Titelseite Amosinternational 4/2013

Heft 4/2013Altern und Pflege

Inhalt

Ob alte und pflegebedürftige Menschen in Zukunft noch menschenwürdig versorgt und integriert werden können? Dieses Heft richtet den Blick auf die konkret anstehenden Herausforderungen und skizziert Konzepte der gesellschaftlichen Integration von Altern und Pflege.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 3

    Alt werden und pflegebedürftig sein in DeutschlandSituation und sozialethische Perspektiven

    Gelegentlich wird behauptet: Alle wollen alt werden, niemand aber will alt sein. Alt werden bzw. alt sein: Beides ist ambivalent. Es birgt biographisch bis dahin ungehobene Möglichkeiten und Schätze von Menschlichkeit und Weisheit auf der einen Seite und Phänomene wie Bedrohungen von zunehmenden Einschränkungen, Abbau, Zerfall und Tod auf der anderen Seite. In Gerontologie (die Wissenschaft vom Altern) und human- und sozialwissenschaftlicher Alter(n)sforschung geht mit der Unterscheidung von drittem und viertem Lebensalter eine (freilich nicht deckungsgleiche) Unterscheidung von gelingendem, kreativem, aktivem Alter und Abbau- und Verfallsprozessen des Alter(n)s einher. Besonders bedrohlich erscheint der Verlust von Selbständigkeit und Autonomie. In Anti-Ageing und Wünschen nach selbstbestimmtem Sterben („Bilanz-Suizid“, aktive Sterbehilfe) sind Ängste und angstmachende Vorstellungen von Altern und Verlusten verbunden.

  • Plus S. 13

    Sicherheit oder Freiheit für Menschen mit Demenz?Zur Güterabwägung beim Einsatz von Detektions- und Ortungssystemen in der Pflege

    Die öffentliche Aufmerksamkeit zum Thema Demenz wendet sich gelegentlich einem einzelnen Menschen zu. Das geschieht in der Regel dann, wenn der Krankheitsverlauf einen eindrücklichen Vergleich aufzwingt; den Vergleich zwischen einem Davor und Jetzt. Aufgezwungen wird er dem Betrachter, sobald die Differenz zwischen Davor und Jetzt die immer noch namhaft gleiche Person wahrnehmbar entzweit: Wo klare Argumente galten, reihen sich unzusammenhängende Satzstücke aneinander, wo überblickende Weitsicht war, bleibt alles auf den Moment bezogen, wo Selbständigkeit eingefordert wurde, bleibt nur noch das Faktum des Angewiesenseins. Bei Walter Jens muss dies so gewesen sein. Im Juni 2013 ist er gestorben. Sowohl sein Sohn als auch seine Frau haben die Öffentlichkeit über diese Differenz informiert. Den wahrnehmbaren Beginn jener Differenz schildert Inge Jens in den Details ungekannter Defizite: „Von der ihn stets auszeichnenden Fähigkeit, Probleme exakt und in überzeugendem Kontext zu analysieren und die konstitutiven Fakten und Umstände präzise herauszuarbeiten, war nichts, aber auch gar nichts mehr zu spüren“ (Jens 2009, 268). Auf den immer offener zu Tage tretenden Graben, den die Differenz markiert, deutet Tilman Jens mit den Reaktionen auf einen nächtlichen Weglaufversuch: „Der Ausreiß-Versuch ist beendet. Wenn es Not tut, lässt er sich von meiner Mutter noch windeln. Viel sagt er nicht. Manchmal aber scheint er sich seiner Situation bewusst zu werden, vor ein paar Tagen hat er weinend auf das stinkende Zellstoffbündel gezeigt. Es ist schrecklich, dass Du das jetzt tun musst. Ob er wirklich genau weiß, was er da sagt?“ (Jens 2010, 13).

  • Plus S. 21

    Todeswünsche ernst nehmen und den Lebenswillen stärkenZur Suizidgefährdung und Suizidprävention im Alter

    In ihrem Film „Ich will sterben“ zeichnet Tina Soliman (2009) das Portrait vierer Menschen, die im Alter nicht mehr leben wollten. Im Begleittext findet man folgende Zitate aus dem Film: „Dreimal hat der Hamburger schon versucht, sich das Leben zu nehmen. Der tägliche Kräfteverfall deprimiere ihn, hat der ehemals erfolgsverwöhnte Jurist seiner Tochter erklärt, er fühle sich überflüssig.“ – „Im Grunde bedeutet Altwerden, dass man immer häufiger Abschied nehmen muss, von den körperlichen und geistigen Fähigkeiten, von Anerkennung, von Freunden, vom Lebenspartner“, so die 72-jährige Christel V., die vor einem Jahr ihren Mann verloren hat. Die Flensburgerin wollte nicht mehr leben und hat sich selbst in die Psychiatrie einweisen lassen, um etwas gegen ihre Depressionen zu tun.

  • Plus S. 27

    Sich um den älteren Menschen kümmernZu den ethischen Herausforderungen in der französischen Gesellschaft

    Eine Volksweisheit besagt, dass die Art und Weise, in der wir uns heute um ältere Menschen kümmern, darüber entscheidet, wie man sich morgen um uns kümmern wird. Unsere Gesellschaft liefert uns viele objektive Gründe dafür, zu glauben, dass das Alter kein unumgängliches Schicksal von Gebrechlichkeiten, starker Pflegebedürftigkeit und Tod ist. Man altert bei besserer Gesundheit, das Leben verlängert sich, und oft mangelt es nicht an Mitteln, um die Lust auf Reisen, Aktivitäten und verschiedene Anschaffungen zu befriedigen. Außerdem wird man nicht von heute auf morgen alt. Man sieht nicht, wie man selbst altert, so sehr hat man sich an die langsame Veränderung der eigenen Erscheinung sowie des eigenen Funktionierens gewöhnt.

Arts & ethics

Beitrag

Bericht

  • Plus S. 36

    Sozialkatholizismus in BelgienEin (unbekanntes) Land der Gegensätze

    Wer in internationalen Zusammenhängen an Belgien denkt, wird damit nicht spontan eine große Tradition in katholischer Sozialethik und Sozialdoktrin assoziieren. Belgien ist aus der Sicht vieler Europäer ein relativ unbekanntes Land (Schmitz-Reiners 2006), das nur gelegentlich durch Skandale oder durch schwierige Regierungsbildungen ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit gerät. Nur wenigen Belgiern wird heute noch bewusst sein, dass ihr Land durchaus auf eine beachtliche Geschichte des Sozialkatholizismus mit Wurzeln im 19. Jahrhundert, einer prägenden Gestalt wie Joseph Cardijn im 20. Jahrhundert und der intensiven Mitwirkung von belgischen Bischöfen und Theologen an der Vorbereitung und Durchführung des Zweiten Vatikanischen Konzils (Soetens 1996) zurückblicken kann. Wie ein Popstar gefeiert wird der 2009 von Benedikt XVI. heiliggesprochene Pater Damian, mit bürgerlichem Namen Jozef De Veuster (1840–1889). Sein Einsatz für die Leprakranken auf den Inseln des heutigen US-Bundesstaates Hawaii gilt weltweit als überzeugendes Beispiel christlicher Nächstenliebe, die ohne feierliche Worte und umfassende Lehrgebäude auskommt. Heute wird Damian inoffiziell auch als Patron der Aidskranken verehrt.

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