Wohlstand anders denken

Alt, Jörg/Drempetic, Samuel (Hg.): Wohlstand anders denken – Lehren aus den aktuellen Weltkrisen (Bd. 7 der Reihe „Anregungen und Antworten“, Jahrbuch der Akademie CPH), Würzburg: Echter Verlag, 2012, ISBN 978-3-429-03473-3, 159 S.

Mit dem neuen Jahrbuch der katholischen Akademie „Caritas Prickheimer-Haus“ reiht sich nur scheinbar ein weiteres Buch in die Fülle der in der letzten Zeit erschienen Krisen-Literatur ein. Unter dem Titel „Wohlstand anders denken – Lehren aus den aktuellen Weltkrisen“ wird nicht so sehr über die Neuordnung der Finanzmärkte und Wirtschaftspolitik diskutiert, sondern es geht vielmehr um die Veränderung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells und der ihm zugrundeliegenden Wertmaßstäbe an sich.

Den Ursprung hat der Band in der Fachtagung des Centrums für Globales Lernen des Jesuitenordens und der Akademie CPH „Jetzt aber richtig! Lehren aus den aktuellen Weltkrisen“ im November 2011. Zwölf Essays der hochkarätigen Referenten aus unterschiedlichsten Lebensbereichen sind im Buch in vier Teilbereiche gegliedert.

Der erste Teil dient der Analyse aktueller Krisen aus einer sozial- und naturwissenschaftlichen Perspektive. Behandelt werden in drei Essays die aktuelle Finanzkrise im Zusammenhang mit der Globalisierungsproblematik sowie der Klimawandel und Armut.

Der zweite Teil des Buches stellt alternative Indikatoren für „Wohlstand“ vor und fordert eine Abkehr vom quantitativen Wirtschaftswachstum. Von der Konzeptionierung des BIP in den 20er Jahren bis zu den Auswirkungen der französischen „Stiglitz-Sen-Fitoussi“-Kommission, die seit 2008 die Ergebnisse der „Glücksforschung“ zusammenträgt und verbreitet, wird ein umfassendes Bild gezeichnet.

Im dritten Teil des Buches geht es schließlich um Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten der Politik. Mitglieder der Enquete-Kommission des Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ führen unterschiedliche Sichtweisen und Lösungsansätze auf die Problematiken an. Ob nun Wachstum und Wohlstand zwingend zusammenhängen, wie die aktuellen Wachstums-Maßstäbe angepasst werden und ob die Zivilgesellschaft sowie ehrenamtliches Engagement das Problem lösen können – die Beiträge lassen die Differenzen der Parteien erahnen, die einem Ergebnis noch im Wege stehen.

Der vierte und letzte Teil der Sammlung beschäftigt sich mit „dem Bürger“ und seiner Rolle im Wandel. Während das aktuelle Meinungsbild eine breite Bereitschaft zum Wandel wiedergibt, scheitert es an individuellen und politischen Blockaden. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Menschen, die ungeachtet des „Mainstream“ ihr Leben nach eigenen Wertekriterien gestalten.

Die unterschiedlichen Autoren bringen alle ihre eigene Sichtweise, ihren Hintergrund und Schreibstil mit. Zusammen mit den kurzen Essays ist das Buch dadurch sehr kurzweilig zu lesen. Auch findet man häufig ein latentes Streitgespräch in einigen Punkten wieder, eine kritische Diskussion in der beide Extrempositionen gegenübergestellt sind, gibt es jedoch an keiner Stelle des Buches. Vielmehr wird ein durch weite Teile sehr stringentes Bild der Problematik und der möglichen Lösungen gezeichnet. Wenn man die vielschichtigen Beiträge bedenkt, ist es umso bemerkenswerter, wie wenig Überschneidungen sich im Buch wiederfinden. Die separaten Essays bauen thematisch aufeinander auf und führen den roten Faden fort. Trotzdem kann das Buch durch sein Format keine vollständige Abhandlung sein und es bleiben unvermeidbar einige Fragen offen. Dies motiviert allerdings auch zum selbst Weiterdenken und Weiterlesen an anderen Orten.

David Scheer , Castrop-Rauxel