Religionsfreiheit

Heimbach-Steins, Marianne: Religionsfreiheit. Ein Menschenrecht unter Druck. Paderborn u. a.: Schöningh 2012, 232 S.

Marianne Heimbach-Steins legt mit Ihrem Buch „Religionsfreiheit. Ein Menschenrecht unter Druck“ das Ergebnis einer langjährigen, gründlichen Auseinandersetzung mit dem Thema vor. Es ist ein (kirchen-)politisches Buch, das die theologischen und ethischen Argumente präzise formuliert und für die Religionsfreiheit in Kirche und Gesellschaft streitet. Innerer Angelpunkt ihrer Verteidigung der Religionsfreiheit ist „die Freiheit der Person, ein religiöses Bekenntnis zu haben, und dieses individuell und gemeinschaftlich zu bezeugen und zu praktizieren“ (S. 47). Ihre Untersuchung hat die Verfasserin in vier Kapitel gegliedert: Sie beschreibt erstens die derzeitige Gefährdung der Religionsfreiheit, weil Religion in zunehmendem Maße als den sozialen Frieden gefährdend interpretiert werde und daher „sozial unverträglich“ sei. Paradigmatisch stehen hierfür der Kruzifix- Streit oder die Kontroversen um den Bau von Minaretten.

Im zweiten Kapitel erläutert die Theologin den theologischen Neuansatz des Zweiten Vatikanischen Konzils. Religions- und Weltanschauungsfreiheit ist das zentrale Menschenrecht, weil in dieser Freiheit „die grundlegende menschliche Fähigkeit zu Ausdruck (kommt), das eigene Leben zu verantworten und zu reflektieren“ (S. 46) Für die Neudefinition der Religionsfreiheit durch das II. Vatikanum musste gezeigt werden, dass das positive Verhältnis religiöser Freiheit „nicht in Widerspruch zu dem unaufgebbaren Anspruch der Kirche gerät, Hüterin der Wahrheit zu sein“ (S. 52). Mit der theologischen Einsicht in die – schon den Kirchenvätern bewusste – Freiheit des Glaubensaktes und die Gewissensfreiheit war das Fundament für die Neuausrichtung gelegt: das religiöse Freiheitsrecht ist ein Recht der Person. Damit wird die Suche nach Wahrheit „als geschichtlich konkreter Prozess des dialogischen Austausches vorgestellt“ (S. 65). Der Schutz der Religionsfreiheit habe also nicht einer bestimmten Wahrheit oder (religiösen) Institution zu gelten, sondern der den Weg zur Wahrheit suchenden Person. Dieser Prozesscharakter der Wahrheitssuche sei auch für die Kirche unhintergehbar, die sich als pilgernde Kirche versteht, die „der göttlichen Wahrheit entgegen strebt“ (Dei Verbum 8).

Von diesem systematischen Punkt aus entwickelt die Verfasserin die Forderung an die Religionsgemeinschaften, „auch in ihren Erwartungen an die Gläubigen die Freiheit des Glaubensaktes ernst zu nehmen, sich mit der Mündigkeit und Autonomie der Person und ihres Gewissens anzufreunden“ (S. 55). Hier sieht sie, nicht zuletzt in der eigenen Kirche – noch unausgeschöpfte Potentiale und bleibende Provokationen“ (S. 78).

Das dritte Kapitel widmet sich dem Ethos der Religionsfreiheit. Religionsgemeinschaften – wie Säkulare – müssten sich für das Recht auf Religionsfreiheit als Recht der anderen engagieren. Auch hier gehe es darum, das Recht des Individuums zu schützen, seinen Glauben auch öffentlich und in Gemeinschaft leben zu können. Wie schwierig diese Herausforderung für die plurale Gesellschaft ist, wurde exemplarisch an der „Sarrazin-Debatte“ wie am Streit um die Mohammed- Karikaturen deutlich, in denen es im Kern um Identität, Toleranz, Respekt und Anerkennung ging. Wo die Grenzen der Religionsfreiheit erreicht sind, müsse im fairen Ausgleich innerhalb einer Gesellschaft gesucht werden.

Im Kapitel IV. Religion und Geschlecht thematisiert die Verfasserin körperbezogene, religiös begründete Diskriminierungen insbesondere von Frauen; dazu gehörten nicht nur das Kopftuch islamischer Frauen wie auch das Selbstbestimmungsrecht im Bereich von Sexualität und Fortpflanzung sowie Rechte im Bereich von Partnerschaft, Eheschließung und Familiengründung. Konflikte zwischen Positionen, die von der korporativen Religionsfreiheit her argumentieren und solchen, die das Diskriminierungsverbot vertreten, müssen in modernen (Einwanderungs-)Gesellschaften ausgetragen werden. Hierzu bedürfe es politischer Rahmenbedingungen, „unter denen faire Auseinandersetzungen zwischen weltanschaulichen und religiösen Sinnangeboten ausgetragen werden können“ (S. 193). In ihrem Epilog skizziert die Verfasserin den Zusammenhang zwischen dem normativen Kompass der Religionsfreiheit, den religionspolitischen Anforderungen angesichts gesteigerter Heterogenität und der Verantwortung der betroffenen Akteure.

Die Verfasserin vermisst das Feld der Religionsfreiheit, klärt Begriffe, begründet gut nachvollziehbar und stellt aktuelle Debatten gut lesbar dar. Das Buch ist auf dem Hintergrund der deutschen Debatte und auch primär für diesen Leserkreis geschrieben. Daher wird im Wesentlichen deutschsprachige Sekundärliteratur herangezogen. Diese Stärke des Buches ist zugleich auch seine Grenze. Der Leser erhält aber vor allem ein sehr instruktives, gründlich gearbeitetes und klar geschriebenes Buch, das sich nicht nur an Wissenschaftler wendet, sondern an einen breiteren Leserkreis gerichtet ist.

Heinz-Gerhard Justenhoven, Hamburg