alternden Gesellschaft“ auf und an: „Alt“ ist man erst ab achtzig (vgl. P.-A. Ahrens mit interessantem Datenmaterial). Dann erst beginnt das 4. Lebensalter. A. Mayert vom SI führt in historischer Perspektive aus, dass die Einführungsbedingungen staatlicher Alterssicherung sich mit jenen zu decken scheinen, „die zur Erosion der familialen Altersvorsorge geführt haben“ (55), nämlich Industrialisierung, Urbanisierung und der Anteil alter Menschen an der Bevölkerung einer Volkswirtschaft. Schon das vierte Gebot des Dekalogs zielte darauf, die Versorgung alt gewordener Eltern durch die jüngere Generation zu sichern, weil dies schon zu biblischen Zeiten keineswegs immer selbstverständlich war (vgl. 43). Die Bismarck’sche Alterssicherung (seit 1881) machte die Rentenversicherten durch das eigene, wenn auch niedrige Renteneinkommen unabhängiger davon, ob sie eigene Kinder hatten und ob diese willens oder fähig waren, sie im Alter zu versorgen (vgl. 57– 60). Damit verloren Altersvorsorgemotive auch an Gewicht in familiären Entscheidungen zu Kindern, das sie vorindustriell noch in hohem Maße hatten. Dies führt inzwischen so weit, dass 61 % der Bevölkerung nicht bejahen, dass gesamtgesellschaftlich „die sozialen Sicherungssysteme durch die Geburt und Erziehung einer größeren Zahl von Nachkommen stabilisiert werden können“ (67). Faktisch bleibt es jedoch dabei, dass weiterhin Altersversorgung in der Familie, mit der Unterstützung staatlicher Altersvorsorge, viele Leistungen erbringt, die so weder Markt noch Staat leisten können. Da sie und ihre Entlastungen für das Sozialsystem jedoch im Altersvorsorgesystem nicht berücksichtigt werden, plädiert Mayert vorsichtig für eine stärkere Kinderberücksichtigung in der Rentenversicherung und für einen „Drei-“ statt „Zwei-Generationen- Vertrag“, in dem „sich Rentenansprüche zum Teil aus Kindererziehungsleistungen von Eltern, zum Teil aus gesellschaftlichen Beiträgen zur Erziehung und Ausbildung der nachfolgenden Generation ableiten sollten“ (71). Die Mayert als unersetzbar erscheinende familiäre Carearbeit, die heute noch in beeindruckendem Ausmaß gegeben ist, lässt sich allerdings aufgrund der hohen Mobilität und Wohndistanz zwischen betagten Eltern und ihren erwachsenen Kindern und ggf. Enkelkindern durch diese Maßnahmen wohl nicht länger sichern.
Den Horizont der großen Religionen eröffnet Harm-Peter Zimmermann instruktiv mit deren Einschätzung des Alters als relevant oder irrelevant: irrelevant, insofern „Altersbilder in großen Religionen in erster Linie Bestandteile von allgemeinen Menschen- und Weltbildern sind, in denen Alter kein zentraler Stellenwert zukommt“ (79). Es ist jedoch relevant, weil auf verschiedene Weise „große Religionen trotz systematischer Relativierung des Alters diesem dennoch Hochschätzung angedeihen lassen“ (79). Dies geschieht besonders, da es „als todgeweiht und somit als liminales Drama [zwischen Immanenz und Transzendenz, KB] erscheint, in dem sich der Glaube, die Gläubigen und das jeweilige Glaubenssystem zu bewähren haben“ (111).
Im zweiten Block eröffnen T. Jähnichen und G. Wegner „sozialethische und theologische Perspektiven“. Jähnichen stellt sehr relevante Überlegungen zur Generationensolidarität und Generationengerechtigkeit an. Insbesondere seien an die jeweiligen Generationen „drei Grundfragen der Generationengerechtigkeit“ (117) zu stellen:
- „Wie soll sich die aktive Generation gegenüber der älteren und der nachwachsenden Generation verhalten?
- Wie hat die ältere Generation die Lebensbedingungen der Nachwachsenden bestimmt, welche Verhaltensnormen [für wen?] lassen sich daraus entwickeln?
- Welche absehbaren Herausforderungen und Aufgaben stellen sich den nachwachsenden Generationen?“ (117 f.)
