Klimaethik

Gesang, Bernward: Klimaethik, Berlin: Suhrkamp, 2011, 234 S., ISBN 978–3518–2959–84.

Mit Klimaethik legt Bernward Gesang eine Studie vor, die den aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen, politischen und ethischen Debatten um den Klimawandel und die Bewältigung seiner Folgen verständlich und differenziert resümiert und zugleich Vorschläge liefert, die die Diskussionen weiter anregen können.

Im 1. Kapitel gibt Gesang einen Überblick über „Fakten und Bewertungen“ zum Klimawandel, der mit persönlichen Einschätzungen, die auch ausdrücklich als solche gekennzeichnet sind, abgerundet wird. Insbesondere die so genannten „Klimaskeptiker“ kommen ausführlich zu Wort, um dann grundlegend widerlegt zu werden. Dabei deutet Gesang auch an, dass die ideologiekritische Frage gestellt werden müsse, „ob diese skeptischen Diskussionsbeiträge nicht absichtsvoll von gesellschaftlichen Gruppen lanciert werden, die ihre Profitinteressen schützen wollen“ (18). Den für die ethische Reflexion bedeutendsten Aspekt sieht Gesang in „Worst-Case-Szenarien“ (Kap. 1.7), die „positive Feedback-Schleifen“ im Klimageschehen in ihre Modellbildung integrieren. Bei einer Erwärmung über zwei Grad hinaus würden so genannte Kipppunkte überschritten (z. B. Freisetzung großer Methanmengen beim Auftauen der Permafrostböden), was in einer sich selbst verstärkenden Eigendynamik zu einem Temperaturanstieg von über sechs Grad führen könnte. Daher sei die Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze ein ganz wichtiges Ziel, faktisch jedoch sehr unwahrscheinlich. Davon müsse die ethische Überlegung ausgehen.

Im Folgenden präsentiert Gesang den „‚State of the Art‘ der Klimaethik“ (Kap. 2), in deren Mittelpunkt bislang die Klimagerechtigkeit stehe (47). Dies sei, wie er im 3. Kapitel, „Gerechtigkeit auf dem Prüfstand“, ausführt, nicht zielführend.

Stattdessen spricht sich Gesang für eine utilitaristische Argumentationsweise aus. Knapp und verständlich erläutert er zu Beginn des 3. Kapitels die Grundlagen und führt sie im 4. Kapitel mit Blick auf das Klimaproblem detailliert aus. Das 2. und 3. Kapitel bieten einen lesenswerten systematischen Überblick über ethische Argumentationsmuster und Interpretationen von Gerechtigkeit. Diese sind zwar auf das Thema des Klimawandels bezogen, stellen aber letztlich eine allgemeine Methodenreflexion dar. Gesang unterscheidet und diskutiert insbesondere das Gleichheits-, das Schwellenwert- und das Vorrangsprinzip als Interpretationen von Klimagerechtigkeit im Sinne einer „Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Generationen“ (47). Diese drei grundlegenden ethischen Ausdeutungen von Gerechtigkeit ergänzt er um weitere ethisch-politische Konzepte, die spezifisch auf das Klimaproblem bezogen sind: die „wirtschaftliche Fähigkeiten der Staaten“, „das Recht auf Subsistenzemissionen“, „Verursacherprinzip und Nutznießerprinzip“, „das Gleiche-pro- Kopf-Rechte-Prinzip“ sowie „das Grandfathering-Prinzip“. Damit fasst Gesang die wichtigsten Argumente im Klimadiskurs systematisch zusammen und arbeitet ihre positiven Anknüpfungspunkte heraus. Gleichwohl überwiegt die Kritik. Grundsätzlich sei aus der von Gesang favorisierten utilitaristischen Sicht ein intrinsischer Wert von Gerechtigkeit abzulehnen. Gerechtigkeit sei vielmehr ein extrinsischer Wert, dessen Relevanz aus dem Nutzenprinzip hergeleitet werden müsse (133).

Darüber hinaus formuliert er weitere Einwände gegen die genannten Konzepte, die allerdings nicht immer überzeugen oder die an der Fragestellung vorbeigehen. Insbesondere in seiner Kritik am Egalitarismus bringt Gesang als Beispiele einzelne Handlungen von Individuen und unterläuft damit die strukturethische Dimension der Klimaethik.

