Religiöser Pluralismus

Gabriel, Karl/Spieß, Christian/Winkler, Katja (Hrsg.): Modelle des religiösen Pluralismus. Historische, religionssoziologische und religionspolitische Perspektiven (Katholizismus zwischen Religionsfreiheit und Gewalt, Bd. 5). Paderborn: Schöningh 2012, 364 S., ISBN 978–3–506–77407–1.

Jenseits der Frage, ob die Religion wiederkehrt, (weiter) schwindet, sich wandelt, ist das Verhältnis von Religion und modernem Verfassungsstaat ganz offensichtlich seit geraumer Zeit in Bewegung geraten. Das kann man sowohl in den typischen Problembereichen im Verhältnis zwischen Kirche und Staat, als auch in der Kirche selbst, in ihrem Ringen um Glaubwürdigkeit, beobachten. Der im Kontext des Forschungsprojekts „Gewaltverzicht religiöser Traditionen. Der moderne Katholizismus im Spannungsfeld von Distinktion und Integration“ entstandene Aufsatzband beschäftigt sich mit dem Verhältnis von religiösem Pluralismus und moderner Gesellschaft, vor allem mit dem Blick auf den Katholizismus, vor allem in Deutschland.

Der Band teilt sich in drei grundlegende Perspektiven: 1. die historische, 2. die empirische, gesellschaftsanalytische und 3. die begründungstheoretische, normative.

Die historische Einordung des Themas beginnt mit dem exegetischen Beitrag von Martin Ebner, der einen bemerkenswerten Versuch darstellt, Einheit und Pluralität als Kategorien zur Analyse des frühen Christentums einzusetzen: eine Einheit nämlich, die auf Pluralität setzt und zwar als das unterscheidende Organisationsprinzip des Christentums. Dieser Beitrag zeigt, welch erstaunliche Aktualität frühchristliche Probleme entwickeln können – hier mit Blick auf die gegenwärtige Profilierungsdebatte in der Kirche. Die historische Perspektive findet ihre Fortsetzung in zwei beziehungsweise drei weiteren Artikeln: Auch im Mittelalter findet sich, entgegen der üblichen Deutung, so die These von Christoph Auffarth, Pluralismus als Zulassen von Vielfalt. Dabei war es gerade das Papsttum, das als „religiöse Partei“ die damaligen Traditionen und Konsense „aufkündigte“. Der Beitrag von Wilfried Loth beschäftigt sich mit dem sogenannten „Katholizismus“ als einer antimodernen und antidemokratischen Kraft in Europa. Diese Sonderformation der katholischen Kirche löste sich bekanntermaßen erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Dass der Katholizismus durchaus auch als eine Gestalt des Pluralismus in der Kirche verstanden werden kann und es gerade diese Gestalt war, die die Kirche auf den Weg in die moderne Gesellschaft gebracht hat, hätte durchaus mehr hervorgehoben werden dürfen. Christian Spieß setzt sich anschließend kritisch mit der sogenannten „Toleranzdoktrin“ auseinander, die bis einschließlich Pius XII. Bestand hatte. Bemerkenswert ist es, dass diese Doktrin mit einer doppelten Argumentation operierte: theologisch und verfassungsrechtlich, pragmatisch und normativ zugleich. „Die katholische Kirche verweigerte Toleranz, wo sie selbst in der Mehrheit war, sie forderte diese aber, wo sie sich in der Minderheitsposition befand.“ (S. 115) War nicht diese Doppelstrategie selbst, anders als es der Autor deuten will, ein Reflex auf die moderne Gesellschaft? wider Willen? Und hat nicht das Zweite Vatikanische Konzil schließlich für Glaubwürdigkeit gesorgt, als es die Religionsfreiheit anerkannte? Problematisch wird es schließlich dann, wenn die von Seiten der Kirche geforderte Differenz von Religion und Politik in ihrer Ambivalenz nicht mehr ansichtig wird, weil sie allein auf das Außenverhältnis Kirche-Welt projiziert wird.