Für Generationensolidarität zieht Jähnichen Überlegungen von P. Dabrock zu einem Ethos der Dankbarkeit, des Gebens und der Gabe heran, kritisiert daran jedoch, dass sie die vielfache Abkopplung der Lebensformen von Generationensolidarität nicht genügend ernst nimmt (vgl. 119–122). Jähnichen bevorzugt, Generationengerechtigkeit im Horizont eines aufgeklärten Eigeninteresses zu betrachten, wie sie schon in der Formulierung des vierten Gebotes Ex 20,12 anklingt. Zur Behebung von Defiziten in der Generationengerechtigkeit plädiert er wie Mayert zuvor für eine sozialpolitische Berücksichtigung von Erziehungs- und Familienleistungen (vgl. 129) und für eine Mindestsicherung im Alter (131).
Umfangreich und reichhaltig fällt G. Wegners Beitrag „Die Entdeckung der Generativität des Alters. Die Theologie im gerontologischen Diskurs“ aus. Er zeichnet die Spannung zwischen den klassischen theologischen Deutungsmustern mit ihrer „Mortalitätsorientierung“ und den neuen Diskursen der Generativität und sogar Natalität im Alter nach, die sich besonders dem neuen Sozialtypus der jungen Alten verdanken. Die alte Disengagement-These werde umgekehrt: „Berufstätigkeit, die weder über- noch unterfordere, sei die beste Gerontoprophylaxe“ (156, nach U. Lehr). Leitbild ist das erfolgreiche, aktivierte Altern. Dieses kann freilich ökonomisch für Produktivitätssteigerungen instrumentalisiert werden. Andererseits ist A. Kruses Bild von einem gelingenden Alter „in fünf Aspekten“ in hohem Maße attraktiv: Selbsttätigkeit, Selbstverantwortung, bewusst angenommene Abhängigkeit, Mitverantwortung und Selbstaktualisierung (vgl. 161). Die Natalitätsorientierung betont die Perspektive, auch im Alter neu werden und Neues schaffen zu können. Wegner warnt vor der Gefahr, Erfahrungen der Endlichkeit und Verletzlichkeit damit zu überdecken und verknüpft die theologische Natalitätsorientierung mit einer anthropologischen Grundstruktur, dass der Mensch ein ständiger Anfänger sei und bleibe (vgl. 166).
Es ist nicht ohne Ironie, dass diese Natalitätsorientierung theologisch-ethisch so gar nicht mit der von Wegner in der Einführung selbst konstatierten „Reproduktionskrise“ (7) hoch entwickelter Länder in Verbindung gebracht wird. Ist die Reproduktionskrise doch sehr wörtlich eine Natalitätskrise, in der es nicht primär um alternde „Ichs“, sondern um deren erwachsenes, generatives Ja zum ganz neuen Leben von „Dus“ geht. So bleibt die (geronto-) theologische Natalitätsorientierung noch in einem tendenziell narzisstischen Kokon der Selbstvervollkommnung stecken. Kann sie gnadentheologisch, eschatologisch, individual- und sozialethisch kompensieren oder nur ausblenden, dass die überreiche Gabe des Lebens im zweiten Lebensalter nicht zur „inkarnierten“ Weiter-Gabe des Lebens führte?
Der dritte Teil des Jahrbuches ist sozialpolitischen Brennpunkten gewidmet. Im Kontext des sechsten Berichts zur Lage der älteren Generation (2010) berichten C. Eitner und G. Naegele über eine eigene Studie zu Fremd- und Selbstbildern vom Altern in der Arbeitswelt, über Altersbilder in Unternehmen und ihr Einfluss auf die Leistungsfähigkeit (173–186) und empfehlen eine „lebenszyklusorientierte Personalpolitik“ als „ein Instrument zur Förderung der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit Älterer und zur Überwindung traditioneller Altersbilder in den Unternehmen“ (187). Mittlerweile nimmt die Quote der Arbeitnehmer über 60 in Deutschland stetig zu. Vermutlich tun auch die Erfordernisse des Arbeitsmarktes das ihre zu deren Überwindung. D. Hackler plädiert für und sieht eine „neue Kultur des Alters“ heraufziehen, im Sinne der Aktivitäts-, Kompetenz- und Chancenmodelle in einer Gesellschaft des langen Lebens, die freilich auch die dauerhafte Sicherstellung einer menschenwürdige Pflege leisten müsse (vgl. 201). T. Klie führt sehr informativ und sachkundig in das aktuelle Thema der Altersdiskriminierung und Altersgrenzen im Recht ein, das auch die Kirchen betrifft und in die Verantwortung nimmt: „Eine stärkere Sensibilität für Altersdiskriminierungen kann in jedem Fall einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die individuellen und kollektiven Altersbilder zu differenzieren und die gesellschaftliche Stellung älterer Menschen neu zu bestimmen“ (245). Soziologische Kritik im Gefolge Foucaults formuliert K. R. Schroeter an der sozialpolitischen Formulierung und „illusio“ der Altersaktivierung im Sog des Diskurses vom „aktivierenden Sozialstaat“ (vgl. 246). Damit greift er aktuell vorherrschende Paradigmen der Sozialarbeitswissenschaft, nämlich Empowerment und Kompetenzaktivierung, und der Sozialgerontologie an, nämlich die Rede vom aktiven, erfolgreichen und produktiven Alter(n). Ebenso sieht er die Altersaktivierung in Verbindung mit der Bio-Politik: „In den modernen Kontrollgesellschaften geht es nicht mehr um die Unterdrückung und Einschließung störender und widerspenstiger Subjekte, sondern um die Produktion des zuverlässigen und flexiblen Menschen. […] Aktivität wird politisch und ökonomisch instrumentalisiert und zum regulativen Ideal, zur modernisierten Formel des ‚survival of the fittest‘. Der Aktivitätsdiskurs wird zu einer ‚Waffe der Macht, der Kontrolle, der Unterwerfung, der Qualifizierung und Disqualifizierung‘ [Foucault]“ (267).