Ein wichtiges Ergebnis für Gesangs weitere Diskussion ist die sich in den utilitaristischen Gesamtduktus gut einfügende Feststellung, dass es „keine unverrechenbaren Rechte für zukünftige Generationen“ (86–90) gebe. Alle Abwägungen seien vielmehr an der Nutzen- oder Wohlfahrtsfunktion für die Betroffenen auszurichten. Dabei gelte als Grundsatz, dass die Zukunft einen gleichen Wert wie die Gegenwart besitze. Denn zeitliche Distanz sei moralisch nicht anders zu bewerten als räumliche. Daher dürfe im Unterschied zu einer in den Wirtschaftswissenschaften üblichen Praxis ein zukünftiger Nutzen nicht diskontiert werden. Darüber hinaus widerlegt Gesang verschiedene skeptische Einwände, die zu zeigen versuchen, dass engagierte Klimaschutzmaßnahmen der westlichen Länder nicht notwendig oder nicht gefordert seien. Dazu zählen in gleicher Weise Plädoyers für großtechnische Lösungen (im Englischen geo-engineering), Annahmen der Überforderung der reichen Nationen oder, für konsequenzialistische Ansätze eine besondere Herausforderung, der Verweis auf die Ungewissheit des Klimawandels.

Im konstruktiven politischen Teil der Studie (Kap. 4.4 und Kap. 5) erläutert Gesang die drei seines Erachtens wichtigsten politischen Maßnahmen, die nötig seien, um einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern. Er diskutiert verschiedene Umsetzungsstrategien und weist Einwände zurück.

  • Unbedingt erforderlich sei erstens ein globaler, lückenloser Handel mit CO2-Emissionszertifikaten. Als besonders vorzüglich beurteilt er das Modell eines „gewichteten Mikrozertifikatehandels“. Ansatzpunkt sei der einzelne Bürger (daher das Beiwort „mikro“), dem eine weltweit gleiche Zerifikatemenge zugeteilt werde, die er entweder nutzen oder an einer Börse selbst verkaufen könne. Auf diese Weise entfalle die Verteilung der Gelder über staatliche Organisationen, und damit werde die Gefahr von Bereicherung, Korruption und Misswirtschaft weitgehend ausgeschlossen. „Gewichtet“ heißt dieses Modell, weil Menschen aus Entwicklungs- und Schwellenländern die doppelte Zertifikatemenge zugeteilt bekommen sollten, was sich, wie Gesang zeigt, auf der Basis ganz unterschiedlicher ethischer und pragmatischer Ansätze begründen lässt. Utilitaristisch betrachtet zeige sich bei diesem Konzept der besondere Vorzug, dass Klimaschutz und Entwicklung für die Ärmeren eine produktive Einheit bildeten, was ohnehin die Voraussetzung für eine realistische und wirksame Klimaschutzpolitik sei.
  • Zweitens sei zusätzlich eine aktive Klimapolitik erforderlich. Damit widerspricht Gesang ausdrücklich und ausführlich der These des „grünen Paradoxons“ des Ökonomen H.-W. Sinn (und anderen ähnlichen Positionen), wobei der methodische Hauptunterschied in der Ablehnung einer rein ökonomischen Sichtweise als reduktionistisch liegt.
  • Drittens spricht sich Gesang für eine Bevölkerungspolitik aus. Ein globaler Rückgang der Bevölkerung sei nicht nur ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz, sondern wirke sich auch hinsichtlich anderer ökologischer und sozialer Probleme positiv aus. Die Maßnahmen sollten freilich freiwillig und anreizbasiert ausfallen. Dabei präsentiert Gesang eine kreative, auch auf den zweiten Blick eher unrealistisch wirkende Strategie: „Win-Win-Partnerschaften“ zwischen je einem reichen und armen Land. Durch intensiven kulturellen, wirtschaftlichen und technischen Austausch und enge politische Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten könnten die durch den demographischen Wandel in zahlreichen westlichen Ländern entstehenden Probleme und die Entwicklungsdefizite der Schwellen- bzw. Entwicklungsländer zugleich bewältigt werden könnten.

Wer Gesangs Studie zur Klimaethik liest, erhält

  • erstens einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Klima(folgen)forschung und die entsprechenden politischen und ökonomischen Debatten,
  • zweitens eine Zusammenschau der gängigen ethischen Argumente pro Klimaschutz,
  • drittens eine ethische Grundlagenreflexion über Geltung und Reichweite dieser Positionen und
  • viertens wird deutlich, dass sich ein anspruchsvoller Klimaschutz auf der Basis unterschiedlicher ethischer Theorien begründen lässt.

Jochen Ostheimer, München