Eine zweite Gruppe von Aufsätzen nimmt die empirisch-religionssoziologische Perspektive ein und trägt noch einmal wichtige Kategorien zur Deutung der Situation der Religion heute zusammen. Karl Gabriel glaubt, eine „doppelte Bewegung“ der Religionen beobachten zu können: eine Homogenisierung des Religiösen und zugleich eine Pluralisierung. Nur wenn die Fähigkeit der Religionen zur kritischen „Selbstreflexion“ zunimmt, sind sie in der Lage, für ein friedliches Zusammenleben zu sorgen. Der Beitrag von Detlef Pollack und Nils Friedrichs präsentiert die Ergebnisse einer ländervergleichend angelegten repräsentativen Studie über die Stimmung in der Bevölkerung: Es geht um Toleranz, es geht um die Akzeptanz religiöser Vielfalt. Die Studie stellt heraus, dass in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern die Haltung zu Muslimen besonders negativ ist. Wichtigster Grund: die geringere Kontakthäufigkeit mit Muslimen. Auch der Aufsatz von Judith Könemann und Ansgar Jödicke stellt die Ergebnisse einer empirischen Forschungsarbeit vor und zwar zur Beteiligung religiöser Akteure am direkt demokratischen Verfahren der Volksabstimmung in der Schweiz. Überraschend ist wohl weniger die Feststellung, dass die Beteiligung religiöser Akteure am zivilgesellschaftlichen Diskurs nach wie vor gegeben ist. Brisanter scheint aber die Frage, ob die Beteiligung auch schon die „Bereitschaft zum diskursiven Dialog einschließt“ (S. 204), da die religiösen Akteure doch zu sehr auf ihre prinzipiell unveränderbaren Positionen (Tradition und Offenbarung) rekurrieren. Volkhard Krech versucht eine „statistische Bestandsaufnahme“ der „gegenwärtigen religiösen Lage in Deutschland“. Das Resümee lautet: Zumindest die „sichtbare organisierte Religion“ nimmt in Deutschland nicht zu; das „religiöse Feld“ wird allerdings pluraler.

