Ethik in Wirtschaft und Unternehmen

Johannes Wallacher / Christian Au / Karcher Tobias (Hg.): Ethik in Wirtschaft und Unternehmen in Zeiten der Krise (Globale Solidarität – Schritte zu einer neuen Weltkultur, 21), Stuttgart: Kohlhammer 2011, ISDN 978–3-17–021649–5.

Seit dem Jahr 2007 stellt die so genannte Finanz- und Wirtschaftskrise eine der zentralen politischen Herausforderungen dar. Die Wirtschafts- und Unternehmensethik sah und sieht sich dadurch ebenfalls vielfältig herausgefordert. Da gegenwärtig häufig bezweifelt wird, dass Politik und Wirtschaft die wichtigsten Konsequenzen aus der Krise gezogen haben, ist es nahe liegend, die ethisch relevanten Erfordernisse im Gesamten zur Sprache zu bringen: Welche Implikationen hat diese Krise für die Wirtschafts- und Unternehmensethik? Das Buch „Ethik in Wirtschaft und Unternehmen in Zeiten der Krise“ stellt sich dieser Frage.

Der Sammelband ist die Publikation zu einer Tagung des Lasalle-Ethik-Forums aus dem Jahr 2010 in der Schweiz. Das Inhaltsverzeichnis verrät, dass die Beiträge in vier inhaltlichen Blöcken gruppiert wurden.

Der erste Teil widmet sich der „Bestandsaufnahme der Wirtschaftsethik und Politik“.

Peter Ulrich, renommierter Wirtschaftsethiker in St. Gallen, stellt Überlegungen zur „Wirtschaftsethik nach der Krise“ auf der Basis seines Ansatzes der Integrativen Wirtschaftsethik an. Es zeige sich deutlich, dass grundlegende Lösungen und der Gestaltungswille in weiten Kreisen der Wirtschaft und Politik nicht (mehr) besteht. „In dieser Situation kommt der Wirtschaftsethik die bedeutsame Aufgabe zu, die der systemischen Krise möglicherweise zugrunde liegende normative Orientierungskrise auszuleuchten und zu reflektieren.“ (1) Der Autor legt plausibel dar, dass es ohne Analyse der normativen Grundlagen der vorherrschenden ökonomischen Modelle und Sachzwangargumente – wenn überhaupt – nur um Symptomlinderung gehen könne.

George G. Brenkert von der Georgetown University in Washington stellt die Veränderungen in der business ethics der USA infolge der Krise dar. Er diagnostiziert, dass es keine merklichen Veränderungen der unternehmensethischen Praxis gebe, die auf neue moralische Werte oder Ansprüche hinweisen würden. So seien die bisherigen, ideologisch vertretenen Grundannahmen und Maximen, wie etwa die Gewinnmaximierung, nach wie vor fest in der Ausbildung künftiger Führungskräfte verankert.

Der Politiker Peter Hess stellt einige Folgen der Krise für die Schweiz dar. Seine Frage, welche Regulierungspflicht die Politik im Hinblick auf die Wirtschaft habe, ist gewichtig und würde eine systematische Analyse verdienen.

Der zweite Teil sammelt Beiträge zur Theorie und Praxis der Unternehmensethik.

Andreas Georg Scherer und Andreas Butz, Institut für Organisation und Unternehmenstheorien an der Universität Zürich, widmen sich den Bedingungen für die Gestaltung der Wirtschaft, die durch die Globalisierung grundlegend verändert sind. Die Autoren fordern einen Paradigmenwechsel, wonach in der Debatte um die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility CSR) die Annahme einer stabilen Rahmenordnung aufgegeben werde. Gefordert wird ein deliberatives Demokratieverständnis, in dem die Unternehmen zu expliziten politischen Akteuren würden, die sozio-ökonomische Verantwortung tragen, an politischen Problemlösungsprozessen mitarbeiten und sich selbst den demokratischen Kontrollen unterwerfen.

Pierin Vincenz von der Geschäftsleitung der Raiffeisenbank Schweiz bietet eine Darstellung des CSR-Engagements bei der schweizerischen Raiffeisen-Gruppe. Walter Grüebler präsentiert Ähnliches für den Chemie-Konzern Sika AG, in dem er Verwaltungsratspräsident ist.

Der dritte Teil stellt „religions- und kulturspezifische Zugänge zur Wirtschaftsethik“ in den Mittelpunkt.

