Erbacher, Jürgen (Hg.): Entweltlichung der Kirche? Die Freiburger Rede des Papstes (THEOLOGIE KONTROVERS), Freiburg/Basel/Wien: Herder, 260 S., ISBN 978–3–451–30577–1.
Immer wieder hält Benedikt XVI. Reden, die im Gedächtnis bleiben, weil sie verstören. So auch am 25. September 2011 im Freiburger Konzerthaus, wo er nachdrücklich eine „Entweltlichung“ der Kirche forderte. Seitdem wird, vor allem innerkirchlich, heftig darüber diskutiert, was dieser Begriff bedeuten mag und was von ihm zu halten sei. Vorliegender Band versammelt zwanzig Interpretationsversuche und Stellungnahmen.
Die Autorinnen und Autoren unterscheiden sich in ihrer (kirchlichen) Stellung, ihren Perspektiven und Intentionen stark. Trotzdem sind wichtige Übereinstimmungen nicht zu übersehen. Alle Beiträge bezeichnen den Begriff „Entweltlichung“ als vieldeutig und damit missverständlich. Sie halten ihn auch für mehr oder weniger unglücklich. Alle sind sich darin einig, dass der Papst mit der Rede keine konkreten Anweisungen – etwa zum deutschen Kirchensteuersystem – geben wollte. Es sei ihm um eine grundsätzliche Orientierung für das Verhältnis der Kirche zur Welt gegangen. Schließlich verbindet alle die Auffassung, dass die Rede zu denken gebe, und sie suchen nach deren positiven Intentionen und Bedeutungsgehalten. So lässt der Band ein zwar breites, aber nicht das gesamte Spektrum der Reaktionen auf die Konzerthausrede sichtbar werden. Eine unkritische Zustimmung zu Benedikts Forderung findet sich in ihm ebenso wenig wie Positionen, die den Text ablehnend zur Seite legen.
Die durchweg prägnanten und gut lesbaren Beiträge lassen sich zwei Gruppen zuordnen. Die einen fragen vorrangig nach den möglichen praktischen Konsequenzen der vom Papst eingeschärften Trennung von Kirche und Welt (1). Die anderen setzen sich vor allem mit dieser Unterscheidung selbst kritisch auseinander (2).
(1) Die deutsche Kirche unterscheidet sich in der Organisation und Professionalisierung ihrer Dienstleistungen strukturell wenig von nichtkirchlichen Organisationen und ist nicht zuletzt deshalb hoch effektiv. Die dadurch gesicherte Handlungsfähigkeit etwa der Caritas steht nicht notwendig im Gegensatz zu dem vom Glauben motivierten und geprägten Einsatz der Kirche für die Welt und in der Welt. Sie ermöglicht und erleichtert diesen auch. So argumentieren mehrere Beiträge und weisen deshalb eine Interpretation der Papstrede zurück, die einen Verzicht der Nutzung „weltlicher“ Mittel für „kirchliche“ Zwecke fordert (Neher, Nothelle-Wildfeuer). Auch in einer anderen Hinsicht ist die Kirche eine „weltliche“ Kirche. Sie und ihre Mitglieder sind Teile der und Akteure in der Zivilgesellschaft. Sie können und müssen sich an deren Gestaltung beteiligen – unter den Rahmenbedingungen eines säkularen Staates und einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft. Verschiedene Beiträge des Bandes würdigen die große Bedeutung der gesellschaftlichen Teilhabe der Kirche. Sie weisen eine dagegen gerichtete „Entweltlichung“ entschieden zurück (Glück, Höhn, Thierse, Kues, Kretschmann, Rupert/Valachanow).
Der von den hier summarisch charakterisierten Beiträgen herausgestellte Nutzen der „Weltlichkeit“ der deutschen Kirche ist zweifellos wertzuschätzen. Doch deren Verteidigung gerät in den Verdacht der Besitzstandswahrung, sobald sie den Eindruck erweckt, die Kirche könne nicht anders als in diesen Formen ihrem Auftrag für die Welt gerecht werden. Hier erweitern der französische Blick auf die Rede des Papstes (Nientiedt) sowie die staatskirchenrechtlichen Beiträge (Muckel, Hense) des vorliegenden Bandes den Horizont. Sie zeigen, dass das Verhältnis von Religion und Gesellschaft, Kirche und Staat in Frankreich ganz anders gestaltet ist und auch im Rahmen des deutschen Grundgesetzes ganz anders gestaltet werden könnte.