Eine dritte Runde der Auseinandersetzung über den religiösen Pluralismus dreht sich um rechtliche und politische Perspektiven: Christian Walter hat einen rechtswissenschaftlichen Kommentar verfasst, der sich mit einer seit den 1990er Jahren zu beobachtenden Rechtsentwicklung befasst: Die Rechtsprechung orientiert sich stärker an der Religionsfreiheit und ihren Schranken, weil das Misstrauen, so seine These, gegenüber der Religion gewachsen sei. Ulrich Willems beschäftigt sich mit der Religionspolitik, mit den neuen politischen Herausforderungen angesichts religiöser Pluralität und vor allem mit der Frage, wie nun mit den veränderten Bedingungen umgegangen werden soll. Nicht die Verfassungsgerichte, nicht direkt- oder mehrheitsdemokratische Verfahren, so kann man zusammenfassen, sind die privilegierten Orte für die Anpassung der religionspolitischen Ordnungen an die pluraler gewordenen religiösen Verhältnisse. Angemessener erscheinen vielmehr dezentrale, partizipative Politikformen oder „verhandlungsdemokratische“ (S. 263) oder zivilgesellschaftliche Formen der Religionspolitik. Der nächste Beitrag von Hermann- Josef Große Kracht will eine „diskursdemokratische Reflexion“ sein zum Verhältnis von Religion und Politik. Im Kern geht es ihm wohl darum, dieses Verhältnis als ein dialektisches zu qualifizieren: Beide sollen sich wechselseitig kritisieren. Die Religion hat dann die Aufgabe, Fehlentwicklungen im Bereich der Politik anzuprangern, und die Politik soll (mit Hilfe des Instituts der Religionsfreiheit und dem Öffentlichkeitsanspruch) die Religionsgemeinschaften unter einen „permanenten inneren Reflexions- und Rechtfertigungsdruck“ (S. 282) setzen. Unklar bleibt allerdings das Verhältnis von „gesellschaftsjenseitiger“ Verankerung von Legitimität, die er heftig ablehnt (und in Form von Moralressourcen für unverzichtbar erklärt), und „selbstbewusst-säkularer“ Republik. Vielleicht liegen die Unklarheiten allein darin begründet, dass der Vergleichspunkt nicht immer klar im Blick ist: Geht es um den Normgehalt bzw. Wahrheitsanspruch von Religion und Politik oder um die jeweils gelebten „Selbstverständlichkeiten“. Anschließend stellt Thomas Gutmann seinen Versuch einer Rechtfertigung der Theorie des politischen Liberalismus vor und zwar anhand der Auseinandersetzung zwischen Rawls und Habermas. Seine zentrale These lautet: Die säkularen Legitimationsgrundlagen von Politik und Recht „tragen den auf ihnen errichteten Bau selbstständig“ (S. 305); sie brauchen dazu keine Religion, auch das Christentum nicht. Deshalb sei der deutsche Verfassungsdiskurs zu kritisieren, da er die Religionen „selektiv“ auszeichne. Anders Charles Taylors Modell von Pluralismus, das Katja Winkler vorstellt. „Bei Taylor geht also die religiöse Neutralisierung des Staates am wenigsten weit.“ (S. 328) Er sieht, so die Autorin, die größte Gefahr für die notwendige Integration pluralistischer Gesellschaften in einem „Säkularismus, der selbst zur antireligiösen Ideologie geworden ist.“ (S. 337) Auf der anderen Seite erwartet er eine „Selbstmodernisierung“ der Religionen durch „größtmögliche Freiheitsspielräume und Beteiligungschancen.“ (ebd.) Solche Spielräume ermöglichen es, dass die vielfältigen Überzeugungsformen in einem konkreten Aushandlungsprozess eine bestimmte Konzeption von Toleranz ausbilden. Schließlich und endlich stellt Thomas M. Schmidt die theologischen und philosophischen Modelle vor, die auf die Anforderungen des modernen Pluralismus zu antworten versuchen. Er versammelt sie unter die üblichen Kategorien: Exkulsivismus, Inklusivismus und Pluralismus. Das zentrale Problem sieht er darin, dass Religion auf die Ebene persönlicher Überzeugungen reduziert wird. Er selbst plädiert für einen „offenen Pluralismus“ nicht zuletzt deshalb, weil sich der „transsubjektive moralische Gesichtspunkt öffentlicher Legitimation niemals auf die Ebene persönlicher Rechtfertigung reduzieren lässt.“ (S. 360) Erst dann lässt sich zeigen, dass allgemeine, vernünftige Gesetzgebung und persönliche Überzeugungen gerade nicht streng gekoppelt gedacht werden müssen, sondern dass es sich eher um ein Verhältnis wechselseitiger Konstitution handelt.

Was diesen Aufsatzband kennzeichnet, ist sein Charakter als eine Bestandsaufnahme und Übersicht über das Thema „religiöser Pluralismus“ – insbesondere mit Blick auf das Ausmaß und die Ausprägung von religiöser Pluralität in Kirche, Politik, Recht und Gesellschaft, insbesondere in Deutschland. Darüber hinaus gewinnt der Leser einen Einblick in die unterschiedlichen Zugangsweisen der wissenschaftlichen Disziplinen zum Thema: Theologie, Geschichte, Politikwissenschaft, Soziologie, Rechtswissenschaft.

Dabei sind es weniger die empirischen und gesellschaftsanalytischen Aufsätze, die aufmerken lassen – wirklich neue Einsichten können auch kaum erwartet werden – als vielmehr jene historischen und normativen Reflexionen, die ahnen lassen, dass das Projekt einer differenzverträglichen gesellschaftlichen Ordnung nicht nur für die Politik, sondern gerade auch für die Kirche und ihr Selbstverständnis eine besondere Herausforderung bedeutet. Wieder einmal zeigt sich, dass es gerade der Blick zurück in die eigene Geschichte ist, der für diese Herausforderung einiges parat hält. Den Reformern in der Kirche sei dieser Aspekt besonders empfohlen. Ob und wie Politik und Religion schließlich zusammenarbeiten könnten und sollten, um den Aufbau einer gesellschaftlichen Ordnung unter Pluralitätsbedingungen gemeinsam zu bewältigen, diese Frage hat der Band breit ausformuliert und die dafür relevanten Kategorien zusammengetragen.

Günter Wilhelms, Paderborn