Stephan Rothlin, Center for International Business Ethics in Peking, zeigt aufschlussreiche Einsichten zur Relevanz von Wirtschaftsethik in China auf. Als zentrale Voraussetzung für die allgemeine Anerkennung der Wirtschaftsethik nennt der Autor die Bedeutung der Ethik für die Wirtschaftsfähigkeit: Es müsse für Wirtschaft und Politik deutlich werden, dass die Beachtung moralischer Aspekte in allen ökonomischen Bereichen eine unverzichtbare Grundlage für die erfolgreiche Verfolgung international ausgerichteter Strategien sei.

Johannes Wallacher und Karoline Scharpenseel, Institut für Gesellschaftspolitik in München, setzen sich mit den unternehmensethischen Grundorientierungen der katholischen Soziallehre auseinander. Sie erkennen in der Erfordernis, religiöse Sozialethik vernünftig zu begründen, den Impuls für die Unternehmensethik, sich stärker dem Desiderat interkulturell vermittelbarer Begründungen zu widmen.

Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, informiert knapp über Leitnormen der Wirtschafts- und Unternehmensethik aus jüdischer Perspektive und Tradition. Khal doun Dia-Eddine, School of Management and Law in Winterthur, präsentiert Überlegungen aus islamischer Perspektive.

Christoph Stückelberger, systematischer Theologe und Ethiker in Basel sowie Direktor von Globethics.net, bietet Ergebnisse einer globalen Studie zur Entwicklung der Wirtschaftsethik weltweit. Insgesamt zeige sich, „dass die Bedeutung der Religionen im aktuellen wirtschafts- und unternehmensethischen Diskurs auf allen Kontinenten zunimmt.“ (113)

Den letzten Teil des Buches bildet der Beitrag des anerkannten Wirtschaftsethikers Georges Enderle. Aus der Krise ergäben sich drei Lehren:

  • Die vorherrschende individualistische Wirtschaftsauffassung habe versagt und im Grunde ihre Legitimation verloren;
  • die Annahme einer wertfreien Wirtschaft sei als Illusion entlarvt;
  • die ausschließliche Ausrichtung an kurzfristigen Zielen habe sich (mit fatalen Folgen) als unfähig erwiesen, längerfristige Ziele ins Auge zu fassen.

Notwendige Schwerpunkte für die Wirtschafts- und Unternehmensethik sieht Enderle in der Arbeit

  • an einem neuen Reichtumsbegriff,
  • an der globalen Gewährleistung der Menschenrechte und
  • am Beitrag der Religionen.

Die Beiträge des Buches lassen den ursprünglichen Referatscharakter erkennen. Der Ertrag für LeserInnen ist je nach Artikel unterschiedlich gegeben. Einige inhaltliche Schwerpunkte lohnt es aber jedenfalls festzuhalten:

a) Den Religionen wird in der Struktur des Buches ein bedeutendes Motivationspotenzial zugetraut. Insbesondere die Beiträge zur jüdischen und islamischen Wirtschaftsethik zeigen, dass hier Forschungsbedarf besteht und dass die Diskussionen mit den Religionen beträchtliches Potenzial haben dürften.

b) Angesichts der politischen Krisen ist es für die Wirtschafts- und Unternehmensethik entscheidend, die Diskussion über die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik an der Ethik als deren Basis anzumahnen und anscheinende Handlungszwänge in diesem Bereich kritisch zu thematisieren. Aus der globalen Dimension der Wirtschaft ergibt sich die Forderung, die ethische Legitimation von wirtschaftspolitischen Entscheidungen insbesondere auch im Hinblick auf andere Länder und Völker auszuweisen.

c) Die Bedeutung der Wirtschafts- und Unternehmensethik ist mittlerweile für viele ÖkonomInnen ebenso einsichtig wie für zahlreiche UnternehmerInnen und die Öffentlichkeit insgesamt. Allerdings ist es ein Problem, wenn eine breitere Akzeptanz dieser Ethikdisziplin das einseitige Interesse am unternehmerischen Handeln begünstigt. Gerade das Bestreben, trotz der Rufe nach grundlegenden Umgestaltungen des Wirtschaftssystems zu Beginn der „Krise“ nun wieder „business as usual“ zu verfolgen, lässt die kritische Auseinandersetzung mit den sittlichen Fundamenten der Wirtschaft vordringlich erscheinen.

Edeltraud Koller, Linz