Friedensethik

Stümke, Volker/Gillner, Matthias (Hrsg.): Friedensethik im 20. Jahrhundert (Theologie und Frieden Bd. 42), Stuttgart: Kohlhammer 2011, 279 S., ISBN 978-3-17-021837-6.

Im Frühjahr 2010 wurde an der Führungsakademie der Bundeswehr Hamburg ein „Internationales Forum Berufsethik für militärische Führungskräfte“ eingerichtet, das nicht nur der ethischen Bildung von Offizieren im Stabs- oder Generalstabsdienst dienen soll, sondern auch der Begegnung zwischen Wissenschaftlern und Soldaten. Mit einem dreitätigen Symposium zur „Friedensethik im 20. Jahrhundert“ trat das „Ethikforum“ erstmals an die Öffentlichkeit. Der vorliegende Sammelband – herausgegeben von Volker Stümke (Dozent für evangelische Sozialethik an der Führungsakademie der Bundeswehr) und Matthias Gillner (wissenschaftlicher Direktor für katholische Theologie an der Führungsakademie der Bundeswehr) – ist das Ergebnis dieses Symposiums und vereinigt die dort gehaltenen Vorträge. Der Tagungsband umfasst insgesamt 16 Beiträge von evangelischen bzw. katholischen Theologinnen und Theologen sowie Angehörigen der Streitkräfte und gliedert sich in drei große Kapitel.

Zunächst werden – unter der Kapitelüberschrift „Historische Impulse“ – im ersten Teil die theologischen und kirchlichen Positionen zur Friedensethik nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nachgezeichnet. Johannes von Lüpke stellt die Friedensethik Dietrich Bonhoeffers (1906-1945) vor. Der Beitrag von Dirck Ackermannn widmet sich dem Streit um die deutsche Wiederbewaffnung nach 1949 und fragt vor dem Hintergrund der innerkirchlich geführten Debatte der späten 1940er und der 1950er Jahre nach den Impulsen für eine christliche Friedensethik im 20. Jahrhundert. Bereits in der Frühphase des friedensethischen Diskurses in der EKD werden Prinzipien thematisiert, die dann später unter dem „Leitbild vom Gerechten Frieden und einer Ethik rechtserhaltender Gewalt reflektiert und ausgeführt werden“ (S. 46). Volker Stümke stellt die Kontroverse um die Atombewaffnung im deutschen Protestantismus anhand der zentralen Positionen vor und legt dar, welche Impulse in der Atomdebatte für die gegenwärtige Friedensethik enthalten sind. Der Streit um den NATO-Doppelbeschluss wird mit Hilfe von drei Voten bzw. Erfahrungsberichten zur Sprache gebracht (Robert Bergmann, Angelika Dörfler-Dierken, Ludwig Jacob). Hans Langendörfer beschließt den historischen Teil, indem er die Entwicklungen in der christlichen Friedensethik nach dem Ende des Kalten Krieges anhand katholischer und evangelischer Positionen beschreibt.

Der zweite Teil beinhaltet neuere Anregungen zur friedensethischen Diskussion. Axel Bohmeyer stellt das Konzept des lateinamerikanischen Philosophen, Historikers und Theologen Enrique Dussel vor, der den diskursethischen Ansatz kritisiert und in seiner „Philosophie bzw. Ethik der Befreiung“ eine Position entwickelt, bei der der Begriff der „Anerkennung“ (unter Zuhilfenahme von Axel Honneths Typologie) eine zentrale Rolle einnimmt. Die Anerkennungstheorie wird dann am Beispiel des Kampfes „um die Anerkennung bzw. Ausweitung der Rechte der indigenen Bevölkerung Mexikos und deren Anrecht auf eine autonome Selbstverwaltung“ (S. 127) konkretisiert. Vor diesem Hintergrund lassen sich friedensethische Impulse benennen, etwa die ethische Rechtfertigung humanitärer Interventionen. Michael Haspel plädiert für eine Weiterentwicklung der Friedensethik als „Ethik des Politischen“, „die eine Rechtsethik gerade ein- und nicht ausschließt, aber über sie hinausgeht“ (S. 148/149). Der theologischethische Ansatz des US-amerikanischen Friedensethikers Stanley Hauerwas wird von Martin Leiner detailliert vorgestellt. Hauerwas hat eine theologische Argumentation für die Legitimität des Pazifismus entwickelt und mit seinem Buch „The Peaceable Kingdom“ eine grundlegende Einführung in die christliche Ethik zu konzipieren versucht. Veronika Bock setzt sich in ihrem Beitrag mit dem von Hans Küng entwickelten „Projekt Weltethos“ vor allem kritisch auseinander.

Der letzte Teil des Sammelbandes widmet sich aktuellen Debatten. Zunächst stellt Matthias Gillner die Kritik von Jürgen Habermas an Michael Walzers Revitalisierung der „Lehre vom gerechten Krieg“ vor. Dabei kommen u. a. die Beurteilungen des Kosovo-Krieges, des Krieges gegen den Terror in Afghanistan und des Irak-Krieges aus den jeweils unterschiedlichen philosophischen Positionen zur Sprache. Habermas bietet mit seinem Konzept der „Konstitutionalisierung des Völkerrechts“ eine „vernünftige Alternative“ zu Walzers „Remoralisierung der internationalen Politik auf Kosten bestehender Restriktionen des Völkerrechts“ (S. 214). Dieter Baumann stellt die Grundzüge seines vielbeachteten Konzepts einer „Integrativen Militärethik“ vor. Militärethik wird verstanden als die kritische Reflexion über (1) das richtige/ gute Handeln von Soldatinnen und Soldaten, (2) das friedensfördernde Verhältnis zwischen Armeen, Staaten und der internationalen Gemeinschaft sowie (3) das Selbstverständnis einer Armee mit ihrer jeweiligen militärischen Kultur. Hartwig von Schubert beschreibt in seinem Beitrag eine Weltnuklearordnung als Aufgabe politischer Ethik. Zwei persönliche Erfahrungsberichte zur Ethik des Offiziersberufs (Hannes Wendroth, Martin Lammert) schließen den Band ab.

Vor dem Hintergrund des veränderten Aufgabenprofils der deutschen Streitkräfte ist eine Thematisierung und Berücksichtigung fundamentaler friedensethischer Positionen hilfreich, die sowohl vergangene Diskussionen als auch gegenwärtige Herausforderungen in den Blick nehmen. Dieses Grundanliegen erfüllt der Sammelband mit seinen instruktiven Beiträgen vortrefflich. Dabei wird verdeutlicht, dass die Reflexion über militärische Einsätze immer an eine übergeordnete Friedensethik rückgebunden sein sollte. Gerade von einer christlichen Friedensethik, die den „Soldaten als Diener des Friedens“ (Die deutschen Bischöfe, Erklärung zur Stellung und Aufgabe der Bundeswehr, 2005) versteht, gehen für den politischen Diskurs um militärische Gewalt wertvolle Überlegungen aus, die in dem Band entdeckt werden können. Das Werk sei allen Interessierten empfohlen, die die Positionen der Friedensethik aus der Perspektive der christlichen Ethik und der politischen Ethik kennen lernen bzw. weiter vertiefen möchten.

Thomas Bohrmann, München