Schroeters Beitrag ist eine wohltuende Warnung vor der Ausgrenzung all jener, die im Alter nicht aktiv, erfolgreich, produktiv sind: „Die Kehrseite von Aktivität und Eigenverantwortlichkeit heißt dann, ‚dass Misserfolge jenen zugerechnet werden, denen es nicht gelingt, erfolgreich im Sinn des Aktivierungsparadigmas zu handeln‘“ (268). Ohne Mühe ließen sich die Auswirkungen dieses Paradigmas auch auf das zweite Lebensalter und dessen Reproduktionskrise thematisieren.
Den vierten Teil widmet das Jahrbuch Praxisfeldern: K. Bergmann betrachtet die „Zukunft der alternden Kirche“. Der Alterswandel, ganz im Sinne des Aktivierungsparadigmas, müsse „als Querschnittsthema bei der Gestaltung aller kirchlichen Handlungsfelder Berücksichtigung“ (281) finden, statt auf Kosten der Heterogenität, Potenziale und Erwartungen älterer Menschen nur die „diakonische Sicht“ auf das Alter zu pflegen. „Damit die Kirche eine Zukunft mit dem veränderten Alter hat, muss sie sich selbst verändern“ (285). Dies nimmt jedoch nichts vom Gewicht der Fragestellung von C. Coenen-Marx zum „Wert der Pflege“. Sie warnt vor der drohenden Pflegelücke, fordert neben aktiver zivil- und kirchengemeindlicher Sozialraumorientierung und Vernetzung der Dienste eine stärkere Beteiligung der Männer an der notwendigen Care-Arbeit und stößt ein Nachdenken über Inklusion und persönliches Budget für Pflegebedürftige und Demenzkranke an (vgl. 296). Daran fügen sich bestens die Überlegungen von K. Dörner an: Im Gemeinde-Nahraum zwischen privatem und öffentlichem Sozialraum, im eigenen Dorf oder Viertel (mit den Kirchengemeinden) sei am besten der größte, gesamtgesellschaftliche „Hilfebedarf der ganzen Menschheitsgeschichte“ (297) umzuverteilen, in den die Altenpflegefrage die gesamte Bevölkerung involviere. In ambulanten Wohnpflegegruppen, in jeder Kirchengemeinde sollte es Care-Arbeit geben, könne das Bedürfnis nach Hilfe und das Bedürfnis zu helfen in einem zukunftsfähigen „Bürger-Profi - Mix“ realisiert werden; sie könnten alle Einwohner einbeziehen und resozialisieren hin zu einer „lebendigen Inklusionsgesellschaft“ an der Stelle von Institutionalisierung und Professionalisierung des Helfens. Deren „Verlierer […] waren die institutionalisierten Hilfebedürftigen und die übrigen Bürger, die von ihrer sozialen Zeit zu sehr entlastet wurden, sowie die vier solidaritäts-stabilisierenden Institutionen der Familie, der Nachbarschaft, der Kommune und der Kirchengemeinde“ (301). Hieraus erwachsen wichtige Anfragen für die Weiterentwicklung der professionellen Altenhilfe in Diakonie und Caritas. Dörner formuliert den Dienst der „Alten“ an einer durch Beschleunigung (H. Rosa), Produktivität und Aktivierung dominierten Gesellschaft überdeutlich als Chance zur Resozialisierung qua Solidarität im Nahraum. Auch für die Kirche(n) mit ihren Gliedern aus allen Lebensaltern liegt sie in der glaubwürdigen, selbst-vergessenen bzw. hingabebereiten „Rückkehr zur Diakonie“ (A. Delp).
Klaus Baumann