(2) Ohne direkt nach der konkreten Gestalt der vom Papst eingeforderten „Entweltlichung“ zu fragen, befassen sich andere Beiträge mit der ihr zugrundliegenden Unterscheidung von Kirche und Welt. Recht leicht lässt sich die Sorge zerstreuen, Benedikt XVI. rate der Kirche zur Weltflucht. Durch den Bezug auf andere Texte – vor allem Joseph Ratzingers Beiträge zur Ekklesiologie von 1969 und die Enzyklika Benedikts XVI. „Deus caritas est“ – machen verschiedene Autoren darauf aufmerksam, dass für den Papst die Verantwortung der Kirche für die Welt außer Frage steht (Kasper, Erbacher, Ring-Eifel). Sie hat den Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche ein Zeugnis der Liebe Gottes zu geben. Die Caritas ist eine essentielle Aufgabe der Kirche. Gleichzeitig zieht sich durch die Referenztexte ebenfalls die Aufforderung, sich der Welt nicht anzugleichen. Damit greift Ratzinger auch als Papst eine biblische Warnung auf. Das Neue Testament warnt regelmäßig vor Haltungen und Handlungen, die sich auf die Immanenz irdischen Lebens beschränken (Söding). Doch diese Versuche, durch die Kontextualisierung der Konzerthausrede den Begriff der „Entweltlichung“ zu entschärfen, können nicht verdecken, dass Benedikt strikt dualistisch denkt. Kirche und Welt werden – wie Gott und Welt – in einen strikten Gegensatz gestellt. Andere Beiträge des vorliegenden Bandes erheben gegen dieses Denken gewichtige Einwände (Höhn, Kaufmann, Ebertz, Striet, Hoff, Thierse). Deren grundlegender Einwand verdankt sich einer philosophischen Reflexion: Aus der dem Menschen allein zugänglichen Perspektive der Immanenz ist ein Bezug zur Transzendenz nur in immanenter Form möglich (144): in Gestalt menschlicher Rede und menschlichen Handelns. Eine absolute Transzendenz kann weder von der Welt erreicht werden noch die Welt erreichen. Deshalb ist für die christliche Theologie der Glaube zentral, dass Gott die von ihm unterschiedene Welt aus Liebe geschaffen hat und in Liebe mit ihr verbunden bleibt. Die Christologie übernimmt die anspruchsvolle Aufgabe, die „unvermischte und ungetrennte“ Vermittlung von Immanenz und Transzendenz, von Gott und Welt zu denken. Statt aber im Anschluss an Lumen Gentium (8.1) auch analog von der Kirche zu denken, wählt Benedikt die dualistische Entgegenstellung der realen Kirche zur als gegenkirchlich definierten Welt, genauer: Gesellschaft. Wie hoch problematisch dieser Schluss ist, zeigt sich nicht zuletzt am missglückten Versuch Benedikts, in dieses Schema einen Verweis auf die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche einzufügen (154).
Der Verzicht auf einen solchen Dualismus aber ist nicht gleichbedeutend mit dem Verzicht auf jegliche Differenzierung. Die für die Kirche und die Gesellschaft, in der sie lebt, sowie für das Verhältnis beider wichtigste Unterscheidung ist die ethische Scheidung von Gut und Böse. Diese zu treffen und sich an ihr zu messen, ist – bei allen Schwierigkeiten, Gut und Böse je konkret zu bestimmen – Pflicht jedes Menschen, die Glaubende in Verantwortung vor Gott zu erfüllen suchen (Zollitsch).
Anknüpfend an die Dualismus-Kritik vieler der genannten Beiträge sei an das Ende dieser Rezension eine Erinnerung gestellt: Hans Jonas hat 1962 in einer eindringlichen Rede die Theologen davor gewarnt, sich mit Heidegger einzulassen und von ihm theologischen Gewinn zu erwarten (Heidegger und die Theologie, in: Böhler [Hg.]: Orientierung und Verantwortung, Würzburg 2004, 39–58). Sein Argument: Heideggers Denken sei ebenso wie die Gnosis von einem strikten Dualismus geprägt – einem Dualismus zwischen Geist (für die Gnosis: Gott) und Welt. Ein solcher Dualismus aber stehe in Gefahr, so der Gnosis-Experte und ehemalige Heidegger-Schüler Hans Jonas, letztlich zu einer Entwertung alles Weltlichen und damit zur Verabschiedung einer Ethik zu führen, die Menschen und Erde wertzuschätzen wüsste. Dies lasse sich mit einem biblisch gegründeten Glauben nicht vereinbaren. Den Autorinnen und Autoren des lesenswerten Buches ist diese Sorge nicht fremd, wenn sie sich kritisch mit der päpstlichen Forderung zur „Entweltlichung der Kirche“ auseinandersetzen.
Michael Bongardt, Berlin