Herausforderung Rechtsextremismus

Die Aufarbeitung der rechtsextrem motivierten Morde der Zwickauer Terrorzelle des „Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU)“ hat das Thema Rechtsextremismus wieder verstärkt auf die politische Agenda gebracht. Auch die Zivilgesellschaft ist neu sensibilisiert. Nicht zuletzt die Kirche und ihre verschiedenen Verbände sind aufgerufen, sich diesem Problem zu widmen, stellen sich doch rechtsextreme Tendenzen diametral gegen die von ihnen vertretene Botschaft. Als Problem der Gegenwart ist der Rechtsextremismus unzweifelhaft mit einer historischen Epoche verbunden, die wesentliche Errungenschaften der europäischen Geschichte und mithin wesentliche Überzeugungen des geschichtlich gewachsenen Christentums geleugnet und umgekehrt hat. Gerade die vielen Blutzeugen, die sich ob ihrer christlichen Überzeugungen gegen das Terrorregime des Nationalsozialismus stellten, machen deutlich, wie sehr die Kirche auch heute gefordert ist, sich politischen Tendenzen entgegenzustellen, die sich zu diesem menschenverachtenden Werten bekennen. Ihr Leben und Sterben für die Wahrhaftigkeit ist daher zugleich Erbe und Auftrag für Gegenwart und Zukunft der Kirche und der gesamten Gesellschaft. Der Berliner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki, den Amosinternational in diesem Zusammenhang interviewt, betont zu Recht, dass die Kirche dabei klar und nachhaltig Stellung beziehen muss: „Rechtsextremismus stellt eine ernste dauerhafte Herausforderung dar, gerade da, wo kirchliche aber auch staatliche Infrastruktur sich zurückzieht.“ Aus wissenschaftlich- sozialethischer Sicht befasst sich Wolfgang Palaver mit den neuen rechtspopulistischen Bewegungen in Europa. Er verknüpft diese Entwicklung mit spezifischen Indikatoren, bei denen vor allem die Konsens-Demokratie und die aus ihr entstehende Problematik des Minderheitenschutzes herauszustellen sind. Darüber hinaus macht er sich für die christliche Überzeugung stark, die Idee der Menschheitsfamilie in diesem Kontext zu betonen, um Solidarität über ethnische und religiöse Grenzen hinweg ermöglichen zu können.

Zwei andere Artikel widmen sich dem Thema aus historischer Sicht: Christoph Kopke betont, dass erste rechtsextreme Gruppierungen bereits in der frühen Bundesrepublik aktiv waren. Diese Bewegungen, die zum einen durch ehemalige Nationalsozialisten und zum anderen durch in der Nachkriegszeit sozialisierte Jugendliche getragen wurden, bildeten die Grundlage für den Erfolg der NPD in den sechziger Jahren, der allerdings 1969 jäh beendet war. Danach begann die eigentliche Radikalisierung und die Herausbildung einer Neo-Nazi Szene, deren Mobilisierungskraft vor allem unter Jugendlichen stark ist. Mit der spezifisch politischen Entwicklung der NPD setzt sich Armin Pfahl-Traughber auseinander: Dabei zeichnet er den wechselvollen Weg der Partei zwischen 1964 bis heute nach und geht auf die internen wie externen Auseinandersetzungen ein. Er betont, dass es der Partei nicht gelingt, sich von einem rechtsradikalen Image zu lösen.

Sowohl Wilfried Schubarth und Juliane Ulbricht als auch die Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft katholischsozialer Bildungswerke (AKSB) setzen sich mit pädagogischen Konsequenzen auseinander, die aus dem Faktum des Rechtsextremismus entstehen: Wilfried Schubarth und Juliane Ulbricht entwickeln dabei mögliche Strategien aus Sicht der Erziehungswissenschaften, die in schulischen und außerschulischen Projekten implementiert werden können. Dabei steht jeweils eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung im Vordergrund. Die AKSB-Stellungnahme „Katholische Akademiearbeit und Rechtsextremismus“ richtet das Augenmerk auf die spezifisch katholische Ausrichtung der außerschulischen Bildung, die einen nicht unerheblichen Anteil an der Erziehung zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung ausmacht. Dabei bleibt es nicht bei einfacher Wissensvermittlung: Ziel ist es in einem letzten Schritt durchaus auch Handlungskompetenzen herzustellen, durch die Phänomene des politischen Geschehens angemessen und reflexiv eingeordnet werden können.

Dieses Heft will an den gesamtgesellschaftlichen Diskurs anschließen, zu dem die Kirche einen spezifischen Beitrag leisten kann. Durch die Schöpfungstheologie wird die Ebenbildlichkeit eines jeden Menschen mit dem Schöpfer betont. Daher dürfen wir alle Menschen zu einer Menschheitsfamilie zählen, die zu Solidarität und Gegenseitigkeit berufen ist. Diese Erkenntnis ist immer wieder neu aufzuarbeiten, denn die Ablehnung des Rechtsextremismus ist leider keine Selbstverständlichkeit.